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Ich vermute, dass Ihre Schwester, die mehr Erinnerungen hat als Sie selbst, auch ein bisschen älter ist?

Nein, sie ist ein Jahr jünger als ich.

Gut, dann ist es natürlich noch ein bisschen erstaunlicher. Wir sagen zwar, dass alle Menschen mehr oder minder unter frühkindlicher Amnesie leiden, das heißt, dass man von den ersten drei, vier Lebensjahren keinerlei bewusste Erinnerungen hat. Denn zu diesem Zeitpunkt ist die Gehirnentwicklung noch nicht so weit, die Sprachentwicklung ist noch nicht abgeschlossen und man denkt und verarbeitet als Kind ganz anders als es Erwachsene tun. Wir sprechen da vom zustandsabhängigen Erinnern. Der Zustand, den man als Erwachsener hat, unterscheidet sich sehr massiv von dem Zustand als Kind. Bei Ihnen ist die Besonderheit, dass es nicht nur um die ersten Lebensjahre geht, sondern es geht bis hin zur Pubertät, dass Sie sich wenig erinnern.

Ja, die Grundschulzeit, die Kindergartenzeit fehlen.

Da ist unsere Erfahrung, allerdings hauptsächlich mit Patienten, dass dies dann vorkommt, wenn einem die Erinnerungen bzw. die früheren Erlebnisse nicht so angenehm waren. Man entwickelt mit der Zeit dann Mechanismen, um derartige Erlebnisse immer weiter wegzuschieben. Mit der Zeit wird es dann sogar unmöglich, aktiv an diese Erlebnisse heranzukommen. Das bedeutet, dass das viel mit der Motivation zu tun hat – will man die Kindheit überhaupt so aktiviert haben, will man da noch herankommen? Selbst wenn Sie es heute wollen kann es sein, dass Sie in den Kindheits- und Jugendjahren da nicht so stark herankommen wollten, wodurch diese Erlebnisse ins Unbewusste oder Vorbewusste verdrängt worden.

Wobei ich sagen möchte, dass ich keine schlimme Kindheit hatte. Ich würde sie als ganz normal bezeichnen.

Vielleicht liegt es daran, dass Sie eher auf die Zukunft geschaut haben. Dass Sie sich also gesagt haben, ich möchte in der Zukunft dies und jenes erreichen.

Ich würde sagen, dass meine Kindheit recht ereignislos war. Es passierte nicht sehr viel. Meine Eltern waren nicht so kontaktfreudig, uns es ist relativ wenig passiert. Ich habe mich dann, als ich so weit war, sehr viel mit Büchern und Musik und mit mir selbst beschäftigt.

Das passt dann wieder in das Bild, dass wir eben entworfen haben. Denn das ist ein anderes Gedächtnissystem, dass Sie sich eher auf Fakten, auf Dinge, auf Welt-, Allgemein-, Schulwissen konzentriert haben und da vorwärts kommen wollten. Der Schwerpunkt lag somit auf der Aneignung von Wissensinformationen und weniger auf der eigenen Biografie und persönlichen Erlebnissen. Somit haben die die Oberhand gewonnen und Sie haben sich dann – vermutlich auch unbewusst – weiter konzentriert auf Faktenwissen. Das ist dann intensiver ausgebaut; dabei wurde jedoch vernachlässigt, was die persönlichen Lebensereignisse betraf.

Hätte denn die Hörerin eine Chance, auf irgendeine Art an diese Kindheitserinnerung heranzukommen? Wie alt sind Sie?

56.

Ja, kann man mit 56 noch einmal an die Achtjährige herankommen?

Das ist nur schwer möglich. Es gibt Möglichkeiten wie zum Beispiel die Hypnose, in der man in die Kindheit zurückgeführt werden kann; da können Erinnerungen wieder zurückkommen. Was hilft, sind vielleicht Dinge, die damals zentral waren. Also wenn zum Beispiel Spielzeug aus der Zeit sieht, wenn man in die damalige Wohnung zurückkäme, wenn man Gerüche wieder erleben würde. Solche äußeren Signale können helfen, wieder an Ereignisse heranzukommen, die im Vorbewussten schlummern.

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