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Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

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Eulen nach Athen tragen

Historisch lässt sich das klar auf die griechische Mythologie zurückführen. Die Eule war das Begleittier der Göttin Athene. Athene war nicht nur Schutzgöttin der Stadt Athen, sondern auch die Göttin der Weisheit. Auf den alten griechischen Silbermünzen war deshalb auf der einen Seite ein Bild der Athene eingeprägt, auf der anderen das einer Eule. Und von diesen Münzen waren in Athen ziemlich viele in Umlauf. Daher die Redewendung „Eulen nach Athen tragen“ als Ausdruck für einen überflüssigen Vorgang – weil es in Athen schon so viele Eulen in Form von Münzen und Statuen gab.

Ruhiges Tier mit melancholisch-abgeklärtem Blick

Trotzdem stellt natürlich die Frage, warum die Eule – und nicht ein Esel oder eine Eidechse? Etwas muss die Eule an sich gehabt haben, was es nahelegte, ausgerechnet sie mit der Weisheitsgöttin in Verbindung zu bringen. Vermutlich war dieses Tier eine gute Projektionsfläche: Die Eule mit ihrem ruhigen, beobachtenden, melancholisch-abgeklärten Blick wirkt nun mal weiser als eine Möwe oder ein Moorhuhn.

Homer beschreibt Göttin Athene als "eulenäugig"

Hinzu kam, dass die Göttin Athene von Homer als „eulenäugig“ beschrieben wird, wobei sich die Gelehrten nicht ganz einig sind, was Homer damit sagen wollte: ob Athene einfach schöne große Augen hat? Oder ob sie Dinge sieht, die sich im Dunklen abspielen? Auch das hat ja im übertragenen Sinn etwas mit Weisheit zu tun: Dinge sehen, die andere nicht sehen, weil sie sich im Dunklen, im Verborgenen abspielen.

Komischer Kauz: Eulen gelten nicht überall auf der Welt als weise

Eulen mit Weisheit in Verbindung zu bringen, ist eine griechische Besonderheit. Denken wir nur an unsere eigene Sprache. Zu den Eulen gehört ja auch der Kauz. Die Eulenart, die mit der Athene in Verbindung gebracht wird, ist streng genommen der Steinkauz. Im Deutschen bezeichnet man als Kauz aber eher einen etwas eigenwilligen spinnerten Sonderling – nicht gerade der Inbegriff der Weisheit.

Euro: noch immer werden "Eulen nach Athen" getragen

Letztlich sind das ohnehin alles Projektionen, denn rein zoologisch betrachtet sind Eulen auch nicht intelligenter als die meisten anderen Vögel. Aber Mythen sind ja recht langlebig. Als der Euro eingeführt wurde, haben die Griechen ihre 1-Euro-Münzen wie in der Antike mit dem alten Motiv der Eule versehen. Der finanz- und haushaltspolitischen Weisheit hat das, wie wir wissen, nichts genützt. Deshalb – Ironie der Geschichte – tragen wir ja heute „Euro nach Athen“, und damit indirekt auch wieder Eulen; zumindest wenn es sich um griechische Euro-Münzen handelt.