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Es kommt nicht häufig vor, dass ich der BBC Radio-Interviews gebe, die zudem darin bestehen, dass ich mein persönliches Inneres offenlege. Schon gar nicht vor acht Uhr am Morgen. Dazu geführt aber hat ein Erlebnis fast paradoxer Nähe und Verbundenheit in einer Zeit, die von zwischenmenschlicher Distanz geprägt ist. Und das ich deshalb den Hörerinnen und Hörern des BBC World Service nicht vorenthalten wollte und das ich auch mit Ihnen teilen will.

Sonntagabend saß ich am Terminal 1 des sonst menschenleeren Stuttgarter Flughafens. Ohne Koffer, aber trotzdem auf der Reise: Ein Cellist des SWR Symphonieorchesters hat mich mitgenommen in die Welt von Mieczysław Weinbergs Sonate Nr. 1 für Violoncello. Er und ich sind alleine in der gigantischen Glas- und Stahl-Konstruktion des Flughafens. Für eine lange Minute sehen wir uns in die Augen, dann beginnt er zu spielen und die melancholischen Klänge der Sonate fluten den Raum. Die Akustik ist gigantisch. Markus Tillier spielt nur für mich. Erst sind wir uns ein wenig fremd, aber dann habe ich das Gefühl, dass wir uns aufeinander einlassen und uns viel näher kommen, als ich es auf eineinhalb Meter Abstand, umgrenzt von blauem Absperrband und ganz ohne Worte je für möglich gehalten hätte. Zehn Minuten, die mich bewegen und mir die Traurigkeit der Corona-Beschränkungen vor Augen führen, aber zugleich ein Zeichen der Hoffnung setzen: Musik überwindet alles.

Die 1:1 Konzerte sind ein Projekt des SWR Symphonieorchesters, der Stuttgarter Staatsoper, der Stuttgarter Philharmoniker und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und Stuttgart. Dass auch die sich in diesen von Distanz geprägten Zeiten ebenfalls viel näher kommen als sonst und dieses Projekt wiederbelebt haben, freut mich schon wegen meiner eigenen Erfahrung. Und das kleine Konzert geht um die Welt: Neben der BBC berichtet sogar die New York Times ganz euphorisch. Das heutige Interview mit der BBC können Sie hier ab Minute 50 hören. Offenbar ist überall das besondere Signal dieses Konzerts angekommen: #zusammenhalten für die Kultur.

Ihr

Kai Gniffke

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