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Vor 125 Jahren, am 27. November 1895, setzte Alfred Nobel sein Testament auf. Nobels letzter Wille ist die Grundlage dafür, dass jedes Jahr die Nobelpreise verliehen werden, neben Literatur und Friedensarbeit in Chemie, Physik und Physiologie oder Medizin.

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Nobels letzter Wille

Alfred Nobel stirbt am 10. Dezember 1896, im Alter von 63 Jahren. In seinem Testament vermachte er Verwandten, Mitarbeitern und Freunden insgesamt 1,6 Millionen schwedische Kronen. Doch der weitaus größte Teil seines Gesamtvermögens, nach heutiger Rechnung über 300 Millionen Euro, sollte für die Finanzierung der neu erschaffenen Nobelpreise dienen.

Der Erfinder des Dynamits

Alfred Nobel wird in Stockholm geboren und wächst in einer wohlhabenden Industriellenfamilie auf. Er studiert Chemie und Physik. Im Laufe seines Lebens bekommt Nobel über 350 Patente für seine Erfindungen – die berühmteste ist das Dynamit. Dieser hochwirksame und besonders sicher transportierbare Sprengstoff ist die Grundlage für seinen enormen wirtschaftlichen Erfolg.

Portrait von Alfred Nobel (Foto: SWR)
Alfred Nobel besaß keine Kinder. Mit seinem Erbe ließ er die Stiftung unter seinem Namen gründen, die auch nach 125 Jahren nicht an Bedeutung verloren hat.

Ein Werk für die gesamte Welt

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gilt Alfred Nobel als einer der reichsten Männer Europas. Nobel hat keine Kinder und deshalb hofften vor allem seine Nichten und Neffen darauf, im Testament entsprechend bedacht zu werden. Aber der Schwede kommt immer mehr zum Schluss, dass er der gesamten Welt etwas hinterlassen sollte. Das Testament, dass er am 27. November 1895 in Paris verfasst, ist sein insgesamt Drittes, der Abschluss einer langen Entwicklung, erklärt die Historikerin Ingrid Carlberg. Das erste schrieb er bereits 1889:

Das einzige, was Historiker über dieses Testament wissen, ist, dass er in einem Brief an einen Freund erwähnte, dass er gerne die überraschten Gesichter seiner Verwandten sehen wollte, wenn sie es öffnen.

Ingrid Carlberg, Nobel-Biografin und Historikerin
Nobel bekommt über 350 Patente für seine Erfindungen  (Foto: SWR)
Auf seine Erfindung, den Sprengstoff Dynamit, erhielt Nobel im Jahr 1867 das Patent. Dieses ist nur eines von über 350 Patenten.

Alfred Nobel selbst hat nie erklärt, warum er diese Preise für „Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und Frieden“ gestiftet hat. Aber seine Entscheidung hat viel damit zu tun, sagt die Historikerin und Nobel-Biographin Ingrid Carlberg, dass er zwar in eine Unternehmerfamilie hineingeboren wurde und selbst erfolgreicher Unternehmer war, ihn wirtschaftlicher Erfolg aber nie wirklich zufrieden gemacht hat.

Wenn man seine Entscheidung, den Preis zu stiften, verstehen will, muss man die Tatsache bedenken, dass er ein Mensch war, der sein ganzes Leben gleichsam neben dem Leben gelebt hat, von dem er geträumt hat. Sein geheimer Traum war es, Romane, Theaterstücke und Gedichte zu schreiben.

Ingrid Carlberg, Nobel-Biografin und Historikerin

Erste Nobelpreise fünf Jahre nach seinem Tod

Die Nobel-Stiftung wird im Jahr 1900 gegründet und erst fünf Jahre nach Nobels Tod werden die ersten Nobelpreise vergeben. Der Grund dafür ist, dass einige seiner Verwandten das Testament anfochten und es für illegal erklären lassen wollten. Das aber ohne Erfolg.

Relief von Alfred Nobel (Foto: Imago, imago images / Xinhua)
Mit dem Nobelpreis hinterließ der Chemiker ein bedeutendes Vermächtnis. Dieses Relief befindet sich im Nobelmuseum in der Stockholmer Innenstadt. Imago imago images / Xinhua

Göran Hansson forscht am Karolinska Institut in Stockholm und ist seit 2015 Generalsekretär der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Die Akademie ernennt die Nobelpreisträger in Physik und Chemie, , so wie Alfred Nobel es in seinem Testament festgelegt hat, erklärt Göran Hansson. Und den Mitgliedern ist dabei immer bewusst, dass Nobel seinen „letzten Willen“ im 19. Jahrhundert verfasst hat.

Als der Nobelpreis anfing, wurde die Art und Weise, wie wir unsere Welt verstehen, von Menschen wie Blanck, Curie, Einstein, Bor und so weiter revolutioniert. Das hat die Maßstäbe gesetzt, so dass jeder neue Nobelpreisträger das Gefühl hat, dass er oder sie in Einsteins Fußstapfen tritt.

Göran Hansson, Generalsekretär der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften

Testament muss an heutige Zeit angepasst werden

Seit Nobels Testament hat sich die Wissenschaftswelt geändert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten heutzutage nicht mehr alleine. Viele Entdeckungen und Leistungen entstehen durch große Wissenschaftlerteams. Alfred Nobel hat in seinem "letzten Willen" allerdings nicht mehr als drei Ehrungen pro Preis vorgesehen.

Nobeltestament in der Nobel-Stiftung, Stockholm (Foto: SWR)
Im Zentrum von Stockholm ist der Sitz der Nobel-Stiftung. Dort ist das Testament von Alfred Nobel, sicher hinter Glas, verwahrt.

Göran Hansson hat zur Auslegung des Testaments eine klare Haltung. Seiner Meinung nach müssten wir diesen Willen wie eine "Verfassung" interpretieren, denn es sei ein Dokument, das 1895 geschrieben wurde, als die Welt ganz anders war. Das müssten wir unter den jeweils aktuellen Umständen interpretieren. Deshalb sei ein Wandel in diesem Fall durchaus möglich.

Kritik am Nobelpreis

Alfred Nobel sah sich immer als Weltbürger. Er sprach 5 Sprachen, lebte nicht nur in Schweden, sondern auch in Russland, Deutschland, Frankreich und Italien und trat offensiv für das Recht von Frauen ein, ihre eigenen beruflichen oder wissenschaftlichen Ambitionen zu verfolgen. Doch Alfred Nobels umfassende Sicht auf die Welt spiegelt sich oft nicht in den Preisentscheidungen wider. So wurden 2020 mit dem Medizinpreis der Brite Michael Houghton und die US-Amerikaner Harvey J. Alter und Charles M. Rice ausgezeichnet - und damit wieder Wissenschaftler aus der westlichen Hemisphere und wieder einmal nur Männer. Göran Hansson ist sich sicher, dass sich das in Zukunft ändern wird.

Marie Curie in ihrem Labor in Paris (Foto: Imago, imago images / Belga)
Die Wissenschaftlerin Marie Curie gewann als erste Frau den Nobelpreis in Physik und Chemie. Frauen sind bei der Nobelpreisvergabe immer noch deutlich in der Minderheit. Imago imago images / Belga

Ich gehe davon aus, dass viel mehr Nobelpreise an Frauen verliehen werden. Ich denke und hoffe, dass wir eine bessere weltweite Verteilung sehen werden, denn Länder, die noch keine Nobelpreise bekommen haben, investieren in die Wissenschaft, bieten Wissenschaftlern Möglichkeiten und geben ihnen damit die Chance Entdeckungen zu machen, die zu Nobelpreisen führen können.

Göran Hansson, Generalsekretär der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften
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