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Nach alter Tradition verläuft die Grenze zwischen Australien und Grönland. Grönland gilt gerade noch als Insel, ab Australien spricht man vom Kontinent. Beim Blick auf eine normale Weltkarte hat man manchmal den Eindruck, Australien und Grönland seien fast gleich groß. Das täuscht aber, weil die meisten Weltkarten die Größenverhältnisse verzerrt darstellen und dabei die Polarregionen viel größer erscheinen als gleich große Gebiete in den Tropen. In Wirklichkeit ist Grönland nur etwa ein Drittel so groß wie Australien, was ja einen deutlichen Unterschied darstellt. Ist es also reine Willkür, die Grenze zwischen Grönland und Australien zu ziehen? Hätte man auch sagen können: Wir zählen Australien noch als Insel und bezeichnen erst die Antarktis als Kontinent? Oder: Wir rechnen Grönland als eigenen Kontinent und die größte Insel wäre dann Neu-Guinea.

Theoretisch wäre das möglich gewesen. Es gibt jedoch einen wesentlichen geologischen Unterschied zwischen Australien und Grönland. Es ist ja bekannt, dass die Erdoberfläche in mehrere große und kleine Kontinentalplatten unterteilt ist, die sich langsam in unterschiedlicher Richtung über den Globus bewegen. Und zu Australien gehört – zusammen mit Neuseeland und Tasmanien – tatsächlich eine eigene Kontinentalplatte. Das kann man für Grönland nicht sagen. Grönland ist geologisch gesehen ein Teil von Nordamerika; es gibt keine "grönländische" Platte. Insofern besteht also ein qualitativer Unterschied. Und da würde man heute die Grenze ziehen.

Trotzdem ist das eine nachgeschobene Begründung, denn als die Kontinente definiert wurden, wusste die Wissenschaft noch nichts von Kontinentalplatten. Andererseits: Wenn man das konsequent zu Ende führen würde, müsste man auch Indien oder die arabische Halbinsel als Kontinente betrachten, denn sie befinden sich ebenfalls auf eigenständigen Platten. Sie sind aber gewissermaßen an den Großkontinent Eurasien „angehängt“ und zählen somit nicht als eigene Kontinente.