Bei einem Schlaganfall ist die Zeit ein wichtiger Faktor (Foto: Imago, imago/Science Photo Library)

Medizin Neue Therapien gegen Schlaganfall

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Rund 260.000 Menschen in Deutschland sind jedes Jahr von einem Schlaganfall betroffen. Ulrike Till war beim Neurologenkongress und berichtet über die neuesten Ansätze zur Therapie.

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16:05 Uhr
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SWR2

Nach einem Schlaganfall haben Patienten oft Mühe beim Sprechen, beim Gehen oder Greifen. Der Grund: Ihre beiden Hirnhälften arbeiten nicht mehr optimal zusammen. Dank moderner Methoden überleben viel mehr Patienten als früher, dennoch ist der Schlaganfall hierzulande immer noch die dritthäufigste Todesursache. Doch es gibt vielversprechende neue Ansätze. Fragen an die SWR -Medizinexpertin Ulrike Till:

Wo gibt es denn ganz konkret greifbare Fortschritte?

Ein ganz wichtiger Punkt sind neue Studien zur Akutbehandlung: Bis vor kurzem ist man noch davon ausgegangen, dass eine Therapie nur in den ersten 4,5 Stunden nach dem Schlaganfall sinnvoll ist. In einer Reihe von Fällen aber kann die Behandlung mit blutverdünnenden Mitteln offenbar selbst nach neun Stunden noch etwas bringen: Ganze 50 Prozent mehr Patienten als bisher könnten demnach für diese sogenannte Thrombolyse in Frage kommen.

Auf dem Kongress haben deshalb jetzt einige Experten gefordert, die Leitlinien entsprechend zu ändern.  Im Kernspin oder mit speziellen CT-Bildern können Ärzte erkennen, wer von der späten Behandlung voraussichtlich profitiert. Diese Untersuchungen sind bisher allerdings noch nicht überall Standard. Das Motto „time is brain“ gilt übrigens weiter: je früher jemand in die Klinik kommt, desto größer sind die Chancen der Patienten.

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Gibt es noch mehr Änderung in der Versorgung kurz nach dem Schlaganfall?

Es gibt eine vielversprechende Idee, die bald europaweit getestet werden soll: da geht es darum, Patienten in der Frühphase mit reinem Sauerstoff zu behandeln. Das passiert auch heute schon immer mal wieder im Rettungswagen, aber da bekommen Patienten viel weniger Sauerstoff pro Minute zu atmen. Bei der neuen Studie sollen es 40 Liter pro Minute sein.

Bei den meisten Schlaganfällen ist ja ein Blutgerinnsel im Gehirn die Ursache. Und da gibt es rund um dieses Gerinnsel oft auch eine Zone, in der sich noch Hirnzellen retten lassen. Wenn man dieses schwach durchblutete Hirngewebe mit einer Extradosis Sauerstoff länger erhalten kann, wäre das ein großer Fortschritt.

Einsatz von reinem Sauerstoff bei einem Schlaganfall (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / imageBROKER)
Bei einem Schlaganfall kann der Einsatz von reinem Sauerstoff vermutlich den Behandlungsverlauf positiv beeinflussen. picture alliance / imageBROKER

Ist reiner Sauerstoff über längere Zeit nicht schädlich für die Lunge?

Im Prinzip schon, aber hier geht es nur um zwei bis vier Stunden; ernsthafte Probleme treten erst deutlich später auf. Das versichern Schlaganfallexperten der Uniklinik Tübingen; dort ist die internationale Studie schon angelaufen. Nur ein kleiner Teil der Patienten kommt dafür in Frage: Sie müssen spätestens drei Stunden nach dem Schlaganfall in der Klinik oder im Rettungswagen sein. Und es muss eine Chance geben, das Gerinnsel im Gehirn später zu entfernen.

Denn das ist der Knackpunkt bei der Sauerstofftherapie: Sie hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Engstelle im Hirn so schnell wie möglich beseitigt wird -- durch Medikamente oder durch eine Operation. In Tierversuchen hat das sehr gut geklappt, ob es auch beim Menschen funktioniert wie gehofft, muss sich in den nächsten drei Jahren zeigen.

Gibt es denn auch Neues für die Langzeittherapie nach Schlaganfall?

Ja, da gibt es in Tübingen ein weiteres sehr spannendes Forschungsprojekt: Connect to brain heißt das. Es geht um maßgeschneiderte Hirnstimulation von außen, über eine Haube mit Elektroden und Magnetspulen. Die Idee dahinter: Nach einem Schlaganfall arbeiten die beiden Hirnhälften nicht mehr optimal zusammen; die Stimulation soll das ändern.

In Studien hat das bei manchen Patienten auch schon dazu geführt, dass sie wieder besser greifen oder sprechen konnten. Diese transkranielle Magnetstimulation gibt es schon eine Weile, aber bisher nur mit einer einzigen Magnetspule und einer Standardstimulation, die bei allen Patienten gleich ist.

Transkranielle Magnetstimulation an der Uniklinik Tübingen  (Foto: Pressestelle, Universitätsklinikum Tübingen)
Die transkranielle Magnetstimulation wird an der Uniklinik Tübingen bereits erfolgreich eingesetzt, u.a. bei Schlaganfallpatienten. Pressestelle Universitätsklinikum Tübingen

Und was soll jetzt bei dem neuen Ansatz anders funktionieren?

Das neue Ziel ist sehr viel ehrgeiziger: es geht darum, für jeden Patienten die optimale Stimulation finden. Die Forscher wissen inzwischen, dass es am meisten bringt, Knotenpunkte im Gehirn genau dann zu reizen, wenn sie gerade miteinander kommunizieren. Das lässt sich über ein EEG messen, dann kann die Stimulationshaube über bis zu 50 Magnetspulen gezielt Impulse am richtigen Ort zur richtigen Zeit setzen. So sollen Patienten zum Beispiel besser lernen, wieder mit Messer und Gabel zu essen oder Gegenstände zu greifen.

Im Moment laufen erste Tests nur mit Gesunden, bis 2025 soll dann die perfekte Stimulationshaube fertig entwickelt sein. Auch Testreihen mit Alzheimerpatienten sind geplant. Es kann allerdings auch sein, dass die Forscher feststellen, dass die Hirnreizung von außen nicht gut genug funktioniert – dann müsste man vielleicht doch eher auf implantierte Elektroden setzen; das ist aber deutlich riskanter.

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