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Jeder kann im Netz Nachrichten verbreiten - auch Fake News. Und soziale Medien gewinnen immer mehr an Bedeutung. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Gesellschaft, für etablierte Medien - und auch für die Demokratie? Das war Diskussionsthema beim Demokratie-Forum im Hambacher Schloss.

Artikel im Netz werden längst nicht mehr nur von professionellen Journalisten geschrieben. Wie gut die Fakten recherchiert wurden, überprüfen viele Nutzer nicht. Über die sozialen Netzwerke werden die Meldungen geteilt - und nur selten gefiltert. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Wo hört die Meinungsfreiheit auf und welche Aufgabe wird dem Qualitätsjournalismus zuteil?

Beim Demokratie-Forum im Hambacher Schloss am Mittwochabend sprach Moderator Prof. Michel Friedman darüber mit der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Jeanette Hofmann, dem FAZ-Herausgeber Carsten Knop und dem SWR-Intendanten Prof. Kai Gniffke.

Vom Wirtshaus ins Netz - die Meinung wird öffentlicher

Jeder kann heutzutage seine Meinung einem breiten Publikum mitteilen - dem Netz sei Dank. Grundsätzlich sei das eine "herrliche" Entwicklung, so SWR-Intendant Gniffke. "Was früher nur auf dem Marktplatz oder im Wirtshaus möglich war, ist jetzt mit einer großen Öffentlichkeit möglich. Das ist ein großer, zivilisatorischer Fortschritt." Vor dieser Entwicklung dürfe man keine Angst haben.

Allerdings müsse man sich mit der Frage auseinandersetzen, wie demokratische Willensbildung unter diesen Voraussetzungen organisiert und ein respektlos werdender Diskurs vermieden werden könne. Gniffke sieht dabei die öffentlich-rechtlichen Medien auch in der Verantwortung, den Menschen "Halt und Qualität" zu liefern, und das "Rattenrennen um die größte Provokation, die knalligste Headline" nicht mitzufahren.

Nachrichtenbeschaffung immer mehr über soziale Netzwerke

Die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann stellte die steigende Bedeutung sozialer Medien bei der Nachrichtenbeschaffung heraus. "Es hat in den USA begonnen, dass ein doch erheblicher Anteil junger Leute seine Nachrichten über Plattformen wie Facebook bezieht." Die Haltung sei: "Wenn was Relevantes passiert ist, wird es mich schon finden", so Hofmann. Das sei bezogen auf Nachrichten ein ganz anderes Konsumverhalten als bei der vorherigen Generation.

Der Kampf um Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken erfasse auch die etablierten Medien. "Alle Medien wollen unsere Aufmerksamkeit behalten. Sie haben uns einmal gefunden und dann liefern sie uns Informationen, von denen sie annehmen, dass sie uns so länger auf der Plattform behalten." Hofmann leitet am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin die Forschungsgruppe Politik der Digitalisierung.

Landessenderdirektorin Simone Schelberg beim Demokratie-Forum Hambacher Schloss (Foto: SWR)
SWR-Landessenderdirektorin Simone Schelberg sprach zur Begrüßung beim Demokratie-Forum Hambacher Schloss Bild in Detailansicht öffnen
Prof. Michel Friedman moderiert das Demokratie-Forum Hambacher Schloss Bild in Detailansicht öffnen
Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Jeanette Hofmann Bild in Detailansicht öffnen
FAZ-Herausgeber Carsten Knop Bild in Detailansicht öffnen
SWR-Intendant Prof. Kai Gniffke Bild in Detailansicht öffnen

Soziale Netzwerke sind Chance und Konkurrenz für etablierte Medien

FAZ-Herausgeber Knop sprach im Zusammenhang mit dem Siegeszug von sozialen Plattformen von einer Chance, die sich dadurch auch etablierten Medien böte. Soziale Medien seien ein "großer Vermarktungsweg" um neue Leser zu gewinnen, auch jüngere Zielgruppen zu erschließen. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie seien die Zugriffszahlen auf das digitale Angebot der FAZ deutlich gestiegen. "Seriöse Corona-Informationen wurden bei seriösen Medien nachgefragt", so Knop.

Zur gleichen Zeit müsse man sich allerdings auch der Konkurrenz durch andere Angebote in den sozialen Medien stellen: den YouTubern, die Autos bewerten, dem gut recherchierten Wirtschafsblog. "Es ist beides wahr: Sie haben die tektonische Verschiebung im Leserverhalten von Print zu digital. Zur selben Zeit muss die Redaktion besser werden, um den neuen Herausforderern Paroli zu bieten. Das ist unheimlich spannend."

Soziale Netzwerke stehen bei Fake News in der Verantwortung

Dass soziale Netzwerke selbst auch in der Verantwortung stehen, falsche Inhalte - Fake News - zu filtern, darüber bestand im Hambacher Schloss grundsätzlich Einigkeit. "Ich sehe eine immense zerstörerische Kraft von Fake News", sagte SWR-Intendant Gniffke und verwies in diesem Zusammenhang auf Trollfarmen in Russland, die für Fehlinformation im großen Stil verantwortlich seien.

FAZ-Herausgeber Knop betonte, dass es keinen Freifahrtschein für jegliche Inhalte auf digitalen Plattformen geben dürfe. Dass die Unternehmen sich ihrer Verantwortung selbst bewusst geworden seien, zeige der Umgang mit dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der zum Ende seiner Amtszeit von mehreren Plattformen ausgeschlossen wurde. Der Umgang mit Trump und insbesondere seinen Tweets habe aber auch einen Mechanismus deutlich gemacht: Nicht nur soziale Netzwerke, auch Traditionsmedien belohnen das Provokative, so Politikwissenschaftlerin Hofmann. Über die Trump-Tweets sei überall und regelmäßig berichtet worden.

Wofür steht das Demokratie-Forum Hambacher Schloss?

Das Demokratie-Forum mit jeweils drei Gästen findet viermal jährlich im Hambacher Schloss statt. In der Tradition des "Hambacher Fests" und dem hiermit verbundenen Geist der Meinungsfreiheit und der Bürgerrechte diskutieren lebenserfahrene und streitlustige Politiker, Publizisten sowie Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft auf dem Demokratie-Forum Hambacher Schloss. Politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen von grundlegender Bedeutung werden aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln aufgegriffen.

Im Zentrum der kontroversen Debatten steht der "Geist der Gegenwart" und die zentrale Frage, welche Werte, Ideen und Konzepte künftig unsere Gesellschaft noch zusammenhalten. Das kritische Bürgerforum bietet eine Bühne für substanzielle Diskurse und fairen Konfliktaustausch.

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Moderator des Demokratie-Forums: Michel Friedman

Die anderthalbstündigen Gespräche des Demokratie-Forums leitet Michel Friedman. Friedman, der 1956 in Paris geboren wurde, ist deutsch-französischer Jurist, Publizist, Philosoph und Fernsehmoderator. Er war jahrelang stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Herausgeber der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Als Moderator wurde er mit der Sendung "Vorsicht! Friedman" bekannt. Heute moderiert er unter anderem bei der Deutschen Welle die Sendung "Auf ein Wort".

Michel Friedman (Foto: SWR)
Michel Friedman

Engagiert meldet er sich gegen Antisemitismus und Rassismus zu Wort. Für ihn seien die Geschichtsrevisionisten und Rechtsintellektuelle eine größere Gefahr für die Demokratie als rechtsextreme Parteien, weil sie "unter einem bürgerlichen Deckmäntelchen und mit einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz" eine durchschlagendere Wirkung hätten.

Dieses Engagement zeigt sich auch in seinem Einsatz für Geflüchtete. So richtete er 2015 eine Willkommensfeier für Geflüchtete und ihre Helfer in der Frankfurter Paulskirche aus. Sein Credo: "Jeder ist jemand, sagt der Schriftsteller George Tabori. Das ist für mich Demokratie. Würde, Respekt und die Einmaligkeit eines jeden Menschen, die einen Staat als Leitmotiv verpflichten."

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