Beitrag in der Stuttgarter Zeitung vom 20.07.2021 (Foto: SWR)

Einblick | 21.07.2021

Braucht es den SWR?

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Diese Woche las ich in den beiden Stuttgarter Zeitungen einen Leitartikel, der die Frage aufwarf, ob es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch braucht. Der Autor bezieht sich bei dieser Frage auf die Hochwasser-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ich finde es richtig und gut, dass wir eine Diskussion über die Qualität unserer Medien führen und möchte in dieser Diskussion meine Sichtweise einbringen. Warum also brauchen Menschen den SWR?

Am vergangenen Samstag bin ich 800 Kilometer durch den Südwesten gefahren, um die Mitarbeitenden in unseren Studios in Trier, Koblenz und Mainz zu besuchen. Dabei bin ich bewusst nicht durch die betroffenen Dörfer gestiefelt, sondern wollte von unseren Leuten in den Studios vor Ort wissen, wie wir sie unterstützen können. Spätestens seit diesem Tag kann ich noch besser die Frage beantworten, warum es einen regionalen Sender wie den SWR braucht.

  • Weil wir seit der Nacht auf Donnerstag auf allen Kanälen permanent berichten, als klar wurde, dass es hier nicht um ein übliches Hochwasser, sondern um eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes geht.
  • Weil wir im Gegensatz zu einem namhaften neuen TV-Anbieter respektvoll mit Betroffenen und Opfern umgehen und ihre Würde respektieren
  • Weil wir durch unsere Berichterstattung dazu beitragen, Hilfsmaßnahmen sinnvoll zu steuern
  • Weil wir 15 Millionen Menschen im Südwesten ein verlässlicher Begleiter für Informationen aus ihrer Region sein wollen, und unsere Reporterinnen und Reporter deshalb bis zur physischen und psychischen Belastungsgrenze arbeiten
  • Weil der SWR vor Ort und als Regionalsender auch dann vor Ort bleibt(!), wenn die Karawane der überregionalen Medien weitergezogen ist.
  • Weil wir den Wiederaufbau in den kommenden Jahren ganz nah begleiten werden.

Als zweiten Beleg für den vermeintlich selbstzerstörerischen Kurs der ARD werden in den beiden Zeitungen aus Stuttgart die Überlegungen gewertet, die Sendung „Weltspiegel“ im ERSTEN auf einem anderen Platz zu senden. Tatsächlich wird die ARD dann aber keineswegs weniger Auslandsberichterstattung anbieten als vorher, sondern lediglich auf anderen Plätzen und Plattformen. Die ARD möchte die wertvolle Arbeit der Korrespondentinnen und Korrespondenten aus aller Welt nicht Fernsehpublikum vorbehalten, das das lineare Fernsehen seit Jahrzehnten nutzt und im Schnitt rund 60 Jahre alt ist. Das Korrespondentennetz ist der größte Schatz der ARD und den möchte der Senderverbund auch sehr gerne jüngeren Menschen nahebringen. Also werden Auslandsreportagen künftig außer für TV nun auch verstärkt für Mediathek und Youtube produziert. Denn das ist der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: die gesamte (!) Gesellschaft mit Informationen zu versorgen, also auch jüngere Menschen. Oder glaubt jemand, dass junge Menschen keine Auslandsberichterstattung sehen möchten? Im Gegenteil, die junge Generation interessiert sich sehr wohl für unser Zusammenleben in einer globalisierten Welt. Und wer möchte, dass sich junge Menschen in den kommenden Jahrzehnten für unser Gemeinwesen einsetzen, der muss jetzt auf ihre veränderte Mediennutzung reagieren. Das kann auch bedeuten, von manch lieb gewordener Fernsehgewohnheit und angestammten Programmplätzen Abschied zu nehmen. Diese Aufgabe nimmt uns keiner ab.

Ich habe niemandem einen Rat zu geben. Nur ein kleiner Tipp vielleicht: Wenn wir immer nur tiefgreifende Veränderungen fordern und gleichzeitig alles genauso lassen wollen wie es ist, werden wir der gewaltigen Herausforderung des globalen Wandels, der auch die Medien umfasst, nicht gerecht. Dann wären wir wirklich nicht mehr wertvoll für diese Gesellschaft. Aber mir liegt unser Gemeinwesen und unser Miteinander am Herzen. Das treibt mich an und dafür arbeite ich jeden Tag.

Ihr

Kai Gniffke

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