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Solche Fälle sind dokumentiert, fast immer war dabei Hypnose im Spiel. Das Prinzip: Dem hypnotisierten Menschen wird ein kalter Gegenstand auf die Haut gedrückt, zum Beispiel eine Münze oder einfach ein Finger. Gleichzeitig wird ihm gesagt, dass es sich um etwas sehr Heißes handele, eine glimmende Zigarette zum Beispiel. Dann entwickelt die Versuchsperson an der Stelle eine Brandblase, und dies oft erst, nachdem sie längst aus der Hypnose aufgewacht ist. In anderen Variationen wird nichts auf die Haut gedrückt, sondern nur über Sprache suggeriert, dass sich die Haut verbrennt.

Beliebtes Experiment im 19. Jahrhundert, aber schlecht dokumentiert

Solche Experimente gab es in verschiedenen Variationen schon im 19. Jahrhundert. Allerdings sind viele dieser alten Berichte nicht so sorgfältig dokumentiert, dass man sie als wissenschaftlich sehen könnte. Ich habe eine Studie aus den 1960er-Jahren gefunden, die alle Berichte von solchen Experimenten, die es bis dahin gab, gründlich untersucht hat. Fast ein Drittel dieser Experimente konnten wissenschaftlich nicht verwendet werden, entweder weil der Versuchsaufbau nicht dokumentiert war oder weil der Hypnotiseur das Experiment allein durchgeführt hat und es keine Zeugen gab. Bei einigen weiteren Versuchen wiederum war nicht ganz klar, ob die vermeintlichen Brandblasen wirklich durch Suggestion entstanden sind, oder ob es sich nicht um ganz normale Hautirritationen gehandelt hat, die einfach durch intensive Reibung oder auch durch eine Kontaktallergie entstanden sind.

Es funktioniert bei manchen, aber längst nicht bei allen Menschen

Was sich ebenfalls herausstellte: Diejenigen Versuchspersonen, bei denen das Ergebnis weitgehend unstrittig ist, hatten fast alle psychische Auffälligkeiten. Sie wurden im damaligen psychologischen Vokabular als "hysterische" Persönlichkeiten dargestellt. Heute benutzt die Psychologie ein etwas differenzierteres Vokabular, aber zumindest lässt das darauf schließen, dass diese Versuchspersonen, bei denen es geklappt hat, besonders empfänglich für suggestive Botschaften waren.

Zum Beispiel ist der Fall eines Patienten dokumentiert, der im Krieg schwere Verletzungen durch Granatsplitter davongetragen hat. Er sollte nun unter Hypnose dieses schreckliche Geschehen noch einmal durchleben. Dabei wurde ihm unter anderem suggeriert, er sei wieder von einem geschmolzenen Metallstück getroffen worden. Gleichzeitig hat der Hypnotiseur mit einer kleinen metallischen Feile die Haut berührt. Auch bei diesem Patienten fing die Haut zunächst an, sich zu röten. Die Hypnose wurde abgebrochen, aber im Verlauf der weiteren Stunde entwickelte sich an der entsprechenden Stelle wieder eine typische Brandblase. Kurz – und das hat sich auch in späteren Experimenten bestätigt – es funktioniert bei manchen, aber längst nicht bei allen Menschen.

Und bei all diesen Versuchen ging es wirklich immer nur um solche Brandblasen bzw. – um es noch vorsichtiger zu sagen – brandblasenähnliche Hautirritationen. Es wäre falsch, diese Experimente nur als Beispiel für alle möglichen wundersamen Manipulationen zu nehmen, also zu glauben, man könnte auf die gleiche Weise bei Menschen durch Suggestion Messerschnitte erzeugen oder spontan einen Finger brechen oder ähnliches.

Gibt es eine Erklärung, wie das bei den Brandblasen funktioniert?

Es gibt eine gewisse Vorstellung, die aber in keinem konkreten Fall bewiesen wurde. Natürlich ist es ein ungewöhnliches und unerwartetes Phänomen. Ein "Wunder" in dem Sinn wäre es aber nur dann, wenn man Körper und Geist als zwei völlig getrennte Wesenheiten betrachtet. Aber das sind sie ja nicht. Gerade die psychosomatische Medizin hat gezeigt, wie eng manchmal geistig-psychische Phänomene und körperliche Vorgänge zusammenhängen. Und zwar gilt das in besonderem Maße einerseits für neurologische und immunologische Vorgänge, also für alles, was mit unseren Nerven einerseits und der Immunabwehr andererseits zu tun hat. Und eine Brandblase ist letzten Endes auch so ein Vorgang. Eine Brandblase ist ja im Grunde schon eine Heilungsreaktion, die der Körper selbst in Gang setzt, um die durch die Hitze zerstörten Zellen abzustoßen und zu erneuern. Das Experiment zeigt, dass es möglich ist – zumindest bei manchen Personen – über den Umweg des Geistes dem Körper zu suggerieren, dass es an der Haut etwas zu reparieren gibt.