v.l.n.r.: Carl Bergengruen, Thomas Heise, Peter Boudgoust, Andreas Christoph Schmidt (Mitglied der Jury) © SWRMarkus Palmer  (Foto: SWR, Markus Palmer)

Auszeichnung Deutscher Dokumentarfilmpreis 2019 verliehen

„Heimat ist ein Raum aus Zeit“ von Thomas Heise mit Hauptpreis ausgezeichnet

In Stuttgart wurde am Abend (28.6.2019) im Rahmen des SWR Doku Festivals der Deutsche Dokumentarfilmpreis verliehen. Der mit 20.000 Euro dotierte, vom Südwestrundfunk und der MFG Filmförderung Baden-Württemberg gestiftete Hauptpreis geht an den Ostberliner Dokumentarfilmer Thomas Heise (63) für seinen Film „Heimat ist ein Raum aus Zeit“. Der mit 4.000 Euro dotierte Preis der „STZ Leserjury" wurde an Beryl Magoko für „In Search …“ verliehen. Der mit 3000 Euro dotierte Förderpreis vom Haus des Dokumentarfilms (HDF) ging an „Dark Eden“ von Jasmin Herold und Michael David Beamish. Anja Kofmel bekam für „Chris the Swiss“ den mit 5.000 Euro dotierten Preis der Norbert Daldrop Förderung für Kunst und Kultur. Mit 5.000 Euro sowie dem Musikpreis der Opus GmbH für einen dokumentarischen Film aus dem Bereich Musik wurde Sophie Huber für ihren Film „Blue Note Records: Beyond the Notes“ ausgezeichnet.

Dauer

SWR Intendant betonte herausragende Qualität des deutschen Dokumentarfilms

SWR Intendant Peter Boudgoust sagte bei der Preisverleihung in Stuttgart: „Das SWR Doku Festival ist der Höhepunkt des Jahres für den deutschsprachigen Dokumentarfilm. Besonders freue ich mich, dass mehr als die Hälfte der nominierten Filme für den Dokumentarfilmpreis von Nachwuchsregisseurinnen und -regisseuren stammen. In einer Zeit, in der unzählige Informationen jederzeit und überall verfügbar sind und die Menschen viele Themen nur noch streifen können, nähert sich der Dokumentarfilm den großen Themen unserer Gesellschaft mit Tiefe. So auch der Film ‚Heimat ist ein Raum aus Zeit‘. Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern und Gewinnerinnen. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist der Dokumentarfilm so unverzichtbar, weil er den Zuschauerinnen und Zuschauern die Möglichkeit gibt, sich ein eigenes Bild zu machen.“

Hauptpreis für „Heimat ist ein Raum aus Zeit“

Mit dem gemeinsamen Preis von SWR und der MFG Filmförderung Baden-Württemberg und einem Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro wurde der Dokumentarfilm „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ ausgezeichnet. Der Film folgt den biografischen Spuren einer zerrissenen Familie über das ausgehende 19. und das folgende 20. Jahrhundert hinweg. Es geht um Menschen, die einst zufällig zueinander fanden, dann einander verloren. Um Sprechen und Schweigen, erste Liebe und verschwundenes Glück. Väter, Mütter, Söhne, Brüder, Affären, Verletzung und Glück in wechselnden Landschaften, die verschiedene einander durchwuchernde Spuren von Zeiten in sich tragen. Der Film ist eine Collage aus Bildern, Tönen, Briefen, Tagebüchern, Notizen, Geräuschen, Stimmen und Fragmenten. In der Jurybegründung heißt es: „In Zeiten um sich greifender Formatierung, was nichts bedeutet als garantierte Konsumierbarkeit bei geringstem Aufwand und entschiedener Reduzierung aller geistigen Ansprüche, setzt dieser Film ein Zeichen des Widerstands: Er orientiert sich nicht an den Erwartungen und Bedürfnissen tagesmüder, phlegmatischer Zuschauer, die in möglichst großer Zahl zu erreichen, ‚abzuholen‘ seien, sondern wendet den Blick nach innen, auf sein Thema, dem er sich ohne Vorbehalte nähert. Dass man ihm gebannt folgt, darin liegt seine Magie.“

„Heimat ist ein Raum aus Zeit“, 218 Min. Buch und Regie: Thomas Heise,Kamera: Stefan Neuberger, Montage: Chris Wright; Ton: Johannes Schmelzer-Ziringer; Produktion: Ma.ja.de. Film Produktions GmbH; Koproduktion: Navigator Film, ZDF, 3sat; Filmförderung: Mitteldeutsche Medienförderung, BKM, DFFF, Entwicklungsförderung durch Creative Europe MEDIA.

„In Search …“ von der „STZ Leserjury“ ausgezeichnet

Der mit 4.000 Euro dotierte Preis der „STZ Leserjury“ geht an „In Search …“ von Beryl Magoko. Beryl dachte als junges Mädchen, als sie in einem ländlichen Dorf in Kenia aufwuchs, dass alle Frauen in der Welt „beschnitten“ werden, indem sie die „Female Genital Mutilation (FGM)“ über sich ergehen lassen müssen. In ihrem autobiografischen Film erforscht sie das emotionale Dilemma, indem sie mit anderen Frauen spricht, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Beryl Magoko versucht, herauszufinden, ob sie sich dieser Operation unterziehen soll – eine zweite Reise ins Unbekannte. Die Jury begründet ihre Entscheidung so: „Beryl Magoko macht öffentlich, worüber viele Leidensgenossinnen schweigen, aus Angst und aus Scham, und bringt andere dazu, ihr Schweigen vor der Kamera zu brechen. Sie sucht keine Schuldigen, sondern übernimmt die Verantwortung für ihr von einem brutalen äußeren Eingriff geprägtes Leben. Sie nimmt uns mit in eine andere Kultur und überbrückt dabei eine große Distanz. Sie bringt Welten in Berührung und befördert die Kommunikation auf Augenhöhe.“

„In Search …“ Deutschland 2018, 90 Min. Buch und Regie: Beryl Magoko, Kamera: Jule Katinka Cramer; Montage: Fani Schoinopoulou: Ton: Malin Schmid; Johannes von Barserwisch; Produktion: Kunsthochschule für Medien Köln, Koproduktion: Beryl Magoko; Filmförderung: Filmstiftung NRW.

„Dark Eden" gewinnt Förderpreis des Haus des Dokumentarfilms

Der mit 3.000 Euro dotierte Förderpreis des HDF geht an „Dark Eden" von Jasmin Herold und Michael David Beamish. Wie hoch ist der Preis für ein besseres Leben? Auf ihrer Reise nach einer Antwort auf diese Frage verschlägt es die Regisseurin an den Ort Fort McMurray,

der im hohen Norden Kanadas liegt. Hier befindet sich das größte Industrieprojekt und eines der letzten Ölvorkommen der Welt. Menschen aus der ganzen Welt kommen hierher, um auf Kosten der Umwelt astronomisch hohe Geldsummen zu verdienen. Doch Film und Realität vermischen sich plötzlich und die Regisseurin muss sich ihrem eigenen persönlichen Alptraum stellen. Die Jurybegründung: „Empathisch nähert sich Herold ihren Protagonisten und lässt Profiteure, Anwohner und Arbeiter zu Wort kommen, ohne zu werten. Dramaturgisch geschickt wird eine einzigartige, berührende Geschichte erzählt, in der das persönliche Schicksal des Regie-Paares mit dem globalen Problem gekonnt verwoben wird. Das rüttelt uns auf und lässt ein unfassbares Dilemma sichtbar werden, das uns alle angeht.“

„Dark Eden“, Deutschland 2018, 80 Min. Buch und Regie: Jasmin Herold, Michael David Beamish; Kamera: Andreas Köhler, Montage: Martin Kayser-Landwehr; Ton: Jasmin Herold, Produktion: Made in Germany Filmproduktion GmbH; Koproduktion ZDF, 3sat; Filmförderung: Kuratorium junger deutscher Film, Film- und Medienstiftung NRW, MDM Förderung, DFFF, Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.

Norbert Daldrop Stiftung kürt „Chris the Swiss“

5.000 Euro Preisgeld gehen an Anja Kofmel für ihren Film „Chris the Swiss“. Kroatien, Januar 1992. Mitten in den Jugoslawienkriegen wird Chris, ein junger Schweizer Journalist, unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden. Zum Zeitpunkt des Todes trug er die Uniform einer internationalen Söldnergruppe. Anja Kofmel war seine Cousine. Zwanzig Jahre später beschließt

sie, seiner Geschichte nachzugehen und versucht zu verstehen, was Chris’ tatsächliche Beteiligung an diesem Konflikt war. Die Jury meint: „Die Regisseurin Anja Kofmel drückt alles, was sie nicht weiß und nicht wissen kann, mit den Mitteln aus, die sie neben der dokumentarischen Aufbereitung exzellent beherrscht: Zeichnung und Animation. So wird der Film genau an den Stellen, an denen sie sich in ihren Cousin Chris versetzt und über seine Bewegründe mutmaßt, ihn sich gewissermaßen ausmalt, sehr berührend. Dabei gelingt ihr mit dem privaten, familiären Porträt des jungen Mannes Chris ganz nebenbei auch noch der große Bogen zu dem Thema Krieg und der Faszination, die Krieg auf ‚Wohlstandskinder‘ ausüben kann. Dieses gelungene Werk ‚Chris the Swiss‘ hat abseits von den Pfaden der üblichen dokumentarischen Erzählung seine eigene Sprache gefunden und erfunden.“

„Chris the Swiss“, Deutschland, Schweiz, 2018, 90 Min. Buch und Regie: Anja Kofmel; Kamera: Simon Guy Fässler; Montage: Stefan Kälin; Ton: Daniel Hobi; Produktion: Ma.ja.de. Film Produktions GmbH; Koproduktion: Samir Dschoint Venture Film Produktion AG, Siniša Juričić, Nukleus film d.o.o., Iikka Vehkalahti, IV Films Ltd, SRF Schweizer Radio und Fernsehen; SRG, SSR, YLE. Filmförderung: Eurimages, Bundesamt für Kultur (BAK), Zürcher Filmstiftung, Lotteriefonds Kanton Solothurn, SSA Suissimage, Ernst Göhner Stiftung, Croatian Audiovisual Centre, Mitteldeutsche Medien Förderung, Finnish Film Foundation.

„Blue Note Records: Beyond the Notes” gewinnt den Musikpreis der Opus GmbH

5.000 Euro Preisgeld gehen mit dem in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehenen Musikpreis der Opus GmbH an Sophie Huber für „Blue Note Records: Beyond the Notes“. Als die deutsch-jüdischen Flüchtlinge Alfred Lion und Francis Wolff 1939 in New York Blue Note gründeten, ließen sie den Künstlern völlige Freiheit und ermutigten sie, neue Musik zu komponieren. Durch ihre visionäre und kompromisslose Herangehensweise konnten Platten entstehen, die nicht nur den Jazz revolutionierten, sondern auch Kunst und Musik, darunter den Hiphop, nachhaltig prägten. Der Film vermittelt all jene Werte, die der Jazz seit jeher verkörpert und Blue Note gefördert hat: Meinungsfreiheit, Gleichheit, Dialog. Auszug aus der Begründung: „Die Jury ist der Meinung, dass dieser Film die Geschichte von Blue Note kongenial erzählt und daher ein überzeugendes Beispiel dafür ist, was ein Dokumentarfilm im besten Fall zu leisten vermag. It swings!“

„Blue Note Records: Beyond the Notes”, Schweiz 2018, 85 Min. Buch und Regie: Sophie Huber; Kamera: Patrick Lindenmeier; Montage: Russell Greene; Ton: Eric Bautista; Produktion: Mira Film, Susanne Guggenberger; Koproduktion: Schweizer Radio und Fernsehen. Filmförderung, Berner Filmförderung, Zürcher Filmstiftung, Media Desk Suisse, UBS Culture Foundation, Verein zur Filmförderung in der Schweiz, IWC Filmmaker Award, Stiftung Kulturfonds, Suissimage, Succès, Passage Antenne.

Preisverleihung im Rahmen des SWR Doku Festivals

Der Deutsche Dokumentarfilmpreis wird seit 2017 jährlich (zuvor zweijährig) vom Südwestrundfunk (SWR) und der MFG Filmförderung Baden-Württemberg gestiftet. Die Preisverleihung fand heute zum dritten Mal im Rahmen des SWR Doku Festivals statt. Das aktuelle Reglement sowie weitere Informationen und Hintergründe zum Deutschen Dokumentarfilmpreis finden sich unter deutscher-dokumentarfilmpreis.de.

Die Jury

Irene von Alberti (Filmemacherin, Produzentin und Verleiherin „Filmgalerie 451“), Ansgar Frerich (Produzent „Of Fathers and Sons“), Sigrid Klausmann-Sittler (Regisseurin „199 Kleine Helden“), Petra Reski (Schriftstellerin und Journalistin), Andreas Christoph Schmidt (Filmemacher „Krieg und Frieden – Deutsch Sowjetische Skizzen“), Andres Veiel (Filmemacher „Beuys“), Rosa Hannah Ziegler (Filmemacherin „Familienleben“). Die Fachjury für den Preis der Opus GmbH: Georg Dietl (Musiker), Michael Maschke (Produzent und Regisseur „Brian Auger – Life on Tour“), Stephan Plank (Filmemacher „Conny Plank – The Potential of Noise“).

Alle Gewinnerfilme werden am Samstag, 29. Juni, ab 14 Uhr im Kino Metropol in Stuttgart gezeigt, jeweils präsentiert von Festivalmoderator Max Moor. Um 14 Uhr wird „Dark Eden“ gezeigt, um 16 Uhr „Blue Note Records: Behind the Notes“. Um 18 Uhr läuft „In Search …“, um 20:30 Uhr „Heimat ist ein Raum aus Zeit“.

v.l.n.r.: Carl Bergengruen, Thomas Heise, Peter Boudgoust, Andreas Christoph Schmidt (Mitglied der Jury) © SWRMarkus Palmer  (Foto: SWR, Markus Palmer)
v.l.n.r.: Carl Bergengruen, Thomas Heise, Peter Boudgoust, Andreas Christoph Schmidt (Mitglied der Jury) © SWR/Markus Palmer Markus Palmer

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