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Glanzlicht Tatort Stau: Regisseur Dietrich Brüggemann bringt die Stuttgarter Weinsteige nach Freiburg

Drei Wochen ohne Tageslicht, 80 Meter Bluescreen und intensive Feierabende – im Interview erzählt Dietrich Brüggemann vom Dreh seines ersten „Tatort“. Für die neue Folge „Stau“ wurde eine Freiburger Messehalle für 13 Drehtage zu einer verkehrs- und wetterunabhängigen Kulisse der viel befahrenen Stuttgarter Weinsteige umgebaut.

Dietrich Brüggemann und das SWR Team am Set von Tatort Stau.

Dietrich Brüggemann (zweiter von rechts) und das SWR Team am Set von Tatort Stau.

Im neusten „Tatort“ vermuten die Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz einen Täter im Feierabendstau auf der Stuttgarter Weinsteige. Und auch wenn den entnervten Autofahrern der Stau endlos vorkommt – den Kommissaren bleibt nicht viel Zeit: Einer der Fahrer, die an der Weinsteige feststecken, muss der Täter sein und sie müssen ihn finden, bevor der Stau sich auflöst.

Herr Brüggemann, wie kommt man in Berlin darauf einen Film über einen Stau in Stuttgart zu machen?

Das deutsche Wort „Einfall“ beschreibt sehr gut, was da passiert: Die Idee fällt in einen herein. Sie kommt irgendwo aus dem Nichts gefallen, und auf einmal ist sie da. Es war im Gespräch mit [SWR Redakteurin] Brigitte Dithard, sie wollte einen Stuttgarter Tatort machen, ich kannte die Stadt und den dort oft anzutreffenden Stau, und so kam das.


Warum wollten Sie gerade einen „Tatort“ drehen?

Wollte ich ursprünglich gar nicht. Ich wurde gefragt, habe mich sehr gefreut und ja gesagt. „Tatort“ ist eine deutsche Institution, genau wie Autobahn, Bundestag oder Tagesschau. Es ist eine sehr große Ehre, wenn man diese Tradition fortschreiben und ihr zugleich etwas eigenes hinzufügen darf.

Und was braucht’s für einen „Tatort“?

Angeblich muss ja in den ersten fünf Minuten ein Kapitalverbrechen passieren und so weiter. Mit diesen angeblichen Regeln wurden wir aber nie behelligt. Es gibt eher eine Art gefühlte Übereinkunft, was ein „Tatort“ sein kann und was nicht. Die Kommissare müssen vorkommen und sie müssen ein Verbrechen aufklären (oder das zumindest versuchen).


Was ist das Besondere an „Stau“?

Das besondere an „Stau“ ist vielleicht, dass wir viele Krimi-Versatzstücke einfach weglassen – das Verbrechen ist ein Unfall, der jedem passieren könnte, ohne Motiv und Vorgeschichte. Es gibt wenig Action und kaum zielgerichtete Ermittlung, die Kommissare stochern die meiste Zeit einfach im Nebel – und trotzdem (oder gerade deswegen) wirkt es wie ein sehr präzise geschildertes Stück Leben aus dem deutschen Alltag, an einem ganz spezifischen Ort. Und genau das ist für mich auch der eigentliche Kern des Systems „Tatort“.

Für den „Tatort Stau“ haben Sie kurzerhand die Stuttgarter Weinsteige nach Freiburg verlegt. Das klingt ja nach ganz schön viel Aufwand für einen „Tatort“. Machen Sie da Hollywood Konkurrenz?

Das hatten wir zumindest ursprünglich nicht vor. Der Film ist ja eigentlich ein Kammerspiel. Leute reden in stehenden Autos miteinander. Und dann findet man sich plötzlich als Kapitän eines riesigen Dampfers mit 100 Mann Besatzung in einer 8000 Quadratmeter großen Halle wieder. Aber das macht natürlich großen Spaß, denn das ist doch einer der Gründe, warum man damals zum Film gegangen ist – das Spektakel, der Zirkus, die diebische Freude, etwas Größenwahnsinniges herzustellen.

Ich habe mich also in die Arbeit gestürzt und mich eigentlich nicht anders verhalten, als würde ich mit ein paar Freunden einen Hochschulfilm drehen. Denn letzten Endes ist Film doch immer dasselbe – Kameramann, Schauspieler, Tonangler, ich selber, ein paar Leute für Technik und Maske und dergleichen. Auch an so einem Riesenset ist Filmemachen eigentlich eine intime, kleine Angelegenheit. Da muss man die Halle und die 80 Meter Blau einfach ausblenden und das tun, was man immer tut – die Szene zum Leben erwecken und der Geschichte zum Fliegen verhelfen.


Wie war der Dreh Ihres ersten „Tatort“? Was war die größte Schwierigkeit am Dreh?

Wir hatten in der Halle in Freiburg drei sehr intensive, lange Wochen, doch dabei vergisst man leicht, dass der Film ja nicht nur dort spielt – es gibt die ganzen Anfangsszenen, die von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit sind, und es gibt die parallele Ebene in der Unfallstraße, wo der einzige Zeuge ein dreijähriger Junge ist. Drehen mit so kleinen Kindern, die auch per Gesetz nur zwei Stunden vor der Kamera sein dürfen, ist immer eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, und wenn man es gut hinkriegt, merkt niemand hinterher die Schwierigkeit.

Viel Sonnenlicht gab es in der Halle bestimmt nicht. Wie war die Stimmung am Set?

Die drei Wochen in der Freiburger Messehalle waren in der Tat ein denkwürdiges Erlebnis. Man steht morgens auf und guckt in die aufgehende Sonne, dann geht man ans Set, dreht elf Stunden Nacht, dann geht man wieder hinaus, und es ist dunkel. Man gerät so in einen merkwürdigen Tunnel, zumal wir aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit der Halle Sechs-Tage-Wochen hatten, also wirklich immer nur den Sonntag frei hatten. Die Stimmung am Set war, trotzdem oder deswegen, großartig. Allen war klar, dass wir hier etwas ganz Besonderes machen, das so nicht nochmal kommen wird. Alle, Schauspieler und Team, waren hochkonzentriert, besonnen und professionell und ohne Eifersüchteleien. Und natürlich ergeben sich in so einer intensiven Arbeitsphase auch intensive Feierabende.


Und schauen Sie privat auch die „Tatort“-Folgen Ihrer Kollegen?

Ich bin mit allerhand Regisseuren meiner Generation befreundet (Tom Lass, der in der erwähnten Szene den Polizisten spielt, ist auch eigentlich Filmemacher), und wenn einer von denen einen Tatort macht, dann trifft man sich natürlich mit Freunden und guckt den gemeinsam an.

Stehen weitere Projekte mit der ARD an?

Der nächste Tatort ist schon abgedreht: Ulrich Tukur alias Kommissar Murot aus Wiesbaden steckt in einer Zeitschleife fest, erlebt zwölfmal denselben Tag und denselben Banküberfall und wird jedesmal erschossen – so lange, bis er herausfindet, wer der Täter ist und was er will und wie er es schaffen kann, dass es keine Toten gibt und alle überleben. Und mit dem SWR gibt es auch schon Pläne für den nächsten Stuttgart-Tatort.

Sind Sie mehr mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs? 

In der Stadt fahre ich ausschließlich Fahrrad, und zwar immer, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Auf Reisen sehr gerne Auto. Seit Jahren halte ich mit viel zu viel Aufwand einen 30 Jahre alten, ausgesprochen schlecht erhaltenen Porsche 924S am Laufen, der ungefähr so schnell verrottet und verrostet, wie ich ihn jeweils repariere. Aber ich war mit ihm schon kreuz und quer auf dem Balkan und in Europa unterwegs. Momentan steht er mit Getriebeschaden beim Schrauber meines Vertrauens. Aber das kriegen wir wieder hin.