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17.3.2016, SWR Fernsehen "Rücksichtslos und verroht – Zivilgesellschaft unter Druck?"

Jutta Speidel u. a. zu Gast bei Michael Steinbrecher am Freitag, 18. März, 22 Uhr im "Nachtcafé"

Die Nerven liegen blank: Von Blockaden vor Flüchtlingsbussen bis zu Kommentarschlachten im Internet – unsere Gegenwart erscheint von einer Atmosphäre der Verrohung geprägt. Gesellschaftlicher Unmut kanalisiert sich nicht zuletzt im erfolgreichen Abschneiden der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz am vergangenen Sonntag. Michael Steinbrecher lädt Vertreter der Zivilgesellschaft zu einem runden Tisch jenseits der Politik, um über die anstehenden Probleme zu sprechen. Am Freitag, 18. März, 22 Uhr, SWR Fernsehen.

Michael Steinbrecher, Moderator im "Nachtcafé"

Michael Steinbrecher moderiert das "Nachtcafé"

Die Rhetorik wird schärfer, einige lassen den Worten schon Taten folgen. Erreicht die Verrohung der Gesellschaft eine neue Qualität? Von einer "Pogromstimmung" ist die Rede, manch einer fühlt sich an Straßenkämpfe vergangener Zeiten oder gar die Weimarer Republik erinnert. Ist dann eben doch alles schon einmal da gewesen?

Ellenbogengesellschaft statt Mitmenschlichkeit und Empathie?

Die Wurzeln der Verrohung finden wir schon in unserem gesellschaftlichen Alltag: Wir schauen weg, wenn jemand in der U-Bahn angepöbelt wird. Mobbing am Arbeitsplatz wird ein immer breiteres Phänomen. Die Ellenbogengesellschaft scheint sich durchgesetzt zu haben. Wo schaffen wir es noch, Mitmenschlichkeit und Empathie zu leben?

Die Gäste der Sendung:

Marliese Berthmann, zeigte Zivilcourage und wurde dabei selbst verletzt

Marliese Berthmann war dabei, als die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker am helllichten Tage Opfer einer Messerattacke wurde. Sie griff ein und wurde selbst verletzt. Als ehemalige Lehrerin beobachtet sie auch im Alltag: "Konflikte werden immer häufiger mit Gewalt gelöst."

Bernd Merbitz, Polizeipräsident Leipzig

"Unsere Gesellschaft ist dabei, jeglichen Anstand zu verlieren", sagt Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz. Übergriffe auf Asylbewerber und zunehmende Respektlosigkeit auf der Straße beschäftigen ihn. Merbitz beklagt sogar eine "Pogromstimmung" in Deutschland. In Uniform wie auch privat sieht er sich deshalb massiven persönlichen Anfeindungen ausgesetzt.

Jutta Speidel, Schauspielerin

Auch Schauspielerin Jutta Speidel blickt mit gemischten Gefühlen auf die Stimmung im Land. Sie selbst setzt seit vielen Jahren ein Zeichen für Mitmenschlichkeit. Mit ihrem Verein "Horizont" unterstützt sie obdachlose Kinder und deren Mütter. Das Ehrenamt ist in dieser Zeit so etwas wie ihr zweiter Beruf geworden: "Ich möchte sozial helfen, etwas weitergeben." 

Professor Jochen Cornelius-Bundschuh, evangelischer Landesbischof

Als evangelischer Landesbischof von Baden steht für Professor Jochen Cornelius-Bundschuh fest: Begegnung und Dialog sind in diesen Zeiten die richtigen Mittel. Er sieht auch die Christen in der Pflicht: "Wir müssen zeigen, dass das, was wir immer predigen, sich auch im Alltag bewährt."

Nils Minkmar, Spiegel-Autor

"Kurz vorm Durchdrehen" - so beschreibt Spiegel-Autor Nils Minkmar die Stimmungslage der Nation. Als politischer Feuilletonist beobachtet er schon lange unseren gesellschaftlichen Alltag und die Welt der Politik. Grundsätzlich stellt Minkmar fest: "Wir sind oft auf die Maximierung des eigenen Vorteils bedacht - alles billiger, schneller, möglichst jetzt."

Prof. Gerhard Ehninger, kämpft für Mitmenschlichkeit und Toleranz

Aus der schwäbischen Heimat zog es den renommierten Mediziner Prof. Gerhard Ehninger vor über zwei Jahrzehnten nach Dresden. Heute fühlt er sich vermehrt fremd in der Stadt. Deswegen krempelt er die Ärmel hoch, macht sich für Mitmenschlichkeit und Toleranz stark. Ehninger mahnt: "Der Respekt vor dem Anderen zählt nicht mehr, wir müssen Anstandsregeln wieder neu erlernen."

Janine Künemund, erhält Drohbriefe aufgrund ihres sozialen Engagements

Dass der Einsatz für Hilfsbedürftige mittlerweile zu offenen Anfeindungen führen kann, weiß Janine Künemund. Seitdem sie sich für Flüchtlinge einsetzt, bekommt sie Drohbriefe und anonyme Anrufe. Künemund traut sich im Dunkeln nicht mehr aus dem Haus, geht aber trotzdem weiter ihren Weg: "Ich will mich ja auch selbst im Spiegel angucken können. Niemand soll mit  psychologischem Druck darüber entscheiden, was ich tue und was nicht."

Nachtcafé: Freitag, 18. März 2016, um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen