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Demokratie-Forum Hambacher Schloss am 29. September

Hoch lebe der Streit!

STAND

Hitzige Debatten sind heute alltäglich. Unversöhnlich stehen sich die Streitenden oft gegenüber. Es scheint, als gehe es nur darum, Recht zu haben und weniger um Erkenntnis oder Kompromiss. Was macht einen guten Streit aus?

"Wir brauchen Debatte! Warum Streiten unverzichtbar ist." heißt das Thema des Demokratie-Forums auf dem Hambacher Schloss am 29. September. Moderator Michel Friedman diskutiert darüber mit der Philosophin Romy Jaster, der Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff und dem Autor und Journalisten Ijoma Mangold.

Die Gäste haben 90 Minuten Zeit, gemeinsam nachzudenken, unterschiedliche Perspektiven zu nutzen, um über Debattenkultur zu diskutieren und um sich zu überlegen, welche Regeln eine Gesellschaft braucht, um konstruktiv zu streiten. Ein Gespräch fernab von kurzen, plakativen Aussagen.

Die Gäste im Hambacher Schloss

Nicole Deitelhoff ist Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen an der Goethe-Universität Frankfurt und diskutiert beim Demokratie-Forum Hambacher Schloss mit über gutes Streiten. (Foto: Uwe Dettmar)
Nicole Deitelhoff: "Die Aussage 'Es wird zu viel gestritten' ist eigentlich die falsche. Es wird nicht zu viel gestritten, es wird zu viel schlecht gestritten. Wir müssen besser streiten! Und das ist etwas, was wir durchaus verlernt haben." Uwe Dettmar Bild in Detailansicht öffnen
Romy Jaster: "Ich werde ganz oft gefragt, haben wir das Streiten verlernt? Ich sage immer: Nein, wir haben nicht das Streiten verlernt, wir haben es nie besser gekonnt! Wir haben aber jetzt eine gesellschaftliche Situation, die uns ganz besonders viel abverlangt auf dieser Ebene, so dass wir uns jetzt eben ganz besonders gute Fähigkeiten in Bereich Streiten aneignen sollten." privat Bild in Detailansicht öffnen
Ijoma Mangold: "Die Fähigkeit, miteinander zu streiten, ist ja eher Ausdruck davon, dass man etwas gemeinsam hat. Wo es nichts Gemeinsames gibt, ist streiten gar nicht möglich. Sie können ja nicht mit jemandem streiten, der ein Systemgegner ist, weil der ist außerhalb des Systems - im ganz apriorischen Sinne. Insofern ist Streit Ausdruck des Funktionierens einer pluralistischen Demokratie und nicht ihr Ende." Christian Buck Bild in Detailansicht öffnen

Besser streiten ist gefragt

Es brauche mehr Streit, um die Demokratie zu stärken, sagt die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff. "Die Aussage 'Es wird zu viel gestritten' ist eigentlich die falsche. Es wird nicht zu viel gestritten, es wird zu viel schlecht gestritten. Wir müssen besser streiten! Und das ist etwas, was wir durchaus verlernt haben", sagt Deitelhoff, die sich seit Jahren mit Grundlagen und Grenzen von Streit beschäftigt.

Die Philosophin Romy Jaster hat mit Kollegen an der Berliner Humboldt Universität das Forum für Streitkultur gegründet. Gründe dafür waren die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, Fakenews, Verschwörungstheorien, die den Dialog mit Andersdenkenden immer schwieriger erscheinen lassen. "Bei Leuten, die ein ganz anderes Weltbild haben als man selbst, ist ja die Herausforderung, überhaupt erst einmal Annahmen zu finden, auf die man sich einigen kann. Das ist eine wichtige Erkenntnis, denn bestimmte Gesprächsversuche sind zum Scheitern verurteilt, weil man da eben keine gemeinsamen Prämissen findet. Solche Gespräche kann man sich dann sparen", sagt Jaster, die das Forum für Streitkultur leitet. Dieses forscht zu aktuellen Streit-Themen und zur Frage, wie Streit gelingen kann. In Workshops werden Techniken für den Diskurs mit Andersdenkenden vermittelt.

Schnappatmung, Wut und Widersprüchlichkeiten

Der Journalist und Autor Ijoma Mangold hat in seinem 2020 erschienenen Buch "Der innere Stammtisch" sich selbst und politische Ereignisse beobachtet. Entstanden ist ein politisches Tagebuch. Die alte Eindeutigkeit sei aus der Politik verschwunden und ersetzt worden durch Reflexe und Schnappatmung, durch Wut und Widersprüchlichkeit. Doch gerade dieses Unreflektierte, die Affekte, der Stammtisch, der permanent nur für uns selbst in uns zu hören sei, mache das Politische im Tiefsten aus, so Mangold.

Drei Tage nach der Bundestagswahl und einem wahrscheinlich turbulenten Wahlkampf steht die aktuelle Streitkultur und die Kunst der Debatte im Zentrum des Demokratie-Forums auf dem Hambacher Schloss.

Wofür steht das Demokratie-Forum Hambacher Schloss?

Das Demokratie-Forum mit jeweils drei Gästen findet viermal jährlich im Hambacher Schloss statt. In der Tradition des "Hambacher Fests" und dem hiermit verbundenen Geist der Meinungsfreiheit und der Bürgerrechte diskutieren lebenserfahrene und streitlustige Politiker, Publizisten sowie Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft auf dem Demokratie-Forum Hambacher Schloss. Politische, gesellschaftliche und kulturelle Themen von grundlegender Bedeutung werden aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln aufgegriffen.

Im Zentrum der kontroversen Debatten steht der "Geist der Gegenwart" und die zentrale Frage, welche Werte, Ideen und Konzepte künftig unsere Gesellschaft noch zusammenhalten. Das kritische Bürgerforum bietet eine Bühne für substantielle Diskurse und fairen Konfliktaustausch.

Zu den letzten Sendungen

Moderator des Demokratie-Forums: Michel Friedman

Die anderthalbstündigen Gespräche des Demokratie-Forums leitet Michel Friedman. Friedman, der 1956 in Paris geboren wurde, ist deutsch-französischer Jurist, Publizist, Philosoph und Fernsehmoderator. Er war jahrelang stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Herausgeber der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Als Moderator wurde er mit der Sendung "Vorsicht! Friedman" bekannt. Heute moderiert er unter anderem bei der Deutschen Welle die Sendung "Auf ein Wort".

Michel Friedman (Foto: SWR)
Michel Friedman

Engagiert meldet er sich gegen Antisemitismus und Rassismus zu Wort. Für ihn seien die Geschichtsrevisionisten und Rechtsintellektuelle eine größere Gefahr für die Demokratie als rechtsextreme Parteien, weil sie "unter einem bürgerlichen Deckmäntelchen und mit einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz" eine durchschlagendere Wirkung hätten.

Dieses Engagement zeigt sich auch in seinem Einsatz für Geflüchtete. So richtete er 2015 eine Willkommensfeier für Geflüchtete und ihre Helfer in der Frankfurter Paulskirche aus. Sein Credo: "Jeder ist jemand, sagt der Schriftsteller George Tabori. Das ist für mich Demokratie. Würde, Respekt und die Einmaligkeit eines jeden Menschen, die einen Staat als Leitmotiv verpflichten."

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