Zeitrechnung

Wann wurde "Christi Geburt" zum Nullpunkt des Kalenders?

STAND
AUTOR/IN

Im Jahr 525 nach Christi Geburt wurde eben diese Geburt zum Nullpunkt gemacht bzw. erstmals für die Kalender verwendet. Genauer muss man sagen: Das Jahr 0 gibt es nicht. Mit der mutmaßlichen Geburt Jesu Christi begann gleich das Jahr 1.

Audio herunterladen (1,7 MB | MP3)

Die Geschichte, wie es dazu kam, geht so: Bis 525 gab es einen anderen Nullpunkt, nämlich den Beginn der Kaiserzeit von Diokletian. Der wurde nach unserer heutigen Zeitrechnung im Jahr 284 zum römischen Kaiser ausgerufen. Wenn sich also nichts geändert hätte, wären wir heute nicht im Jahr 2020, sondern im Jahr 1736 nach Diokletian. Die Menschen hatten mehrere Jahrhunderte lang einen Nullpunkt, der später lag als das Geburtsjahr Christi.

Ostertafeln aufgebraucht

Im Jahr 525 schlug dann ein römischer Mönch, Dionysius Exiguus, erstmals vor, doch das mutmaßliche Geburtsjahr von Jesus Christus zum Ausgangspunkt zu nehmen. Das tat er weniger aus religiöser Überzeugung, sondern um einen Streit zu lösen. Die Gelehrten waren sich nämlich nicht einig, wann im Jahr 526 Ostern sein soll.

Das Osterdatum hängt von zwei Dingen ab: Dem Sonnenstand – Ostern ist immer nach Frühlingsanfang – und vom Mondstand; Ostersonntag ist immer der erste Sonntag nach Vollmond. Und um das für jedes Jahr zu berechnen, gab es damals die sogenannten Ostertafeln. Die konnte man erstellen, weil beides – der Lauf des Mondes und der der Sonne – einem regelmäßigen Rhythmus folgt. Und wenn man beide Rhythmen, den vom Mond und den von der Sonne, kombiniert, kommt man auf einen Zyklus von 532 Jahren. Alle 532 Jahren stimmen Mondphase, Kalenderdatum und die Wochentage überein. 2020 zum Beispiel war der erste Vollmond am 10. Januar, und es war ein Freitag. Das wird erst in genau 532 Jahren wieder so sein. Dass es diesen Rhythmus von 532 Jahren gibt, hat sich damals herumgesprochen.

Neuer Zyklus, neuer Ausgangspunkt

Jetzt komme ich wieder auf diesen römischen Mönch Dionysius zurück. Der war gerade damit beschäftigt, den Ostersonntag fürs kommende Jahr auszurechnen, denn die letzten verfügbaren Ostertafeln waren gerade abgelaufen. Da stellte er fest, dass es gar nicht mehr lang hin ist, bis der 532. Jahrestag vom Ende der Herrschaft Herodes ist, und damit natürlich auch vom Geburtsjahr Christi. Da hat er sich wohl gedacht, dass es ganz praktisch wäre, für die neuen Ostertafeln das Geburtsjahr Christi als Bezugspunkt zu nehmen. Das war einfach zeitgemäßer. Vom Römischen Reich hat keiner mehr gesprochen, von Diokletian erst recht nicht. Insofern lag es nahe, ein neues Bezugsdatum zu nehmen. Und dann hat er tatsächlich angefangen, auch „Anno Domini“ in seine Ostertafeln zu schreiben.

Um das Jahr 800 etabliert

Zunächst gingen noch verschiedene Zeitrechnungen durcheinander bzw. liefen parallel; viele Fürsten nahmen ganz gerne mal die eigene Herrschaftszeit als Nullpunkt bzw. Ausgangspunkt der Zeitrechnung. Erst im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte, etwa bei Karl dem Großen, setzte es sich durch und war dann schließlich etabliert – im Jahr 800 bei der Krönung Karls des Großen.

Religion Warum feiert die orthodoxe Kirche Ostern später?

Die Ursache liegt in der Kalendergeschichte. Es gibt den julianischen und den gregorianischen Kalender. Den hat Papst Gregor XIII. nachgeschärft, um Kalenderungenauigkeiten zu beseitigen. Von Werner Mezger  mehr...

Archäologie Wo steht der älteste Kalender der Welt?

Einer der heißesten Kandidaten für den ältesten Kalender der Welt steht in Schottland, in Warren Field am River Dee. Auf einem Grundstück haben Archäologen ab 2004 etwas Ungewöhnliches freigelegt. Nämlich 12 tiefe runde Gruben. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Tradition Gibt es Bräuche aus vorchristlicher Zeit?

Halloween ist ein Beispiel dafür, wie man es mit der Kontinuität eigentlich nicht machen sollte. Halloween ist ein fast karnevalesker Brauch. Von Werner Mezger  mehr...

Zeitrechnung Warum ist der Februar so kurz?

Hintergrund ist der alte römische Kalender. Das Jahr hat damals nicht mit dem Januar, sondern mit dem März angefangen. Damit war der Februar also der letzte Monat. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Astronomie Werden die Tage zwischen Sommer und Winter gleichmäßig kürzer?

Nein: Die Tage werden am Anfang langsam kürzer, dann schneller, dann wieder langsamer. Am längsten hell ist es zur Sommersonnenwende – also am 21. Juni. Da vergehen von Sonnenaufgang bis Untergang 16 Stunden und 12 Minuten. Das andere Extrem ist die Wintersonnenwende am 21. Dezember,  da dauert der Tag 8 Stunden und 13 Minuten. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...