Ausstellungsstücke im Jüdischen Museum Frankfurt: Portraits der Familie Rothschild (Foto: SWR, Martina Conrad)

Antisemitismus

Haben die Rothschilds eine besondere Macht?

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Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

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Nein – jedenfalls keine, die über die „Macht“ anderer kleiner Banken hinausgeht. Die „Rothschilds“ als geschlossenen Familienverbund gibt es so auch gar nicht mehr. Der Mythos Rothschild ist Bestandteil vieler antisemitischer Verschwörungstheorien. Um zu verstehen, woher er kommt, muss man zurück ins 19. Jahrhundert, als die Rothschild-Banken tatsächlich einen gewissen Einfluss hatten.

Mayer Amschel Rothschild – ein jüdischer Kaufmann

Das hat angefangen mit dem Frankfurter Kaufmann Mayer Amschel Rothschild, der in der Frankfurter Judengasse – also im Getto – geboren ist. Für Juden galten da strenge Regeln, sie durften das Getto nachts nicht verlassen, sie durften außerhalb des Gettos keine Grundstücke besitzen und so weiter.

Mayer Amschel Rothschild machte für sich Beste daraus, er handelte mit Münzen und Antiquitäten, kam dadurch zu einem gewissen Wohlstand. Er stieg ins Bankgeschäft ein und war damit extrem erfolgreich. Ihm gelang es nicht nur, wichtige Unternehmen als Kunden zu gewinnen, sondern auch Fürsten wie den Landgrafen Wilhelm IX von Hessen-Kassel.

Das „Haus Rothschild“ im 19. Jahrhundert

Rothschild setzte schließlich eigene Staatsanleihen auf. Das heißt, er sammelte von Anlegern Geld, dass er auch an Staaten wie Dänemark oder Großbritannien verliehen hat. Rothschild hat auch seine Söhne in die Geschäfte eingebunden eingebunden. Einer von ihnen, Nathan Mayer Rothschild hat sogar schon 1805 in London eine eigene Bank gegründet, bevor 1810  in Frankfurt das Bankhaus Mayer Amschel Rothschild und Söhne entstand. Später kam es zu weiteren Bankgründungen. Die Banken der Rothschilds bilden auch weltweit gesehen eine äußerst finanzstarke Unternehmensgruppe im 19. Jahrhundert. Und natürlich war damit auch ein gewisser Einfluss verbunden.

Verschwörungslegenden: Die jüdischen Rothschilds als „Friedensgewinnler“

In dieser Zeit wurden die Rothschilds dann auch Objekt von Verschwörungslegenden, und dass es sich um ein jüdisches Bankhaus handelte, hat dem nur noch weiter Vortrieb geleistet. Ich will diese Legenden hier gar nicht wiederholen. Man muss sich nur klar machen: Der Einfluss der Rothschilds war vor allem ein finanzieller – sie konnten Geld an Regierungen verleihen. Das heißt aber natürlich nicht, dass sie denen auch sagen konnten, was diese zu tun und zu lassen haben.

Die Familie Rothschild: Verschwörungsmythen aus dem 19. Jahrhundert

Gelegentlich wurde den Rothschilds nachgesagt, dass sie den ein oder anderen Krieg verhindert hätten. Es wurde unterstellt, dass sie aus geschäftlichen Gründen kein Interesse an Krieg und Rezession hatten und sich deshalb geweigert, einzelnen Herrschern Geld für Kriege zur Verfügung zu stellen. Auch das wurde ihnen damals negativ angekreidet, aber ob ihr Einfluss wirklich so weit ging, ist heute schwer zu sagen.

Was von den Rothschild-Unternehmen übrig blieb

Die Söhne von Mayer Amschel Rothschild gingen also ins Ausland und gründeten eigene Bankhäuser und Investmentgesellschaften. Und das hat sich natürlich dann mit der Zeit zerfasert, manche Unternehmen haben sich aufgelöst, andere wurden verstaatlicht und wieder andere gingen an die Börse, so dass sie mehrheitlich gar nicht mehr im Besitz irgendwelcher Rothschild-Nachkommen sind. Es gab in den letzten zweihundert Jahren zahlreiche Generationswechsel, und wie man sich vorstellen kann, gibt es in so einer Familie auch immer wieder Zerwürfnisse.

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Geblieben sind heute im Grunde noch drei Finanzgruppen, eine britisch-französische unter dem Namen „Rothschild & Co.“, die nach wie vor im Bereich Investmentbanking und Vermögensverwaltung aktiv ist. Dann eine zweite unabhängige britische Investmentgesellschaft „RIT Capital Partners“. Und schließlich die Schweizer Gruppe Edmond de Rothschild, die sich mehr auf Immobilien, Hotels und Weingüter konzentriert, und der es gar nicht gepasst hat, dass sich das Unternehmen des britisch-französischen Familienzweigs – Paris Orleans SA – umbenannt hat in Rothschild & Co. Die Schweizer meinten, es gäbe nur Platz für eine Firma mit dem Namen Rothschild.

Mythos statt Macht: Die große Zeit der Privatbanken ist vorbei

Einzelne Mitglieder der Familie Rothschild besitzen auch privat nach wie vor große Vermögen, aber damit noch keine besondere „Macht“. Ihre verbliebenen Banken sind längst Zwerge im Vergleich mit den heute wirklich großen Bankhäusern und Finanzunternehmen. Sucht man wiederum nach Verbindungen in die Politik, kann man vereinzelt das ein oder andere finden, etwa, dass der französische Präsident Emanuel Macron mal eine Zeitlang als Investmentbanker bei Rothschild & Co. gearbeitet hat – so wie andere Politiker bei anderen Firmen gearbeitet haben.

Die ehemaligen Schlösser von Mitgliedern der Rothschild-Familie sind – auch wenn sie teilweise noch „Rothschild“ heißen – größtenteils längst verkauft. Das Palais Rothschild in Frankfurt etwa ging schon vor dem Zweiten Weltkrieg in den Besitz der Stadt Frankfurt über und beherbergt heute das Jüdische Museum – in dem man sich übrigens auch über die Geschichte der Rothschilds informieren kann.

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