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Während die Abiturienten über den Aufgaben ihrer Reifeprüfung sitzen, wird verhandelt, wie ein Corona-Bonus fürs Abi 2020 aussehen könnte und ob er nötig ist.

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Das schriftliche Abitur in Baden-Württemberg hat begonnen - ganz im Zeichen von Corona- mit Abstandsregeln und Hygieneschutzverordnung. Im Vorfeld hat es viel Aufregung gegeben. Schülerinnen und Schüler hatten bundesweit gefordert, das Abitur für dieses Jahr ganz abzublasen und stattdessen ein Durchschnittsabitur aus den schon vorliegenden Noten zu errechnen.

Kultusminister gegen Durchschnittsabitur

Ein Durchschnittsabitur haben die Kultusminister abgelehnt, möglicherweise weil zu diesem Zeitpunkt die Abiprüfungen in Hessen und Rheinland-Pfalz schon gelaufen waren. Nun hat der deutsche Hochschulverband gefordert, den Abiturienten bei schlechtem Abschneiden eine Art Corona-Bonus zu geben.

Corona-Bonus fürs Abitur, wenn die Zeugnisse schlecht ausfallen

Der Präsident des deutschen Hochschulverbandes, Professor Bernhard Kempen, hat gefordert, den Abiturienten einen Corona-Bonus zuzuerkennen, falls die Leistungen deutlich schlechter ausfallen werden. Also falls die Abiturnoten im Schnitt fast eine halbe Note schlechter ausfallen sollten wie in den Vorjahren. Eine Art Bonus könnten dann auch die Hochschulen selbst geben, indem sie dem Jahrgang bei den zulassungspflichtigen Fächern entgegenkommen - so der Vorschlag.

Dieses Jahr werden die schriftlichen Abiturprüfungen in Baden-Württemberg unter erschwerten Bedingungen durchgeführt.  (Foto: Imago, imago images )
Dieses Jahr werden die schriftlichen Abiturprüfungen in Baden-Württemberg unter erschwerten Bedingungen durchgeführt. Imago imago images

Hochschulrektoren gegen Abibonus bei Studienbeginn

Der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz in Baden-Württemberg, Professor Stefan Dabbert hält es nicht für den richtigen Weg, dass die Hochschulen die schwierigen Bedingungen für das Abitur pauschal hinterher korrigierten.

Ich denke, dass wir auch berücksichtigen müssen, dass einige Bundesländer wie zum Beispiel unser Nachbarland Rheinland-Pfalz in der Vorbereitung gar nicht tangiert waren von der Corona-Krise. Da stellt sich die Frage, wie man damit umgehen sollte.

Professor Stefan Dabbert, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz.
Stephan Dabbert, Rektor der Universität Hohenheim und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz in Baden-Württemberg. (Foto: dpa Bildfunk, Christoph Schmidt)
Stephan Dabbert, Rektor der Universität Hohenheim und Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz in Baden-Württemberg. Christoph Schmidt

Mögliche Boni für das Corona-Abitur sollen auf Schulebene verhandelt werden

Dabbert, der auch Rektor der Universität Hohenheim ist, findet, dass ein Ausgleich - wenn nötig - auf Ebene der Schulen zum Beispiel bei der Korrektur der Abiaufgaben durchgeführt werden sollte. Und er fragt im Gegenzug:

Gilt der Vorschlag auch, wenn die Abiturnoten nun im Schnitt besser sein sollten? Schlägt der Hochschulverband dann einen Abzug vor?

Stefan Dabbert, Rektor der Uni Hohenheim

Gymnasialdirektoren rechnen nicht mit schlechterem Abischnitt

Uwe Müller, Vorsitzender des Direktorenverbandes Nordbaden – also der Vereinigung der Gymnasialdirektoren, rät erstmal abzuwarten, ob das Abitur in Baden-Württemberg wirklich so schlecht ausfällt, wie man es befürchtet. Er bezweifelt, dass es so große Abweichungen nach unten geben wird. Stattdessen vermutet Müller, wird das Abi im Durchschnitt der letzten Jahre liegen.

Studierende fordern ein Durchschnittsabitur

Der deutsche Hochschulverband fordert, dass dem Abiturjahrgang 2020 durch die Coronakrise kein Nachteil entstehen soll. Das findet auch Jacob Bühler, der die Hürde Abitur schon genommen hat. Er studiert an der Universität Tübingen und engagiert sich im Vorstand der Studierendenvereinigung FZS:

Wir glauben eine bessere Lösung wäre, dass man allen ein freiwilliges Durchschnittsabitur ermöglicht. Das heißt, wer die Abiturprüfung nicht schreiben will, muss die nicht schreiben. Die Schülerinnen bekommen dann alle vorherigen Noten als Durchschnitt zusammen gerechnet und wer die Prüfung eben doch schreiben will und dann aber schlechter abschneidet, bei dem soll diese Prüfung dann einfach nicht in den Schnitt mit rein zählen

Jacob Bühler aus dem Vorstand des fzs
Im Jahr 2020 werden die schriftlichen Abiturklausuren oft in Sporthallen mit den vorgeschriebenen Hygienerichtlinien geschrieben.  (Foto: Imago, imago images / Noah Wedel)
Im Jahr 2020 werden die schriftlichen Abiturklausuren oft in Sporthallen mit den vorgeschriebenen Hygienerichtlinien geschrieben. Imago imago images / Noah Wedel

Nach Ansicht der Lehrer sind die Abiturienten 2020 sehr gut vorbereitet

Uwe Müller, Rektor des Max-Planck-Gymnasiums in Karlsruhe, geht davon aus, dass die diesjährigen Abiturienten sehr gut vorbereitet sind. Zumindest wenn man objektiv die Rahmenbedingungen betrachte. Die Prüfungen wurden vier Wochen nach hinten verlegt und genau diese Zeit wurde von den Lehrerinnen und Lehrern genutzt, um ihnen nochmal den Stoff nahe zu bringen und sie auf die schriftlichen Abiturprüfungen zu konzentrieren. Deshalb hätten die Abiturientinnem prinzipiell alle Möglichkeiten, ein gutes Abi zu schreiben:

Ich drücke allen jetzt die Daumen und bin mir auch ganz sicher, dass das ganz gut klappt.

Uwe Müller, Rektor des Max-Planck-Gymnasiums in Karlsruhe.

Abiturnote errechnet sich auch aus vielen Noten der Vor-Coronazeit

In die endgültige Abiturnote fließen viele Vornoten aus der Vor-Corona-Zeit – also aus den ersten drei Halbjahren. Sie können das Ergebnis stabilisieren. Dass die Corona-Krise Schülerinnen und Schüler in ihrer Abi-Vorbereitungszeit beeinträchtigt hat, bedenkt Rektor Müller schon.

Wie stark habe ich jetzt Ängste aufgrund der Situation, dass ich denke, ich könnte mich anstecken. Wie geht es in der Familie, haben die Eltern Probleme mit dem Lebensunterhalt ? Welche Lernbedingungen habe ich daheim gehabt. Diese Dinge sind natürlich schwer abzuschätzen und können durchaus Einfluss nehmen.

Uwe Müller, Vorsitzender des Direktorenverbandes Nordbaden

Lehrkräfte sollen Rücksicht nehmen - auch bei der Bewertung des Abiturs

Rektor Müller hofft nun, dass diese Einschränkungen nicht so stark auf die Abiprüfungen durchschlagen. Und er setzt darauf, dass die Lehrkräfte viel Rücksicht auf die diesjährigen Abiturienten nehmen und dass die Corona-Krisenzeit auch bei der Bewertung der Prüfungen berücksichtigt wird.

Die Abiturienten wurden in den vergangenen Wochen auf ihre Prüfungen vorbereitet. Unter Einhaltung von  strengen Hygienevorschriften und Abstandsregeln.  (Foto: Imago, Imago)
Die Abiturienten wurden in den vergangenen Wochen auf ihre Prüfungen vorbereitet. Unter Einhaltung von strengen Hygienevorschriften und Abstandsregeln. Imago Imago

Auch Hochschulrektor Stephan Dabbert hält es für angemessen, dass wegen der Sondersituation die Prüfungsbewertung und Ausgabenaufwahl für das Abitur angepasst werden. Er geht aber nicht davon aus, dass die Abinoten im Schnitt schlechter sein werden als in den Vorjahren:

Ich glaube nicht, dass diese wenigen Wochen jetzt durchschlagend die Qualität der Abiturienten verändern werden. Ich glaube vielmehr, dass sie andere wichtige Dinge dazugelernt haben: Zum Beispiel Selbstorganisation.

Hochschulrektor Stephan Dabbert

Der nächste Abiturjahrgang wird stärker von der Corona-Krise betroffen sein

Der kommende Abiturjahrgang bereitet den Gymnasien jetzt schon große Sorgen. Bei denen, die nun in der elften Klasse in den Startlöchern stehen, werde schließlich auch die Vorbereitungszeit aufs Abitur durch Corona ziemlich schwierig. Das befürchtet auch Stephan Dabbert, Rektor der Uni Hohenheim:

Der nächste Jahrgang wird in den Schulen sicher erschwerte Bedingungen haben. Wenn tatsächlich auf breiter Front die Noten dann absinken, dann könnte man sich das mit dem Abitur-Bonus nochmal überlegen.

Der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz, Stephan Dabbert.
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