Depressionen erfordern eine professionelle Behandlung (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Frank May)

Psychologie Onlineprogramm soll gegen Depressionen helfen

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Ein Computerprogramm soll Patienten mit einer Depression dabei unterstützen, ihre Krankheit zu bewältigen.

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16:05 Uhr
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SWR2

Jeder Mensch kennt schlechte Phasen. Da macht alles nicht mehr so richtig Spaß, die Tage sind grau in grau, es fehlt einfach Energie. Manche sagen dann: "Ich habe eine depressive Phase“. Wer sich aber mit Depressionen auskennt, weiß, dass derlei Verstimmungen damit nichts zu tun haben.

Professionelle Hilfe bei Depressionen erforderlich

Dauerhaft gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Konzentrationsprobleme. Selbstwertmangel oder körperliche Symptome sind klassische Anzeichen einer Depression. Für eine gesicherte Diagnosestellung sollten Betroffene allerdings ihren Hausarzt, einen Facharzt für Psychiatrie/ Psychotherapie/ Nervenheilkunde oder einen Psychologen aufsuchen.

Wer richtige Depressionen hat, braucht professionelle Hilfe, um da wieder raus zu kommen, sagen Experten. Die Deutsche Stiftung Depressionshilfe bietet einen Selbsttest an, der zumindest erste Hinweise auf eine zu behandelnde Depression geben kann.

Auch Männer sind von Depressionen betroffen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, David Eulitt/Kansas City Star/TNS)  Photo via Newscom picture alliance)
Bei der Behandlung von Depressionen sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden David Eulitt/Kansas City Star/TNS) Photo via Newscom picture alliance

Computerprogramm ist kein Therapieersatz

Unterstützung bei der Bewältigung der Krankheit gibt es neuerdings auch in Form von Computerprogrammen. Eines nennt sich „iFight Depression“ – übersetzt heißt, das: Ich bekämpfe die Depression.

In einer begleitenden Studie wurde gezeigt: Das Programm kann Betroffenen tatsächlich helfen, als Therapieersatz sei es aber nicht geeignet. Entwickelt wurde „iFight Depression“ von der Deutschen Stiftung Depressionshilfe, die in Leipzig ihren Hauptsitz hat. Hier wird das Programm erklärt:

Wieder den Alltag bewältigen lernen

iFight Depression soll Betroffene dabei unterstützen, den Weg zurück in einen normalen Alltag zu finden. Selbst kleine Aufgaben oder Tätigkeiten, wie z.B. eine Waschmaschine auszuräumen oder Freunde zu treffen, die man innerhalb der Depression nicht erledigen konnte, werden in einer Art von Tagebuch eingetragen. Das ermöglicht, auch kleine Erfolge und Fortschritte zu erkennen und daran zu wachsen.

Das Eintragen in das Onlinetagebuch gibt Betroffenen Sicherheit, hilft dabei, ihre Gefühle zu entwirren. Doch was muss so ein Programm bieten, damit es das schafft?

Tagebuch der Erfolge und Misserfolge im Alltag

Die Psychologin Caroline Oehler untersucht Online-Interventionen für Depressionserkrankte, auch die Seite von iFight Depression. Gleich auf der Startseite erscheinen dort mehrere Reiter nebeneinander angeordnet. Darauf steht mit roter Schrift auf weißem Grund z.B. „Denken, Fühlen, Handeln“, „Schlaf und Depression“, „schöne Dinge planen und unternehmen“, „Dinge erledigen“, „negative Gedanken erkennen“. Und hinter diesen Schlagworten verbergen sich unterschiedliche Aufgaben. Caroline Oehler nennt es "Workshops".

„Denken, Fühlen, Handeln“ sei eine Einleitung in eines der Grundprinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie:

  • Wie kann ich meine Gedanken natürlich beeinflussen?
  • Was fühle ich danach?
  • Wie beeinflussen wiederum meine Gefühle meine Handlung und umgekehrt?

Depressionen bleiben oft unentdeckt und daher unbehandelt

Das Programm selbst mache aufmerksam auf das eigene Befinden, denn bei der Krankheit Depression passiere alles im Kopf. Sichtbare Schäden gibt es nicht, sagt Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Höchstens ein trauriges Gesicht zeuge davon, oder dass der selbstbewusste, aufrechte Gang verloren gegangen ist. Seit Jahren klärt der Psychiater über Depressionen auf, mit mäßigem Erfolg.

Ich glaube der Umgang mit der Depression ist in allen Lebensbereichen schwierig. Man muss nicht allen erzählen, dass man diese Erkrankung hat. Wichtig ist aber, dass man überhaupt erkennt, dass der Zustand in dem man ist, eine Depression ist und das man sich Hilfe holen muss.

Ulrich Hegerl

Studien belegen Wirksamkeit

Seit 30 Jahren setzt sich der Psychiater Ulrich Hegerl für die bessere Erforschung und Behandlung der Krankheit ein. Studien würden zeigen, so Hegerl, dass vom Arzt begleitete Programme viel besser wirken, als unbegleitet. Deshalb darf iFight Depression nur von Ärzten herausgegeben werden. Und ärztliche Hilfe bräuchten diese Menschen allemal.

Menschen mit Depressionen neigen beispielsweise zu Schuldgefühlen. Sie geben sich die Schuld: Ich bin die Überforderung für meine Familie. Betroffene geben auch an, sie können keine Gefühle wahrnehmen, auch keine negativen wie Trauer - sie fühlen sich wie tot, wie versteinert.

Ulrich Hegerl

Selbstmorde als Folge unbehandelter Depressionen

Aus der Depression wieder rauszukommen sei sehr schwer und einige schaffen es nie. Die Ursache für die weit über 9000 Selbstmorde jedes Jahr in Deutschland sieht Ulrich Hegerl vor allem in unbehandelten Depressionen.

Das Onlineprogramm iFight Depression soll dagegen steuern. Es wird in Deutschland mittlerweile von mehreren tausend Patienten genutzt, und wurde in 10 Sprachen übersetzt, zuletzt ins Arabische. Auch während stationärer Therapien geben es Ärzte an die Patienten weiter.

Die Neurologin Maria Strauß hat mit dem Onlineprogramm iFight Depression am Leipziger Universitätsklinikum gute Erfahrungen gemacht. Ob die Patienten es dann tatsächlich nutzen, habe viel mit dem Alter zu tun.

Ältere Menschen seien skeptisch, jüngere hingegen würden sogar danach fragen. Mittlerweile hat Maria Strauß die Erfahrung gemacht, dass durchaus ältere Patienten, die ein Smartphone besitzen, das nutzen und sagen, das sei eine gute Wiederholung von Sachen, die während der Therapie, z.B. in der Gruppe, gemacht haben.

Frau mit Smartphone, depressiv  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / dpa Themendienst / Christin Klose)
Das Programm "IFightDepression" kann bei Depression unterstützend bzw. in Ergänzung zu einer Therapie angeboten werden. picture alliance / dpa Themendienst / Christin Klose

Onlineprogramm zur Überbrückung beim Warten auf Therapieplatz

Doch machen es sich Ärzte mit einem Selbsthilfeprogramm nicht zu einfach? Patientinnen und Patienten könnten sich abgeschoben fühlen. Die Psychologin Caroline Oehler hat darüber schon oft nachgedacht, sieht aber mehr Vor- als Nachteile. Die Nutzer könnten damit selbstständig zu Hause viel für sich selbst tun.

Und für eine Übergangszeit, bis ein Therapieplatz frei wird, sei es allemal gut. In den letzten Monaten wertete sie eine Studie aus, die das bestätigt. 347 Probanden nahmen daran teil. Die eine Hälfte arbeitete mit iFight Depression, die andere mit einem Online-Entspannungsprogramm.

Auf die Therapie müssen Menschen mit Depressionen oft lange warten (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / BSIP / Alice S.)
Auf die Therapie müssen Menschen mit Depressionen oft lange warten. Bei leichteren bis mittleren Fällen kann eine Onlinebegleitung die Zeit bis zur eigentlichen Therapie überbrücken helfen. picture alliance / BSIP / Alice S.

Klinik und Ärzte für zu Hause

Die Versuchspersonen haben sechs Wochen damit gearbeitet. Die Forscher konnten feststellen, dass über die sechs Wochen die Symptome der Depression zurückgingen und dass durch iFight Depression die Lebensqualität, im Vergleich zu Kontrollgruppe, signifikant mehr anstieg.

Geeignet ist das Programm hauptsächlich für Patienten mit einer leichten bis mittelschweren Depression, bestätigen Psychologen. Doch auch in schwereren Fällen kann iFight Depression Betroffenen helfen, zum Beispiel direkt im Anschluss an einen Klinikaufenthalt:

Ich konnte mit iFight Depression meinen Tag strukturieren. Konnte mich anhand bestimmter Benotungen, wie ich z.B. geschlafen habe, oder wie ich aus dem Bett gekommen bin, oder wie ich die Aufgaben des Tages erledigt hab, anhand der Benotung immer erkennen, wie fühle ich mich, wie geht es mir, geht es bergauf oder geht es evtl., wieder bergab. Das war wirklich, als hätte ich die Klinik und die Ärzte , die mich dort unterstützt haben, einfach mit nach Hause genommen.

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