1000 Antworten Kann man aus Schweine-Urin Plastik herstellen?

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Ja, im Prinzip ist das möglich. Denn Urin enthält Harnstoff. Aus Harnstoff kann man wiederum Harnstoffharz machen, und das wiederum ist ein Ausgangsprodukt bestimmter Kunststoffe. Dabei geht es weniger um das typische Plastik als vielmehr z.B. um Leim, wie man ihn zum Verkleben von Holz verwendet. Harnstoff wird schon seit langem industriell angewendet, aber er wird bisher meist aus fossilen Rohstoffen gewonnen, Erdgas vor allem. Das ist an sich recht billig, aber man kann Harnstoff ebenso aus Urin gewinnen und damit fossile Rohstoffe schonen.

Tatsächlich wird daran seit einigen Jahren gearbeitet. Vorreiter ist hier die dänische Firma Waste2Green, die tatsächlich ein System entwickelt hat, um aus Schweinegülle Harnstoff zu gewinnen. Sie will mit diesem Ansatz gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Biologisch gewonnen Harnstoff erzeugen und einen Beitrag zur Luftreinhaltung leisten. Denn die Schweinegülle stellt auch ein Umweltproblem dar: Sie stinkt und in der Umgebung der Schweinebetriebe kommt es zu hohen Ammoniak-Konzentrationen in der Luft; das ist auch nicht so gesund.

Damit habe ich aber auch schon die technische Herausforderung angesprochen. Der Urin fängt ja erst richtig an zu stinken, nachdem die Schweine ihn ausgeschieden haben, denn dann wird der Harnstoff an der Luft durch Enzyme, die ebenfalls in der Gülle sind, zu Ammoniak umgewandelt. Deshalb muss man vorher ansetzen und die Gülle, die ja aus festen und flüssigen Bestandteilen besteht, auftrennen. In der festen Phase sind aber die Enzyme drin, deshalb muss man dafür sorgen, dass der eigentliche Urin vom Rest getrennt wird, damit der Harnstoff erhalten bleibt und eben nicht von den Bakterien abgebaut wird. Und das hinzukriegen und zu optimieren, daran arbeiten die dänischen Entwickler inzwischen seit fünf Jahren. Deshalb sind sie noch immer in der Erprobungsphase. Aber nächstes Jahr, hat mir ihr Chef Jes Thomsen gesagt, soll die Technik marktreif sein – warten wir’s ab.

Aber wenn das mit Schweineurin geht, müsste das mit menschlichem Urin doch auch gehen?

Ja – das haben die Dänen auch vor. Sie arbeiten hier mit Schweizer Tüftlern zusammen. Dass sie mit den Schweinen angefangen haben, liegt daran, dass sie auch das Umweltproblem mit der Gülle angehen wollten. Auf der anderen Seite wäre menschlicher Urin, wenn man das mal weiterdenkt, viel leichter zu sammeln. Bisher geht das ja fast alles von den Toiletten ins Abwasser und ist damit als Rohstoff verloren. Gleichzeitig gibt es Gegenden in der Welt, wo das Abwasser längst nicht so gut geklärt ist wie bei uns – bzw. ist Abwasserreinigung ja auch eine aufwändige Sache. Auch da könnte man zwei Probleme auf einmal lösen, wenn man den menschlichen Urin getrennt sammelt und chemisch wieder verwertet. Da gibt es noch weitaus mehr Anwendungen als Kunststoff daraus zu machen. In Schottland experimentieren Forscher damit, aus Harnstoff Energie zu gewinnen – in Form von Brennstoffzellen. Wir kennen Brennstoffzellen mit Wasserstoff – aber die arbeiten an Brennstoffzellen mit Harnstoff. Das ist alles noch im Versuchsstadium.

Urin wurde schon in der Antike als Rohstoff recycelt und weiterverarbeitet: sei es zu Reinigungsmitteln, zum Entfetten von frisch geschorener Wolle, als Farbstoff oder auch als Dünger. Insofern ist die Idee, Urin zu recyceln, nichts grundsätzlich Neues. Allerdings wurde in den letzten Jahrzehnten nicht so intensiv geforscht; es gab wenig Investitionen, weil das Thema in der Öffentlichkeit noch immer einen Igitt-Effekt auslöst. Aber das scheint sich langsam zu ändern: Auf der Internationalen Raumstation recyceln die Astronauten ihren Urin auch und machen daraus wieder frisches Trinkwasser. Es ist also vieles möglich, und wenn man sich überlegt, wie viel Urin Tag für Tag auf der Welt anfällt und einerseits die Abwässer belastet, andererseits als potenzieller Rohstoff vergeudet wird, dann ist da vielleicht noch einiges drin.