Vulkanologie Wie gut lassen sich Vulkanausbrüche vorhersagen?

Bei einem Vulkanausbruch auf der Insel White Island in Neuseeland gab es Tote und Verletzte. Hat das Frühwarnsystem nicht funktioniert? Lassen sich solche Vulkanausbrüche überhaupt vorhersagen?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

Rund 17.500 Touristen haben die Wild Island letztes Jahr besucht, obwohl 2016 dort erst der letzte Ausbruch war. Damals wurde zum Glück kein Mensch verletzt.
Lassen sich Vulkanausbrüche heutzutage zuverlässig vorhersagen?
Über Krater-Tourismus und Frühwarnsysteme für aktive Vulkane sprach SWR2 Impuls mit dem Geophysiker und Vulkanexperten Professor Joachim Ritter vom Karlsruher Institut für Technologie:

Ein als aktiv bekannter Vulkan bricht aus und 47 Touristen spazieren gerade auf dessen Krater herum. Wie kann das sein? Gibt es da kein Frühwarnsystem?

Es gab ein Frühwarnsystem. Dieses Frühwarnsystem hatte auch schon angeschlagen, das heißt, man hatte die Warnstufe schon erhöht.

Gleichzeitig muss man natürlich sehen, dass in Touristen-Gebieten auch ein großer Druck herrscht, dass die Touristen da hin können, wo sie hin wollen, weil es schließlich auch um Geld geht.

Rettungskräfte suchen nach dem Vulkanausbruch auf White Island nach Überlebenden.  (Foto: Imago, imago images/Xinhua)
Rettungskräfte suchen nach dem Vulkanausbruch auf White Island nach Überlebenden. Imago imago images/Xinhua

Und das wiegt dann höher als die Sicherheit?

Solange man keine offensichtliche Eruption sieht, steht natürlich primär das Interesse am Geld verdienen im Vordergrund. Außerdem ist es auch schwierig, den Leuten klar zu machen, dass es gefährlich wird, wenn man keine Eruption sieht.

Kann man Eruptionen in den Messungen vorher erkennen?

Ja, es gibt drei Warnstufen, die schon vor einer eigentlichen Eruption greifen. Diese springen allerdings oft hin und her. Mal sind sie auf eins, mal auf zwei. Zwei war die Warnstufe, die für Sonntag und Montag ausgegeben war.

Teilweise gehen die Warnstufen dann auch nach ein paar Tagen wieder runter und es passiert nichts. Es ist oft wirklich nur eine Kleinigkeit, die darüber entscheidet, ob irgendeine Option stattfindet oder nicht. Und diese Kleinigkeit ist häufig nur sehr kurzfristig zu sehen oder gar nicht.

Vulkanausbruch auf White Island (Foto: Imago, imago images/Xinhua)
Gefährliches Naturschauspiel: Vulkanausbruch auf White Island. Imago imago images/Xinhua

Woher kommen diese Schwankungen in den Warnstufen?

Diese Schwankungen kommen daher, dass sich praktisch innerhalb des Vulkangebäudes zum Beispiel Druck aufbaut, dass da Lava einfließt, dass sich praktisch Änderungen des Vulkans ergeben. Und dann sieht man zum Beispiel erhöhte Erdbebentätigkeit, die mit dem Lavafluss zu tun hat. Oder aber man sieht zum Beispiel einen erhöhten Gasfluss.

Diese Parameter wurden eigentlich genauso beobachtet in den letzten Wochen. Also die Warnstufe zwei wurde schon am 18. November ausgerufen und es ist eben zunächst nichts Größeres passiert. Dann wiegen sich viele Leute dummerweise in einer Sicherheit, die eigentlich nicht da ist. Und so kann es eben zu solchen Unglücken kommen.

Absperrzaun nach Vulkanausbruch auf White Island (Foto: Imago, imago images/AAP)
Es gab erste Anzeichen für eine bevorstehenden Ausbruch, aber diese Signale wurden wohl ignoriert. Vulkantourismus ist ein durchaus lukratives Geschäft. Imago imago images/AAP

Ist das dann auch der Unterschied zu reinen Erdbebenfrühwarnsystemen? Macht das dann den Vulkan unberechenbarer?

Nein, der Vulkan ist sogar letztlich noch besser in den Griff zu bekommen bezüglich einer Vorwarnung als ein Erdbeben. Bei einem Erdbeben haben wir es mit dem Aufbau von Spannungen an großen Gesteinspaketen und an Störungen dieser Gesteinspakete zu tun. Diese Spannungen können wir eigentlich gar nicht direkt messen. Das heißt, da sind wir viel blinder im Vergleich zu einem Vulkan.

Bei einem Vulkan sehen wir zum Beispiel, wenn das Magma sich bewegt, dass die Erdbebentätigkeit zunimmt. Wir sehen zum Beispiel auch, dass die Temperaturen an Quellen größer werden. Wir sehen, dass mehr Gas rauskommt. Wir können oft sogar auch eine Deformation des Vulkangebäudes messen. Das heißt, wir haben bei einen Vulkan eigentlich sogar noch eine bessere Möglichkeit für eine Vorhersage, weil wir mehr Parameter messen können.

Mit Vulkantourismus lässt sich gut Geld verdienen.    (Foto: Imago, imago images/AAP)
Mit Vulkantourismus lässt sich gut Geld verdienen. Imago imago images/AAP

Sollten aktive Vulkane nicht eigentlich grundsätzlich für Touristen Sperrgebiet sein?

Da ist natürlich die Frage, wo man zum Beispiel das Wort "aktiv" genau einordnet. Was ist "aktiv"? Ist es "aktiv", wenn ich weiß, dass alle zehn Jahre eine Eruption stattfindet? Ist es "aktiv", wenn es nur einmal im Jahr passiert oder wöchentlich? Da gibt es schon wieder Schwierigkeiten, auch mit den Begrifflichkeiten.

Und es ist eben doch ein sehr großer Druck da. Man hat es letztes Jahr zum Beispiel sehr gesehen am italienischen Vulkan Stromboli, hier in Europa.
Da gab es ja auch eine Eruption, bei der ein Tourist zu Tode gekommen ist. Relativ schnell wurde dieser Vulkan teilweise wieder geöffnet, sogar für Gipfelbegehungen, weil die Hotels großen Druck ausübten, um ihre Gäste behalten zu behalten.

Ich kann die Leute verstehen, die das sehen wollen. Denn es ist natürlich schon ein herausragendes Spektakel, so einen Vulkan zu sehen. Und man muss auch sehen: Es sind letztlich relativ wenige Leute, die da wirklich insgesamt zu Schaden kommen. Aber natürlich ist jedes einzelne Opfer zuviel.

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