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Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahrsfest, führt auf die falsche Spur

Bis vor Kurzen dachte ich, dass es aus dem Jiddischen kommt, denn es gibt eine Erklärung, die ganz wunderbar und plausibel klingt: Danach geht die Redewendung auf Rosch ha-Schana zurück, also auf den Anfang oder den Kopf des Jahres. So habe man sich unter den Juden einen guten "Rosch" gewünscht, also einen guten Beginn des Jahres, denn das Neujahrsfest heißt Rosch ha-Schana. Vielleicht waren es auch die Christen, die den Juden einen guten "Rosch" wünschten. Da es weitere Redensarten gibt, die aus dem Jiddischen stammen, zum Beispiel "es zieht wie Hechtsuppe", klang das sehr schlüssig.

Neuere Forschung kann keinen Bezug zu Rosch ha-Schana herstellen

Allerdings habe ich jetzt in einem ganz neuen Buch nachgeschlagen. Die Autoren haben überprüft, ob es diesen Glückwunsch zum neuen Jahr überhaupt gibt. Und sie kamen zu dem Ergebnis, dass es ihn nicht gibt. In keiner Quelle ist nachgewiesen, dass jemand „guten Rosch“ oder etwas auch nur Vergleichbares sagt, sondern es werden in diesem Zusammenhang ganz andere Formulierungen verwendet.

Bildlich: Rutschen bei Eis und Schnee

Daher muss es um etwas anderes gehen, nämlich den Übergang der Jahre, der nie mathematisch oder astrologisch exakt gesehen wurde. Vielmehr gibt es eine Binnen- oder Sattelzeit, die man entweder "Raunächte" nennt oder die Zeit "zwischen den Jahren". Das empfand man als ein Gleiten des einen Jahres in das andere. Und so hat man sich eigentlich ein gutes Gleiten, ein gutes Hineinrutschen des einen Jahres in das andere gewünscht.

Da gerade in Deutschland um diese Zeit oft Eis herrscht, kann es auch ganz bildlich genommen werden.

So lernen wir, dass manche Erklärungen mitunter nicht mehr gelten, wenn die Forschung neue Ergebnisse aufweisen kann.