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Die Weltraum-WG 20 Jahre ISS - doch die Zukunft ist ungewiss

Die Internationale Raumstation (ISS) wird 20 Jahre alt. Nach Notfällen im Sommer hegen manche Experten Zweifel an der Sicherheit des Projekts. Auch die finanzielle Zukunft ist unsicher. Der Betrieb nach dem Jahr 2024 ist ungewiss.

Der Astrophysiker Wolfgang Hillebrandt bezeichnete heute die ISS als die "größte Geldverschwendung in der Geschichte der Menschheit". SWR-Wissenschaftsredakteur Uwe Gradwohl kann das nicht ganz nachvollziehen (s. Audio oben): "Das Geld, was mit Sportrechten verdient wird, bewegt sich in einer ähnlichen Größenordnung"....

Seit 20 Jahren ist die ISS nun im All. Aus einer scheinbar niemals fertig werdenden Baustelle ist ein riesiges Forschungslabor in der Umlaufbahn geworden, das auch Wirtschaftskrisen und globale Konflikte auf der Erde überstanden hat.

Die Anfänge der Weltraum-WG

Vor 20 Jahren, dem 20. November 1998, wurde das erste russische Modul "Sarja" (Morgenröte) ins All geschossen. Fast auf den Tag genau zwei Jahre später folgte die erste Besatzung. Seitdem ist die ISS ununterbrochen bemannt. Die ISS ist seither ständig gewachsen. Mittlerweile ist sie groß wie ein Fußballfeld und steckt voller High-Tech.

Raumfahrer Gerst nannte die ISS in einer Twitterbotschaft mal "die komplexeste, wertvollste & unwahrscheinlichste Maschine, die die Menschheit jemals gebaut hat". Bereits seit 18 Jahren forschen Raumfahrer mit wechselnder Besatzung im Weltraumlabor. Alexander Gerst ist bereits zum zweiten Mal dort.

Forschungs-Labor im All

Medizin, Materialwissenschaften, Erdbeobachtung, Astronomie und jetzt bestimmen den größten Teil der Forschung auf der ISS. Auch wenn sie „nur“ um die Erde kreist, ist die Internationale Raumstation sowohl für die Besatzung an Bord wie für die Mannschaft auf dem Boden der letzte Ernstfall vor der nächsten Langzeitmission durch das All – den bemannten Aufbruch zum Mars.

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Die wechselvolle Geschichte der ISS

Eine eigene Raumstation war für Amerika schon immer der Traum. Sie galt als geeignetes, neues, ehrgeiziges Ziel nach den Mondlandungen. Freedom, "Freiheit", war der Name des ersten Entwurfs einer neuen amerikanischen Raumstation. Ihn wollte die NASA dem russischen „Frieden“, der Mir-Station, entgegenstellen.

Am 25. Januar 1984 hatte der damalige US-Präsident Ronald Reagan die US-Raumfahrtagentur NASA mit der Entwicklung einer bemannten Raumstation beauftragt, innerhalb von zehn Jahren. Doch es dauerte wesentlich länger und wurde auch teurer als geplant.

Und so wurde aus der amerikanischen Raumstation Freedom das Projekt Alpha – so der Arbeitstitel für die geschrumpfte Version einer Raumstation.

 Alexander Gerst

Alexander Gerst ist zum zweiten Mal auf der ISS, dieses Mal sogar in der Funktion des Kommandanten.

Die Amerikaner warben bald bei den Europäern um Teilhabe. Damit wollten sie auch verhindern, dass dort an einer eigenen Station getüftelt wird. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990 kam die nicht ganz selbstlose Idee auf, die Russen mit ins Boot zu holen. Das brachte allerdings nicht nur Vorteile. Durch die Kooperation wurde die Station größer als eigentlich geplant und gebraucht.

Gemeinsame Raumfahrt statt Wettrüsten

Dies sei ein vielversprechender Moment, so US-Präsident Bill Clinton 1992. Statt im All Waffen zu bauen, würden russische Wissenschaftler nun dabei helfen, eine internationale Raumstation zu errichten.

Zu den bisherigen westlichen Partnern Kanada, Europa, USA und Japan gesellte sich nun Russland hinzu. Weil ihre Bauteile also schon fertig waren, machten die Russen den Anfang, mit dem Start des Moduls Sarja, „Morgenröte“ am 20. November 1998.

Allerdings leidet die Raumstation ISS zu ihrem 20. Jubiläum wohl schon etwas an "Altersschwäche" : Ein Leck, ein Beinahe-Crash und Technikfehler sorgten in den letzten Monaten immer wieder für Schlagzeilen. Wie lange hält die Station noch durch?

ISS am im Juli 2011

Die ISS umrundet die Erde 16 Mal am Tag.

Raumstation ISS hat viele Wunden

Über den Zustand der ISS gibt es zurzeit viele Spekulationen. Das liegt zum Teil auch daran, dass die NASA und die russischen Kollegen von Roskosmos dazu nur spärliche Informationen geben.

Trotz vieler Nachrüstungen dürfte die ISS über die Jahre ziemlich gelitten haben - auch äußerlich: Immer wieder verursachen Einschläge kleine Krater. Einige Male musste die ISS Weltraumschrott ausweichen und deswegen kurzfristig ihren Kurs ändern. Eines der Sonnensegel wurde von einem winzigen Splitter durchschlagen.

Dem US-Astronauten Scott Kelly war bei einem seiner Außeneinsätze aufgefallen, wie ramponiert die ISS schon sei, so Astronaut Kelly. Kosmische Teile und Weltraumschrott hätten kleine Vertiefungen und Kratzer verursacht, in die Handläufe seien Löcher mit scharfkantigen Rändern geschlagen worden.

Bislang haben Vorfälle wie diese die Besatzung noch nie in ernsthafte Gefahr gebracht.

Alexander Gerst beim Außeneinsatz

Astronaut Gerst an der ISS

Zwei Notfälle

Allerdings gab es in jüngerer Vergangenheit zwei Notfälle, die zum Teil noch nicht genau geklärt sind. Welche Konsequenzen für die Zukunft der ISS diese Notfälle haben könnten ist noch unklar.

  • Im Sommer 2018 hatte ein kleines Leck in der russischen Sojus-Kapsel einen Druckabfall in der ISS ausgelöst.
    Es kursierten wilde Spekulationen über die mögliche Ursache. War es Pfusch, Sabotage oder einfach ein Unglück?
  • Nur wenige Wochen später kam es erneut zu einem ernsthaften Zwischenfall: Ein Raketenfehlstart mit zwei Raumfahrern an Bord endete zwar glimpflich, brachte aber den ganzen Zeitplan von Gersts Mission durcheinander. Wieder zweifelte man weltweit an der Sicherheit des Projekts. Allerdings gab es auch Stimmen, dass die Sicherheitssysteme ja sehr gut funktioniert hatten. Dadurch, so beispielsweise Alexander Gerst, werde das Vertrauen in die Technik eher noch bestärkt.

ISS - für Urlaub und Erholung ungeeignet

Die meisten Bauteile der Raumstation ISS stammen aus den USA und Russland. Im Jahr 2008 bekam das Haus im Orbit mit dem in Bremen und Turin (Italien) gebauten Forschungslabor Columbus auch ein europäisches Zimmer. Besonders gemütlich ist es in der riesigen Raumstation allerdings nicht:

  • Bei voller Besetzung gibt es kaum Privatsphäre
  • Die speziell vorbereiteten Mahlzeiten kommen aus der Tüte
  • Die Waschmöglichkeiten zwischen Kabeln und Computern sind zwar spektakulär, das Prozedere ist aber mühselig
  • Die Wartung von Geräten und zum Putzen muss viel Arbeitszeit aufgewendet werden
  • Die Lüftungsventilatoren sind fortwährend sehr laut
  • In der ISS riecht es stark nach den Ausgasungen der Geräte. Hinzu kommt der Körpergeruch und der des Abfalls, der zwar möglichst hermetisch isoliert, aber eben nur alle paar Monate entsorgt wird.
    Modell eines Models der Internationalen Raumstation ISS

    Das Raumlabor Columbus ist ein Wissenschaftslabor der Internationalen Raumstation (ISS) und der größte Beitrag der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zu der Station.

ISS ist "das teuerste Gebäude der Welt"

Die ISS wird von Kritikern gerne als die "das teuerste Gebäude der Welt" bezeichnet. Schätzungen zufolge liegen die Gesamtkosten seit 1998 bei weit über 100 Milliarden US-Dollar (über 87 Mrd. Euro). Die Beteiligten halten sich allerdings über die tatsächlichen Ausgaben bedeckt. Berichten zufolge zahlen allein die USA jährlich mehr als drei Milliarden
Dollar für den Betrieb.

Rund zehn Milliarden Euro hat die Europäische Weltraumorganisation ESA wohl bisher in die ISS investiert, davon vier
Milliarden in die Entwicklung und sechs in ISS-Operationen zwischen 2008 und 2018. Die meisten Gelder hierfür kommen aus Deutschland, Italien und Frankreich.

Kontrollierter Absturz für 2024 geplant, vielleicht auch später

Bislang ist der Betrieb des Raumlabors bis 2024 gesichert. Die ESA hält es für möglich, dass die Mitgliedsstaaten das Projekt bis 2028 verlängern. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump allerdings strebt bei der ISS einen Schnitt an und will eine Privatisierung vorantreiben.

ESA-Chef Jan Wörner zweifelt daran, ob es für Unternehmen wirklich lukrativ wäre, weiter in das Projekt zu investieren. Dafür sei der Gesamtbetrieb der Raumstation einfach zu teuer. Wenn niemand mehr den 450-Tonnen-Koloss nutzen will, soll die ISS stufenweise - wie schon der russische Vorgänger Mir -kontrolliert in den Pazifik stürzen.

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Unklare Zukunft der Raumstation

Derzeit unklar ist, ob die politischen Differenzen zwischen den beiden großen Finanzgebern USA und Russland den gemeinsamen Betrieb möglicherweise schon vor 2024 enden lassen. Im nächsten Frühjahr wollen die USA und Russland über die Perspektiven verhandeln.

Die ISS ist einer der wenigen Bereiche, bei der abseits der großen Politik gemeinsam erfolgreich Projekte realisiert werden. Alexander Gerst meinte dazu einmal: Hunderte Kilometer über dem Boden könnte sie ein Beispiel für die Erde sein, meint Gerst. "Wenn wir über Kontinente hinweg so zusammenarbeiten können, dann können wir noch viel mehr zusammen erreichen", so der Astronaut. "Wir müssen es nur versuchen."