Evolutionspsychologie

Warum sind wir kitzlig?

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Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

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Das Kitzeln ist offenbar ein soziales Phänomen, aber es ist auch eine der Fragen, auf die die Wissenschaft zwar ein paar Erklärungsmodelle gefunden hat, aber keine eindeutige Antwort.

Was uns ja oft gar nicht klar ist: Kitzeln ist nicht gleich Kitzeln. Da haben Psychologen schon im 19. Jahrhundert zwei Formen unterschieden, nämlich: Knismesis und Gargalesis.

Knismesis: unangenehmer Reiz

Knismesis ist das Kitzeln, wenn einem z. B. eine Fliege über die Haut krabbelt. Manche kennen es auch, wenn sie mit einer elektrischen Zahnbürste das Zahnfleisch massieren und dann die Lippen so vibrieren, dass es unangenehm kitzelt. Das ist Knismesis: Ein Kitzeln, das eindeutig unangenehm ist und bei dem man auch überhaupt nicht in die Versuchung kommt zu lachen. Dieses "Kitzligsein" zu erklären ist an sich nicht so schwer: Es ist praktisch eine Vorstufe zum Schmerz: Wir spüren einen Reiz, der unangenehm ist, aber da vom Reiz keine wirkliche Bedrohung ausgeht, verbucht ihn unser Gehirn nicht als Schmerz, aber doch als lästig.

Gargalesis: ambivalente Gefühle

Demgegenüber bezeichnet Gargalesis jenes Kitzeln, bei dem wir dieses ambivalente Gefühl haben. Jemand kitzelt uns, wir versuchen einerseits auszuweichen, andererseits müssen wir schon ein bisschen lachen. Es gibt auch bestimmte Körperstellen, an denen wir besonders kitzlig sind.

Da ist die Erklärung schon kniffliger. Was soll das? Wenn Wissenschaftler das erklären wollen, fragen sie zunächst: Was macht das Phänomen des Kitzelns aus? Da fallen ein paar Besonderheiten auf:

  1. Schon kleine Babys reagieren aufs Kitzeln, indem sie lachen. Das weist darauf hin, dass es eine sehr tief in uns verankerte Form der Kommunikation ist. Das wiederum legt die Vermutung nahe, dass über das Kitzeln auch eine starke emotionale Bindung kommuniziert wird.
  2. Es fält auf und legt den gleichen Schluss nah: Auch Affen und andere Tiere sind kitzlig; und auch bei Affen kann man eine Reaktion beobachten, die dem Lachen sehr nahekommt.

Kitzeln: "Angriff" ohne Gefahr

In welchen Situationen lachen wir sonst? Zum Beispiel, wenn wir einen Witz hören. Da wird das Lachen ja immer durch einen Überraschungseffekt ausgelöst, durch etwas Unerwartetes, was einer Situation eine neue Wendung, einen neuen Kontext gibt. Und das passiert auch beim Kitzeln: Ich löse bei jemandem einen Reiz aus, der zunächst unangenehm ist, ich dringe in gewisser Weise in die Intimsphäre ein. Gleichzeitig ist durch den gesamten Kontext der Beziehung klar: Das ist kein Angriff, sondern liebevoll gemeint. So lässt sich vermutlich das Lachen deuten.

Vermutung der Evolutionspsychologie: erst das Kitzeln, dann das Witzeln

Weil nun aber Affen und Babys nicht sprechen können, hegen manche Forscher sogar die weitergehende Vermutung, dass dieses Lachen, mit dem wir auf das Gekitzelt-werden reagieren, ein evolutionärer Vorläufer des "humorigen" Lachens ist. Affen können sich ja keine Witze erzählen, sie können nur mit einander spielen. Wenn wir also heute über Witze lachen, dann hat sich dieses Lachen möglicherweise aus dem Kitzel-Lachen heraus entwickelt. Kurz: Erst das Kitzeln, dann das Witzeln. Aber das ist, wie so vieles in der Evolutionspsychologie, bisher nur eine unbewiesene Vermutung.

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