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Im Internet kann jeder, der will, Nachrichten verfassen, veröffentlichen und verbreiten - auch Fake News, beispielsweise über Corona-Impfungen. YouTube, Facebook und Twitter machen es möglich.

Längere Artikel oder kurze Meldungen, beispielsweise Berichte von Unfällen, werden längst nicht mehr nur von professionellen Journalisten geschrieben. Wie gut die Fakten recherchiert wurden, wer die Texte geschrieben hat und welche Absichten damit bezweckt werden, überprüfen viele Nutzer nicht. Jede noch so absurde Nachricht findet ihre Follower. Der professionelle Blick darauf, welche Nachrichten die Schleuse in die Öffentlichkeit, das Gate, passieren sollten, fehlt dabei. Was macht das mit uns? Wie gehen wir als Gesellschaft damit um?

Demokratie-Forum im Livestream

"Demokratie in Zeiten digitaler Medien – zwischen Qualitätsjournalismus und Fakenews“ ist der Titel des Demokratie-Forums am Mittwoch, den 10. März 2021. Moderator Prof. Michel Friedman spricht über dieses Thema ab 19 Uhr mit der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Jeanette Hofmann, dem FAZ-Herausgeber Carsten Knop und dem SWR-Intendanten Prof. Kai Gniffke. Aufgrund der Corona-Pandemie gibt es nicht die Möglichkeit, vor Ort dabei zu sein. Das Gespräch wird ab 19 Uhr im Livestream übertragen.

Carsten Knop, Herausgeber der FAZ (Foto: F.A.Z./ Helmut Fricke)
Carsten Knop: "Die Plattformen sind eindeutig Publisher. Für sie müssen die gleichen Regeln wie für Zeitungen gelten. Natürlich hatte Twitter das Recht, Trump zu sperren – damit haben sie gezeigt, dass sie Publisher sind. Transparenz und Verlässlichkeit sind die Werte, die für jeden Leser im Netz zählen. So kann man Substanz von Fake News unterscheiden." F.A.Z./ Helmut Fricke Bild in Detailansicht öffnen
Jeanette Hofmann: "Da kann man sich fragen, warum ist das Internet so geworden, wie es ist. Und das hat sehr viel damit zu tun, dass wir in allen westlichen Gesellschaften eine starke Privatisierungsphase eingeleitet haben, das ist ein Faktor. Ein anderer ist natürlich auch, dass wir als Gesellschaft sehr viele Konventionen über Bord geworfen haben und eine sehr stark individualisierte Gesellschaft geworden sind. Das drückt sich unter anderem in der Art, wie wir soziale Netzwerke nutzen, aus." David Außerhofer Bild in Detailansicht öffnen
Kai Gniffke: „Wir bieten besten Journalismus und verlässliche Informationen – auch auf allen digitalen Ausspielwegen wie YouTube, Instagram oder in der ARD Mediathek. Fake News, Hass-Posts und Propaganda in den sozialen Medien machen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wichtiger denn je.“ Bild in Detailansicht öffnen

Digitalisierung ist kein Angriff auf die Demokratie

Prof. Dr. Jeanette Hofmann leitet am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin die Forschungsgruppe Politik der Digitalisierung. Ihr ist wichtig, Digitalisierung nicht als eine Art Naturgewalt zu betrachten, als einen Angriff auf etablierte Institutionen oder einen Angriff auf die Demokratie: "Medien spielen in meiner Beschreibung die Rolle eines Möglichkeitsraums." In der Zeit des Arabischen Frühlings seien Internet und soziale Netzwerke als eine Stärkung der Demokratie wahrgenommen worden, jetzt als Bedrohung. "Medien schreiben uns nicht vor, wie wir kommunizieren, sondern sie ermöglichen Kommunikation und damit hängt es von unseren Wahrnehmungen, Wünschen und Dispositionen ab, wie wir Medien nutzen und das beeinflusst die Medien selbst", sagt Hofmann.

In Corona-Pandemie wächst das Medienvertrauen

FAZ-Herausgeber Carsten Knop und SWR-Intendant Kai Gniffke haben vor allem seit Beginn der Corona-Pandemie ein deutlich gestiegenes Interesse an Qualitätsjournalismus wahrgenommen. "Die Leute wollen Qualität. Es braucht kein Clickbating und keinen niveaulosen Journalismus. Wir müssen das tun, was wir gut können: Qualitätsjournalismus betreiben", sagt Carsten Knop. Transparenz und Verlässlichkeit seien die Werte, die für jeden Leser im Netz zählten: "So kann man Substanz von Fake News unterscheiden."

"Medien nehmen eine wichtige Kritik- und Kontrollfunktion in der Demokratie wahr. Wir haben in der Krise noch mal einen Crashkurs erlebt, wie Fake News und Desinformation funktionieren und wie wichtig es ist, dass wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk Mitarbeitende haben, die den journalistischen Beruf beherrschen und die  Sachverhalte nach handwerklichen und ethischen Standards sauber aufbereiten können“, sagt SWR Intendant Kai Gniffke.

Studien zeigen, dass das Vertrauen in die Medienberichterstattung während der Corona-Pandemie merklich gestiegen ist. Eine repräsentative Umfrage von etwa 1000 Wahlberechtigten von Infratest Dimap im Auftrag des WDR ergibt, dass mehr als zwei Drittel der Befragten die Berichterstattung der Medien in Deutschland für vertrauenswürdig halten. Zweifel an der Unabhängigkeit der Medien gibt es dennoch. Mindestens jeder Dritte der Befragten glaubt, es gäbe eine politische Einflussnahme auf die Berichterstattung.

Welcher Quelle vertrauen Sie?

Was bedeutet diese Entwicklung für die demokratische Willensbildung und einen faktenbasierten Diskurs? Soziale Medien machen sichtbar, welche Strömungen schon vorher in der Gesellschaft vorhanden waren - auch menschenfeindliche und antidemokratische. Nicht erst seit dem Angriff auf das US-Kapitol in Washington wird diskutiert, wer die Verantwortung für die veröffentlichten Inhalte trägt. Die Sperrung der Accounts des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump bei Twitter und Facebook zeigt eines ganz deutlich: die enorme Macht der großen Online-Konzerne, die nach eigenen Kriterien entscheiden können, welche Accounts sie stumm schalten.

Zu den letzten Sendungen

Informationen zur Sendung

Die anderthalbstündigen Gespräche des Demokratie-Forums leitet Michel Friedman. Friedman, der 1956 in Paris geboren wurde, ist deutsch-französischer Jurist, Publizist, Philosoph und Fernsehmoderator. Er war jahrelang stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Herausgeber der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Als Moderator wurde er mit der Sendung "Vorsicht! Friedman" bekannt. Heute moderiert er unter anderem bei der Deutschen Welle die Sendung "Auf ein Wort".

Michel Friedman (Foto: SWR)
Michel Friedman

Engagiert meldet er sich gegen Antisemitismus und Rassismus zu Wort. Für ihn seien die Geschichtsrevisionisten und Rechtsintellektuelle eine größere Gefahr für die Demokratie als rechtsextreme Parteien, weil sie "unter einem bürgerlichen Deckmäntelchen und mit einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz" eine durchschlagendere Wirkung hätten.

Dieses Engagement zeigt sich auch in seinem Einsatz für Geflüchtete. So richtete er 2015 eine Willkommensfeier für Geflüchtete und ihre Helfer in der Frankfurter Paulskirche aus. Sein Credo: "Jeder ist jemand, sagt der Schriftsteller George Tabori. Das ist für mich Demokratie. Würde, Respekt und die Einmaligkeit eines jeden Menschen, die einen Staat als Leitmotiv verpflichten."

Wofür steht das Demokratie-Forum Hambacher Schloss?

In der Tradition des "Hambacher Fests" und dem hiermit verbundenen Geist der Meinungsfreiheit und der Bürgerrechte diskutieren lebenserfahrene und streitlustige Politiker, Publizisten sowie Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft auf dem Demokratie-Forum Hambacher Schloss. Politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen von grundlegender Bedeutung werden aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln aufgegriffen.

Im Zentrum der kontroversen Debatten steht der "Geist der Gegenwart" und die zentrale Frage, welche Werte, Ideen und Konzepte künftig unsere Gesellschaft noch zusammenhalten. Das kritische Bürgerforum bietet eine Bühne für substantielle Diskurse und fairen Konfliktaustausch.

Hinweis: Grundsätzlich ist es möglich, dass sich das Diskussionsthema aus aktuellem Anlass kurzfristig ändern kann.

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