STAND
AUTOR/IN

Der Chirurg Sir Robert Liston amputierte 1846 in London in 25 Sekunden ein Bein. Legendär sein Ruf als „schnellstes Messer“. Manches Körperteil wurde versehentlich mit abgetrennt.

Audio herunterladen (2,3 MB | MP3)

Sir Robert Liston amputiert 1846 ein Bein in 25 Sekunden

25 Sekunden! In dieser Rekordzeit amputierte der Chirurg Sir Robert Liston (1794 - 1847) in London 1846 das zertrümmerte Bein eines Butlers.

Liston war ein ernst anmutender Arzt mit langer Nase, dunklem Backenbart und kahlem Haupt. Wie Mitte des 19. Jahrhunderts üblich, stand er im Operationssaal am Patienten – stets umringt von seinesgleichen. Berauscht von seiner eigenen Skalpellkunst forderte er die umstehenden Herren mit einem herausfordernden „Time me, Gentlemen“ auf, die Zeit zu messen, die er für den Eingriff benötigte.

Robert Liston operierte in atemberaubender Geschwindigkeit – sein Ruf war legendär. Und so verwundert es nicht, dass es auf sein Ansehen nicht den geringsten Schatten warf, als er einmal bei einer Oberschenkel-Amputation einen Hoden des Patienten und zwei Finger eines Assistenten mit entfernte. Für zeitgenössische Medizinhistoriker war und blieb Liston „The fastest knife – das schnellste Messer – in West End“.

Vor Einführung der Narkose 1846 mussten Operationen schnell gehen

Dass er so geschwind hantierte, lag nicht nur an seinem persönlichen Ehrgeiz, sondern war auch in der Herausforderung seiner Zeit begründet: Vor Einführung der Narkose 1846 hatte ein Chirurg unter dem Druck gestanden, die OP möglichst zu beenden, bevor der Patient dem Schock seiner Schmerzensqualen erlag.

Bei der erwähnten Bein-Amputation am Butler innerhalb von 25 Sekunden hätte sich Robert Liston aber nun wirklich mehr Zeit nehmen können. Schließlich war es die erste Operation in einer europäischen Klinik mit Narkose. Verwendet wurde Schwefel-Äther, dessen Dämpfe – eingeatmet – schmerzunempfindlich machen sollte. Erfunden hatte die Methode der Anästhesie-Pionier William Morton zwei Monate zuvor in Amerika. Erleichtert und überschwänglich dosierte man den Äther von nun an – mögliche Nebenwirkungen ausblendend – auch in Europa großzügig. Das ging nicht immer gut aus, aber das ist eine andere Geschichte.

Robert Listons 25-Sekunden-OP nahm jedenfalls ein gutes Ende – lässt man mal außer Acht, dass der Patient nach der Bein-Amputation zweimal das Bewusstsein verlor. Dies geschah allerdings lediglich durch den Anblick des fehlenden Beins, nicht der Schmerzen wegen.

Vermächtnis des schnellen Chirurgen: Listonsches Amputationsmesser

Was uns bis heute bleibt, sind das nach unserem Skalpell-Virtuosen benannte Listonsche Amputationsmesser, eine Knochenschere und andere kleine Grausamkeiten. Zum Glück bekommen wir diese dank wohldosierter Anästhesie nicht zu Gesicht.

Le patriote et membre de la Carboneria (carbonarisme) Pietro Maroncelli (1795-1846) est ampute de la jambe lors de son emprisonnement dans le penitencier de la forteresse de Spielberg en Moravie (Foto: Imago,  imago stock&people)
Operationen waren vor der Einführung der Narkose riskant und für die Patienten qualvoll. Der Druck aus dem 19. Jahrhundert zeigt Pietro Maroncelli bei der Amputation seines Beines im Gefängnis der Festung Spielberg in Mähren. Imago imago stock&people

Diskussion Heilen wie der Medicus – Was bleibt von der Medizin des Mittelalters?

Es diskutieren:
Prof. Dr. Wolfgang U. Eckart, Medizinhistoriker, Heidelberg
Prof. Dr. Kay Peter Jankrift, Medizinhistoriker, Universität Münster
Dr. Sebastian Zanke, Kurator Historisches Museum der Pfalz, Speyer
Gesprächsleitung: Thomas Koch  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Aula Der Körper und seine Säfte – Eine andere Kulturgeschichte

Die vier Kardinalsäfte des Körpers – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle – haben das medizinische Denken der westlichen Welt mehr als 2000 Jahre lang beherrscht. Aber eine Medizin- oder Kultur-Geschichte der Körpersäfte fehlt bisher.  mehr...

SWR2 Wissen: Aula SWR2

Medizingeschichte Paracelsus – Arzt, Alchemist, Philosoph

Paracelsus nannte seine Ärztekollegen „Pfuscher“ oder „Friedhofslieferanten“. Seine Ansätze zur Ganzheitlichkeit, Psychosomatik und Pflanzenheilkunde wirken jedoch bis heute.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Medizin Wie gefährlich ist eine Narkose?

Narkosen gelten als sicher. Trotzdem sterben im Schnitt 70 Menschen pro Jahr, weil während der Narkose Komplikationen auftreten.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Medizingeschichte

Aula Gefährliche Wege zur Immunität | Wolfgang U. Eckart über das Politikum der Impfstofentwicklung

Die Geschichte der Impfstoffsuche und -entwicklung ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte; sie zeigt aber auch, dass es oft um Politik, Skrupellosigkeit und Geld ging. Das ist heute bei der Corona-Pandemie nicht anders. (SWR 2020). Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/impfstoffentwicklung  mehr...

SWR2 Wissen: Aula SWR2

Archivradio Pandemien und andere Plagen – Historische Radioaufnahmen

Die Einführung der Polio-Impfung, die Erkenntnis, dass Rauchen Krebs verursacht, die Identifizierung des Aids-Virus. Alte Radioaufnahmen verraten, wie Deutschland früher mit Pandemien und anderen Plagen umgegangen ist. Von Gábor Paál.  mehr...

SWR2 Wissen: Archivradio SWR2

2.2.1970 Erste erfolgreiche Nerventransplantation

2.2.1970 | Es war eine medizinische Sensation am 2. Februar 1970: Ein Handwerker, dessen Hand gelähmt war, kann sie nun wieder voll einsetzen, dank Nerventransplantation. Zwar wurden schon 1876 in Österreich Nerven verpflanzt, doch erst jetzt gelingt es dem Münchener Chirurgen Walter Jacoby das so hinzubekommen, dass der Erfolg auch von Dauer ist.  mehr...

Reihe Die Welt in Zahlen

Die Welt ist voller überraschender und kurioser Zahlen. SWR2 Impuls beschreibt in dieser Reihe die Welt in und aus Zahlen.  mehr...

STAND
AUTOR/IN