Das Familienbild zeigt Familie Mai (Foto: SWR)

Junger Dokumentarfilm 2021

„Mein Vietnam“

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Ein Film von Hien Mai und Tim Ellrich

Bay und Tam sind schon ein Paar, seitdem sie 20 sind, doch Bay war in dem Haus ihrer Schwiegereltern nie willkommen. Bay war als Bäuerin für die Fischerfamilie von Tam zu arm. In Vietnam bleiben Söhne oft in der Nähe des Elternhauses. Töchter dagegen ziehen zu den Familien ihrer Männer. Man möchte daher lieber Söhne haben, da sie die Familie weiterhin unterstützen können. Bay wurde nie akzeptiert, auch ihre ersten Kinder wollten die Schwiegereltern nicht sehen. Beide starben noch in Vietnam an Grippe, da Bay und Tam sich die medizinische Versorgung ohne Unterstützung der Familie nicht leisten konnten. Für das Paar hatte das Leben in Vietnam keine Zukunft mehr. Sie konnten sich nicht vorstellen, weiterhin unter den Umständen von Armut und familiärer Inakzeptanz zu leben und mögliche weitere Kinder großzuziehen. Bay war mit einem weiterem Kind schwanger – Hien war während der Flucht schon im Mutterbauch. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben war groß und so entschieden sie sich, alles zurückzulassen, um zusammen bleiben zu können.

Flucht ins Ungewisse

Tam musste in Vietnam seine Wehrpflicht bei der Küstenwache ableisten, obwohl er die Idee des Einparteienstaats ablehnte. 1982 versuchte er, alleine zu flüchten, wurde aber festgenommen und musste in Haft. Sieben Jahre später nahmen Bay und Tam ihren ganzen Mut zusammen, um noch einen letzten Fluchtversuch zu starten. Tam versteckte Benzin an verschiedenen Stellen an der Küste von Vung Ro, bevor sie mitten in der Nacht aufbrachen. Insgesamt waren es 26 Erwachsene, 4 Kinder und 2 noch Ungeborene (darunter Hien) auf dem Fischerboot, das Tam auf das offene Meer lenkte. Sie wussten nicht genau, wohin – Hauptsache weg und sie hatten gehört, dass es immer wieder ausländische Boote gab, die Flüchtlingsschiffe entdecken und die Insassen retten.

Nach vier Tagen auf offener See entdeckten sie endlich Licht. Es war ein Handelsschiff mit deutschem Kapitän. Seinen Namen wissen sie nicht, bedauern es aber sehr, da sie sich im Nachhinein nicht mehr richtig bei ihm bedanken konnten. Nach mehr als zwei Monaten Aufenthalt in einem Flüchtlingslager bei Kuala Lumpur kamen sie mithilfe der Caritas mit dem Flugzeug nach München.

Heute: Leben zwischen den Welten

Inzwischen leben sie seit 30 Jahren in Deutschland. Abseits der deutschen Gesellschaft arbeiten sie in leeren Büroräumen als Putzkräfte. Die Sehnsucht nach der alten Heimat ist groß – durch Skype und Online Chatrooms haben sie ihre eigene virtuelle Version von Vietnam in ihrer Münchner Wohnung erschaffen. Doch die Einschränkungen dieser Online-Blase zeigen sich, als ihr Haus in Vietnam durch einen Sturm zerstört wird und ein Familienmitglied in der ehemaligen Heimat auf dem Sterbebett liegt. Mehr und mehr müssen sich die beide mit der Frage konfrontieren, ob sie in Deutschland jemals wirklich angekommen sind. Während Bays Zukunft klar in Deutschland liegt, wird es für Tam immer wichtiger, nach Vietnam zurückzukehren. Ist Heimat ein Ort oder vielmehr ein Gemütszustand? "Mein Vietnam" erzählt von der Schwierigkeit an zwei Orten gleichzeitig zu leben und welche Auswirkungen diese Dualität auf eine Ehe, Familie und das Gefühl von Zugehörigkeit hat.

Singen macht dem Ehepaar Mai Spaß: Gemeinsam mit den Freunden und Verwandten aus Vietnam singen sie über den Onlinechatroom Paltalk KaraokeŸ und schaffen so Verbundenheit über viele Kilometer hinweg. (Foto: SWR)
Singen macht dem Ehepaar Mai Spaß: Gemeinsam mit den Freunden und Verwandten aus Vietnam singen sie über den Onlinechatroom Paltalk Karaoke und schaffen so Verbundenheit über viele Kilometer hinweg. Es zeigt aber auch, was ihnen im direkten Umfeld vor Ort fehlt. © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Wie weit weg das Ehepaar Mai trotz aller gefühlter Nähe ist, zeigt sich, als Bays und Tams Haus in Vietnam von einem Unwetter beschädigt wird und Tam versucht, die Renovierungsarbeiten über Skype von Deutschland aus zu leiten. © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Die Verbindung zur Welt da draußen in Deutschland stellen die Kinder her, wie Hien, die hier mit ihrer Mutter auf der Couch über ihre Schulzeit in Deutschland spricht. © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Tam und Bay Mai sind 1989 vor den Folgen des Vietnamkrieges nach Deutschland geflohen, wo das jüngste ihrer drei Kinder geboren wurde: Tochter Thi Hien, Regisseurin des Dokumentarfilms "Mein Vietnam". Der Kontakt zur alten Heimat hat sich bis heute gehalten und durch die neuen Medien sogar intensiviert. Eine scheinbare Teilhabe am Leben vor Ort ist möglich, wie z. B. an der Beerdigung von Bays Schwester, die das Ehepaar via Skype verfolgt. © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen
Sie sind 1989 als Boatpeople nach Deutschland gekommen, um den Folgen des Vietnamkriegs zu entfliehen: Kurz darauf bekam Familie Mai Zuwachs. Töchterchen Hien wurde im selben Jahr in München geboren. Sie führte beim Dokumentarfilm "Mein Vietnam" Regie, fehlt aber auf diesem Familienbild noch. © SWR/Filmakademie Baden-Württemberg Bild in Detailansicht öffnen

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