1000 Antworten Wie viele Sprachen beherrschen Sprachwissenschaftler?

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Man denkt oft, dass ein Sprachwissenschaftler jemand ist, der besonders viele Sprachen können müsste. Das ist aber eigentlich gar nicht so, denn mein Aufgabengebiet ist der Sprachvergleich und ich mache das auf eher abstraktem wissenschaftlichen Niveau. Ich muss die Sprachen eigentlich gar nicht sprechen können. Natürlich lieben es viele Sprachwissenschaftler, Sprachen zu lernen und sind dazu vielleicht auch durch einen biografischen Hintergrund gekommen. Ich selbst habe ein bisschen Plattdeutsch gelernt, weil ich in Niedersachsen aufgewachsen bin, aber meine Eltern haben das nicht gesprochen. Meine Mutter war zweisprachig, sie konnte in ihrer Kindheit noch Polnisch. Das hat mich sicherlich auch inspiriert, Russisch zu lernen. Außerdem war ich Austauschwissenschaftler in Italien – und Italienisch ist nicht schwer, wenn man auch Latein gelernt hat. So habe ich auch Italienisch gelernt. Aber das Entscheidende ist, dass wir uns als vergleichende Sprachwissenschaftler die Sprachen von ihrer Struktur her anschauen und versuchen, ähnliche Dinge zu finden, zum Beispiel die Frage: Haben alle Sprachen Adjektive? Oder haben alle Sprachen so etwas wie eine Und-Verbindung, sodass ich sagen kann: Die Sonne und der Mond?

Und haben alle Sprachen Adjektive?

Nein, es gibt eine ganze Reihe Sprachen, in denen man eigentlich nur Verben hat. Und wenn man sagen will „die blaue Blume“, dann muss man so etwas sagen wie „die Blume, die blaut“. Es haben auch nicht alle Sprachen Und-Verbindungen. Es gibt viele Sprachen, in denen man eigentlich nur „mit“ sagen kann. Ich kann also nicht sagen „der Junge und das Mädchen gehen in den Garten“, sondern nur „der Junge geht mit dem Mädchen in den Garten“.

Kommt es vor, dass man die gelernten Sprachen bzw. bestimmte Vokabeln miteinander verwechselt? Oder wird es leichter, je mehr Sprachen man spricht?

Selbst dann, wenn man zwei Sprachen sehr gut kann und sehr oft spricht, bringt man sie oft durcheinander. Dadurch entsteht Sprachmischung, sodass wir aus der einen Sprache etwas in die andere Sprache übernehmen. Und man muss sich schon ziemlich anstrengen, um nicht ständig Wörter aus der anderen Sprache zu übernehmen. Wir merken ja im heutigen deutschen Sprachgebrauch, dass wir ständig englische Wörter haben.