Medizin Neue Therapien gegen Schlaganfall

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Rund 260.000 Menschen in Deutschland sind jedes Jahr von einem Schlaganfall betroffen. Doch es gibt neue, vielversprechende Ansätze zur Therapie.

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Diagnose Schlaganfall – alle zwei Minuten kommt ein Deutscher deswegen ins Krankenhaus. Ein Blutgerinnsel oder eine Hirnblutung sorgt für eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff. Nervenzellen sterben ab. Überlebt der Patient, wird er häufig zum Pflegefall. Viele der Schäden im Gehirn sind zu groß. Das Gehirn erholt sich nicht mehr von selbst. Deshalb möchten Ärzte der Uniklinik Tübingen das Gehirn gezielt stimulieren. Damit soll das Gehirn wieder besser in den Takt kommen. Vor allem bei der Langzeittherapie könnten Patienten in Zukunft von der neuen Technik profitieren.

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16:05 Uhr
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SWR2

Elektrische Reize für das Gehirn

Mit der sogenannten transkraniellen Magnetstimulation – kurz TMS - soll sich das betroffene Gehirn schneller erholen – die Ausfälle nach dem Schlaganfall noch besser zurückbilden. Möglich macht das eine Magnetspule: Sie sorgt während der Therapie für elektrische Reize und stimuliert die Nervenzellen im Gehirn.

Ungleichgewicht in beiden Gehirnhälften

Die Behandlung dauert eine halbe Stunde. Durch die Stimulation soll das Gehirn schneller regenerieren und wieder ins Gleichgewicht kommen. Das ist nämlich nach einem Schlaganfall alles andere als selbstverständlich. Ein Beispiel: Durch einen Schlaganfall stirbt ein Hirnareal ab – beispielsweise die rechte Gehirnhälfte. Es kommt zu Ausfällen. Die andere Gehirnhälfte wird aktiver und versucht damit die Schäden auszugleichen. Ohne Erfolg – ganz im Gegenteil: Durch die überaktive Hirnhälfte kann sich das Gehirn sogar schlechter erholen.

Bei einem Schlaganfall ist die Zeit ein wichtiger Faktor (Foto: Imago, imago/Science Photo Library)
Bei einem Schlaganfall ist die Zeit ein wichtiger Faktor. Imago imago/Science Photo Library

Damit ist das Gleichgewicht dieser beiden Gehirnhälften nicht mehr in der Balance. Und wir erreichen mit der Magnetstimulation, dass wir diese Balance durch Senkung oder Steigerung der Erregbarkeit in den beiden Gehirnhälften wiederherstellen.

Ulf Ziemann – Neurologe Uniklinik Tübingen

Magnetstimulation muss weiter verbessert werden

Genau hier soll die Stimulation helfen. Die Magnetspule sorgt für elektrische Impulse und für ein Gleichgewicht zwischen den beiden Hirnhälften. Soweit die Theorie, bisher hat die Technik aber Schwächen. So spürt der Patient durch die Magnetstimulation bisher nur kleine Fortschritte. Viele Krankenkassen übernehmen daher nicht die Kosten für die TMS-Therapie. Auch deshalb versuchen die Tübinger, die Therapie noch weiter zu verbessern. 

Transkranielle Magnetstimulation an der Uniklinik Tübingen  (Foto: Pressestelle, Universitätsklinikum Tübingen)
Die transkranielle Magnetstimulation wird an der Uniklinik Tübingen bereits erfolgreich eingesetzt, u.a. bei Schlaganfallpatienten. Pressestelle Universitätsklinikum Tübingen

Bisher wurde diese Therapie durchgeführt - unabhängig von Gehirnströmen. Wir wollen jetzt neu etablieren, dass wir die Stimulation mit dem EEG koppeln - also mit den Hirnströmen.

Dr. David Baur - Neurologe Uniklinik Tübingen

Neuere Systeme messen Hirnaktivität

Elektroden in dieser Haube messen die Hirnströme - die Stimulation mit der Magnetspule ist dann auf die Hirnaktivität abgestimmt. Mit der Technik werden also nur Gehirnareale stimuliert, wenn sie gerade Reize verarbeiten. Noch sitzen auf dem Stuhl nur gesunden Probanden, um die neue Therapie zu testen. Doch schon bald startet eine Studie mit Schlaganfallpatienten – damit sind die Tübinger weltweit Vorreiter. Doch die Ärzte haben noch mehr vor.

Neue verbesserte Therapie lässt auf sich warten

Zusammen mit Wissenschaftlern aus Finnland und Italien arbeiten sie an einem Helm mit 50 Magnetspulen. Die reagieren dann auch in Echtzeit auf die Hirnströme des Patienten. Sie wollen damit die alte Technik mit nur eine Spule verbessern. Mit den 50 Magnetspulen sind die Ärzte flexibler. Alle Bereiche können gezielt stimuliert werden – je nach Bedarf. Erste Tests laufen – in sechs Jahren soll der Helm produziert werden.

Für die Patienten heißt das: Alles geht ein bisschen schneller. Inwieweit die Patienten dann von der verbesserten Schlaganfalltherapie profitieren, wissen selbst die Ärzte noch nicht. Sie hoffen aber, dass die Patienten mit der neuen Technik noch mehr Fortschritte machen. Fortschritte, die heute so noch nicht möglich sind.

Durch diese innovative Magnetstimulationen erreichen wir, dass das Gehirn schneller lernt, sich wieder neu zu verschalten. Und das unterstützt den Erholungsprozess.

Prof. Ulf Ziemann – Neurologe Uniklinik Tübingen

Neue Ansätze zur Akutbehandlung

Neben der Magnetstimulation, die eher auf die langfristigen Folgen eines Schlaganfalls abzielt, gibt es auch neue Ansätze zur Akutbehandlung. Bis vor kurzem ist man noch davon ausgegangen, dass eine Therapie nur in den ersten 4,5 Stunden nach dem Schlaganfall sinnvoll ist. In einer Reihe von Fällen aber kann die Behandlung mit blutverdünnenden Mitteln offenbar selbst nach neun Stunden noch etwas bringen: Ganze 50 Prozent mehr Patienten als bisher könnten demnach für eine sogenannte Thrombolyse in Frage kommen.

Experten fordern daher, die Leitlinien entsprechend zu ändern.  Im Kernspin oder mit speziellen CT-Bildern können Ärzte erkennen, wer von der späten Behandlung voraussichtlich profitiert. Diese Untersuchungen sind bisher allerdings noch nicht überall Standard. Das Motto „time is brain“ gilt übrigens weiter: Je früher jemand in die Klinik kommt, desto größer sind die Chancen der Patienten.

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Versorgung mit Sauerstoff in der Frühphase

Es gibt eine vielversprechende Idee, die bald europaweit getestet werden soll: Patienten sollen in der Frühphase mit reinem Sauerstoff behandelt werden. Das passiert auch heute schon immer mal wieder im Rettungswagen, aber da bekommen Patienten viel weniger Sauerstoff pro Minute zu atmen. Bei der neuen Studie sollen es 40 Liter pro Minute sein.

Bei den meisten Schlaganfällen ist ein Blutgerinnsel im Gehirn die Ursache. Rund um dieses Gerinnsel gibt es auch oft eine Zone, in der sich noch Hirnzellen retten lassen. Wenn man dieses schwach durchblutete Hirngewebe mit einer Extradosis Sauerstoff länger erhalten kann, wäre das ein großer Fortschritt.

Einsatz von reinem Sauerstoff bei einem Schlaganfall (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / imageBROKER)
Bei einem Schlaganfall kann der Einsatz von reinem Sauerstoff vermutlich den Behandlungsverlauf positiv beeinflussen. picture alliance / imageBROKER

Schlaganfall-Therapie mit Sauerstoff nicht für alle Patienten

Schlaganfallexperten der Uniklinik Tübingen gehen davon aus, dass bei einer Behandlungsdauer von zwei bis vier Stunden keine ernsthaften Probleme auftreten werden. Das könnte erst ein bei einer längeren Behandlung mit Sauerstoff auftreten. Eine entsprechende internationale Studie ist schon angelaufen. Nur ein kleiner Teil der Patienten kommt allerdings für diese Behandlung in Frage: Sie müssen spätestens drei Stunden nach dem Schlaganfall in der Klinik oder im Rettungswagen sein. Und es muss eine Chance geben, das Gerinnsel im Gehirn später zu entfernen.

Denn das ist der Knackpunkt bei der Sauerstofftherapie: Sie hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Engstelle im Hirn so schnell wie möglich beseitigt wird -- durch Medikamente oder durch eine Operation. In Tierversuchen hat das sehr gut geklappt, ob es auch beim Menschen funktioniert wie gehofft, muss sich in den nächsten drei Jahren zeigen.

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