STAND

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist ein Wort omnipräsent: Solidarität. Die Forderungen danach sind allgegenwärtig - die Solidarität zwischen Alten und Jungen, Geimpften und Ungeimpften genauso wie die zwischen verschiedenen Nationen.

Sollen reiche Länder wie Deutschland Impfdosen an ärmere Länder abgeben, obwohl die eigene Bevölkerung noch nicht vollständig geimpft ist und Impfstoff weiterhin ein knappes Gut ist? Diese Frage der Solidarität werde ihr oft gestellt, sagt Medizin-Ethikerin Alena Buyx beim Demokratie-Forum Hambacher Schloss. Die Vorsitzende des Deutschen Ethik-Rats hat Verständnis dafür, wenn Regierungen hier und heute zunächst die eigene Bevölkerung schützen. "Es ist aus meiner Sicht nicht ethisch verwerflich, wenn Regierungen das so entscheiden." Sobald man etwas abgeben könne, solle man es jedoch sofort tun.

Jüngere oft vergessen

Doch die Frage der Solidarität stellt sich nicht nur zwischen den Nationen, sondern auch zwischen den Generationen. "Bestimmte Gruppen wurden komplett ausgeblendet", sagt Psychologin und Glücksforscherin Maike Luhmann. Jüngere, wie zum Beispiel Studierende, seien oft vergessen worden. "Das mag durchaus daran liegen, dass die Debatten vor allem von älteren Generationen bestimmt sind", so die Wissenschaftlerin. Die entwicklungspsychologischen Bedürfnisse der Jüngeren seien anders als die der Älteren, aber deswegen nicht falsch - zum Beispiel das Feiern. "Feiern bedeutet, dass man andere Menschen im gleichen Alter kennenlernt, dass man Partnerin, Partner findet, das man sich ausprobiert, dass man auch mal Grenzen überschreitet. Das ist alles wahnsinnig wichtig für die Entwicklung und das wurde dieser Generation jetzt schon für einen relativ langen Zeitraum genommen."

Solidarität nach Corona?

Und was bleibt nach der Coronakrise von der Solidarität in der Gesellschaft? Es gebe Anzeichen, dass viele so weitermachen wollten wie vorher, sagt Politikwissenschaftler Rainer Forst. "Aber wir haben etwas erlebt, von dem viele nicht glaubten, dass das möglich ist", so Forst: Aus Rücksicht auf andere eine Gesellschaft für längere Zeit weitgehend stillzustellen. "Dass das möglich ist, muss in Erinnerung bleiben. Dafür muss man kämpfen und eintreten."

Die Gäste im Hambacher Schloss

Alena Buyx (Foto: Andreas Heddergott)
Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats: "Diese solidarische Motivation und die Praxis, die haben nicht alle, auch das kennt man aus sozialwissenschaftlichen Studien, d.h. es gibt einen Teil der Bevölkerung, der zieht einfach nicht mit, das haben wir auch in der Corona-Pandemie gesehen - von Anfang an. Aber bei der großen Mehrheit hält das Solidaritätsgefühl durchaus einiges aus. Ich darf mich nur nicht zu häufig, an zu vielen verschiedenen Stellen quasi, betrogen fühlen um die Reziprozität, also die Gegenseitigkeit. Denn ohne diese Gegenseitigkeit funktioniert Solidarität dauerhaft nicht." Andreas Heddergott Bild in Detailansicht öffnen
Prof. Maike Luhmann, Glücksforscherin und Psychologie-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum: "Solidarität ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, aber selten waren die damit verbundenen Kosten für die Einzelnen so hoch. Jetzt gilt es, die Folgen dieses ungleich verteilten Verzichts aufzufangen, damit die Solidarität nicht gefährdet wird." RUB, Kramer Bild in Detailansicht öffnen
Prof. Dr. Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt: "Unsere Gesellschaften haben in der Pandemie ein Maß an Vorsicht und auch an Solidarität gezeigt, das bemerkenswert ist und Leben gerettet hat. Aber die nächste Zeit wird viele weitere Solidaritätsprüfungen enthalten, und keine Gesellschaft kann sich eine solidarische nennen, wenn sie die Schlechtestgestellten in ihrer Mitte oder die Not anderer ignoriert." Rainer Forst Universität Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen

Wofür steht das Demokratie-Forum Hambacher Schloss?

Das Demokratie-Forum mit jeweils drei Gästen findet viermal jährlich im Hambacher Schloss statt. In der Tradition des "Hambacher Fests" und dem hiermit verbundenen Geist der Meinungsfreiheit und der Bürgerrechte diskutieren lebenserfahrene und streitlustige Politiker, Publizisten sowie Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft auf dem Demokratie-Forum Hambacher Schloss. Politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen von grundlegender Bedeutung werden aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln aufgegriffen.

Im Zentrum der kontroversen Debatten steht der "Geist der Gegenwart" und die zentrale Frage, welche Werte, Ideen und Konzepte künftig unsere Gesellschaft noch zusammenhalten. Das kritische Bürgerforum bietet eine Bühne für substantielle Diskurse und fairen Konfliktaustausch.

Zu den letzten Sendungen

Moderator des Demokratie-Forums: Michel Friedman

Die anderthalbstündigen Gespräche des Demokratie-Forums leitet Michel Friedman. Friedman, der 1956 in Paris geboren wurde, ist deutsch-französischer Jurist, Publizist, Philosoph und Fernsehmoderator. Er war jahrelang stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Herausgeber der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Als Moderator wurde er mit der Sendung "Vorsicht! Friedman" bekannt. Heute moderiert er unter anderem bei der Deutschen Welle die Sendung "Auf ein Wort".

Michel Friedman (Foto: SWR)
Michel Friedman

Engagiert meldet er sich gegen Antisemitismus und Rassismus zu Wort. Für ihn seien die Geschichtsrevisionisten und Rechtsintellektuelle eine größere Gefahr für die Demokratie als rechtsextreme Parteien, weil sie "unter einem bürgerlichen Deckmäntelchen und mit einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz" eine durchschlagendere Wirkung hätten.

Dieses Engagement zeigt sich auch in seinem Einsatz für Geflüchtete. So richtete er 2015 eine Willkommensfeier für Geflüchtete und ihre Helfer in der Frankfurter Paulskirche aus. Sein Credo: "Jeder ist jemand, sagt der Schriftsteller George Tabori. Das ist für mich Demokratie. Würde, Respekt und die Einmaligkeit eines jeden Menschen, die einen Staat als Leitmotiv verpflichten."

Audio herunterladen (26,3 MB | MP3)

Gespräch Sozialforscher Stefan Sell: Von den Lockerungen profitieren vor allem Gutverdiener

Bei den bevorstehenden Lockerungen für Geimpfte und wieder Genesene fehle das Bewusstsein für die unverändert schwierige Situation der Menschen mit geringen Einkommen, so Stefan Sell, Professor für Sozialpolitik an der Uni Koblenz, in SWR2. Die Lockerungen verdankten sich dem Druck der bürgerlichen Schichten, in denen nicht selten das wichtigste Motiv sei, einen Sommerurlaub machen zu können. Darauf reagierten nun auch die Entscheidungsträger.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Demos im Land DGB würdigt Solidarität in der Corona-Krise

DGB Hauptkundgebung  mehr...

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Sport SWR Fernsehen BW

STAND
AUTOR/IN