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Evolution folgt dem Prinzip der Sparsamkeit

Die unterschiedliche Fingerlänge entspricht am besten unseren Bedürfnissen. Andernfalls wären sie ja entweder alle gleich lang oder gleich kurz. Lauter kurze Finger wären unpraktisch, denn zum Greifen, zum Anfertigen von Werkzeugen oder zum Werfen von Speeren brauchen Finger nun mal eine gewisse Länge.

Wären dagegen alle Finger so lang wie der Mittelfinger, wäre das eine Verschwendung von Ressourcen. Die Evolution – also die natürliche Selektion – folgt dem Prinzip der Sparsamkeit: Sie kräftigt nur die Strukturen, die wirklich benötigt und belastet werden. Die anderen bleiben klein oder schrumpfen – denn das Material und die Energie, die dabei gespart werden, kann der Organismus anderswo sinnvoller einsetzen.

So hat sich eine Hand entwickelt, bei der die Länge der Finger auch die durchschnittliche Belastung spiegelt. Wenn Sie einen Ball werfen oder an einem Ast Klimmzüge machen, ist der Mittelfinger am stärksten belastet, am zweitstärksten der Ringfinger. Anschließend kommt der Zeigefinger, der bei manchen, vor allem feinmotorischen Tätigkeiten, stärker beansprucht wird.

Man kann sich das übrigens schön veranschaulichen: Nehmen Sie mal einen Tennisball oder einen Apfel in die Hand. Wenn die Finger bequem den Ball umfassen, sind die Fingerkuppen etwa auf einer Linie.

- (Foto: SWR)
Wenn die Finger bequem den Ball umfassen, sind die Fingerkuppen etwa auf einer Linie

Der lange Mittelfinger nämlich sucht sich die Stelle mit dem größten Umfang, sozusagen den Äquator. Von ihm geht beim Halten die meiste Kraft aus.

- (Foto: SWR)
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Eine Ausnahme ist der Daumen, aber der ist ohnehin ein Sonderfall, weil er ja in Opposition zu den anderen Fingern steht, beim Greifen also den Gegendruck erzeugt. Der Daumen ist etwas dicker. Und er ist in Wirklichkeit gar nicht so kurz, wie er aussieht, denn der eigentliche Daumenansatz sitzt ja viel tiefer in der Hand als die Ansätze der anderen Finger.

Messen Sie mal mit der linken Hand ab, wie lang Ihr rechter Daumen vom Ansatz – vom ersten Gelenk – bis zur Spitze ist und vergleichen Sie das mit dem Mittelfinger – der Daumen zieht da in der Regel keineswegs den Kürzeren.

Wie der Finger des Mannes ...

Bei Männern ist meist der Ringfinger länger. Bei Frauen sind die Finger eher gleich lang, oft ist der Zeigefinger sogar länger. Und die Anatomen haben in den letzten Jahren noch viel mehr herausbekommen: Es gibt zumindest bei Männern eine Korrelation: Je länger der Ringfinger im Verhältnis zum Zeigefinger, desto größer sind die Hoden und der Penis.

Einfluss von Testosteron und Östrogen

Die Ringfingerlänge korreliert auch mit Karriere-Erfolg. In Orchestern haben die ersten Geiger signifikant längere Ringfinger als die zweiten Geiger. Man ahnt inzwischen auch die Gründe: All diese Eigenschaften – die Länge des Ringfingers, die männlichen Geschlechtsteile wie auch die berufliche Durchsetzungskraft – sind im wahrsten Sinne des Wortes testosterongesteuert und werden somit auch von den gleichen Genen kontrolliert.

Das weibliche Hormon Östrogen wiederum beeinflusst das Wachstum des zweiten Fingers – das ist durch Tierversuche belegt. Diese Zusammenhänge hat man erst in den letzten Jahren entdeckt. Nun versucht man zu verstehen, welche tieferen Hintergründe sie haben bzw. was sich die Evolution dabei "gedacht" hat.