Thomas Jung - SWR3 Programmchef © SWRStefanie Schweigert (Foto: SWR, Stefanie Schweigert)

SWR3 spürt unablässig neue Trends und Stars auf

Musik im digitalen Überfluss

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Warum Streamingdienste dazugehören, wie man Top Player bleibt und weshalb die Jungen nach wie vor Radio hören. Eine Klarstellung von SWR3 Wellenchef Thomas Jung.

Die SWR3 Musik genießt bei Hörerschaft und Musikwirtschaft einen hervorragenden Ruf. Nach welchen Kriterien gestalten Sie das Musik-Design?

Thomas Jung: Die Musikauswahl bei SWR3 folgt klaren Regeln. Durch unsere extrem breitgefächerte Hörerschaft muss ein Programm wie SWR3 auch in der Musikauswahl breit angelegt sein. Nicht allen jungen Hörern gefallen die Songs aus den 80ern/90ern, aber auch nicht jeder über 45 mag die aktuelle Charts-Musik, die doch extrem durch die Electronic Dance Music geprägt ist. Wie viele deutsche Songs dürfen es sein, wie stark prägen Balladen das Programm? Hier zu vermitteln, aus diesen sehr unterschiedlichen Bedürfnissen ein stimmiges Musikprogramm zu machen, das auch noch eine eigene, unverwechselbare Handschrift aufweist, daran arbeitet die SWR3 Musikredaktion jeden Tag. Regelmäßig überprüfen wir unsere selbstgesteckten Kriterien: Passen alle Songs noch zum Klangbild? Werden wir nicht zu dance-lastig? Klingen wir frisch genug? Und so weiter. Aktuell werden die Dance-Tracks häufig nachgefragt. Im Bezug auf Rockmusik ist der aktuelle Markt sehr begrenzt, die Songauswahl sehr eingeschränkt.

Welche Bedeutung haben neue Musiktitel und Interpreten für SWR3?

Thomas Jung: Neue Songs, neue Künstler sind essenziell für eine modern aufgestellte Popwelle. Allein durch die ganzjährige Suche nach Acts für das ‚SWR3 New Pop Festival‘ ist die Musikredaktion permanent am Aufspüren neuer Künstler, neuer Sounds. Unser Ziel ist es, die interessanten Newcomer eines Jahres immer schon früh im Musikprogramm abzubilden. Es ist nicht der Stil von SWR3 abzuwarten, bis andere Sender einen neuen Trend oder Künstler aufgebaut haben, um erst dann auf den Zug aufzuspringen. Wo wir sind ist vorne. Wir möchten in unserem Segment die Trendsetter in den Airplay-Charts sein. Gleichwohl möchte ich unterstreichen: Wir würden noch mehr Erfolg haben, wenn wir konservativ die Linie ‚Sure Hit‘ fahren würden. Das ist aber nicht der Anspruch von SWR3. Wir möchten neue Musik und junge Talente fördern. Dafür werden wir von unseren Nutzern geliebt.

Wie reagiert SWR3 auf die veränderten Nutzungsgewohnheiten der jungen Hörer? Sind Spotify & Co. Chance oder Risiko für das klassische Radio?

Thomas Jung: tOb Spotify, AppleMusic, AmazonPrime oder Deezer – jeder Streaming-Dienst ist ein Konkurrent mehr – und zwar für das Medienzeit-Budget. Wer ein Audio-Angebot nutzt, hört nicht gleichzeitig ein anderes. Es macht aber meines Erachtens keinen Sinn, als Radio-Anbieter diese Angebote zu ignorieren. Wir nutzen Spotify daher für unsere Verbreitungs- und Marketing-Interessen. Widersprechen möchte ich allerdings der Behauptung, dass hauptsächlich Ältere Radio hören, während sich Junge dem Streaming-Dienst zuwenden. Junge Menschen bis Mitte/Ende 20 interessieren sich einfach mehr für Musik. Das war schon immer so. Davon profitieren nicht nur Spotify oder andere Online-Angebote bis hin zu YouTube. Davon profitieren auch die Jungen Wellen in Deutschland. Selbst SWR3 als Popwelle hat mehr als 800.000 Hörer*innen bis 29 Jahren. Es hat sich gezeigt, dass die Radionutzung bei jungen Leuten etwas zurückgeht, aber keineswegs radikal abbricht. Das Radio bleibt auch bei der Generation Z von Relevanz. Eine aktuelle Studie von Deloitte zur ‚Media Disruption‘ sagt: Nur in der ganz jungen Zielgruppe liegt der Anteil derer, die mindestens einmal pro Woche Radio hören, nicht deutlich über 50 Prozent. Ungeachtet dessen kann sich aber das traditionelle Radio gut behaupten. Die großen Radiomarken haben für alle Zielgruppen nach wie vor Vorteile gegenüber Spotify: Sie begleiten den Hörer durch den Tag mit Moderation, News, Service, Unterhaltung. Persönlichkeiten on Air sind wichtig, Überraschung und Events mit großem Gesprächswert. Das ganze Paket ist live und nicht vorproduziert, ergänzt um Interaktivität über die relevanten Plattformen. In Zeiten, in denen Musik zunehmend überall und immer verfügbar ist, ist es eine wichtige Aufgabe, sie zu sortieren, einzuordnen und das Beste in das Radioprogramm einzubauen. Die SWR3 Nutzer sind dankbar für unsere Musik-Orientierungshilfe in der digitalen Überfluss-Welt.

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