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Handel mit Fossilien – Wenn T-Rex unter den Hammer kommt

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Vera Pache
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Candy Sauer

Was in private Sammlungen übergeht, ist für die Wissenschaft oft kaum mehr zugänglich. Versteigern oder erforschen – wie umgehen mit dem Dilemma?

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Tyrannosaurus Rex lebte vor etwa 70 Millionen Jahren in Nordamerika

Ab dem Erdmittelalter, dem Mesozoikum, haben Dinosaurier nach und nach unseren Planeten erobert. Das war vor rund 230 Millionen Jahren. Der Tyrannosaurus Rex – kurz T-Rex genannt – hat sich erst zum Ende hin entwickelt. Wissenschaftler schätzen, dass er vor ungefähr 70 Millionen Jahren gelebt hat.

Damals, also vor 70 Millionen Jahren, war der Urkontinent Pangäa bereits in mehrere Teile zerbrochen. Nordamerika – von wo alle T-Rex-Funde stammen – war durch ein Binnenmeer zerteilt und der amerikanische Kontinent als Ganzes nicht mehr mit dem heutigen Europa und Afrika verbunden.

Der versteinerte Schädel von "Big John", einem Triceratops, bei der Entnahme aus einer Kiste 2023 im Glazer Children's Museum in Tampa  Florida. "Big John" wurde 2014 vom Paläontologen Walter W. Stein in der geologischen Formation Hell Creek in South Dakota entdeckt, denn auch Triceratops lebte im heutigen Nordamerika. 2021 wurde das Skelett in Paris versteigert.
Der versteinerte Schädel von "Big John", einem Triceratops, bei der Entnahme aus einer Kiste 2023 im Glazer Children's Museum in Tampa / Florida. "Big John" wurde 2014 vom Paläontologen Walter W. Stein in der geologischen Formation Hell Creek in South Dakota entdeckt, denn auch Triceratops lebte im heutigen Nordamerika. 2021 wurde das Skelett in Paris versteigert.

Massensterben am Ende der Kreidezeit noch immer rätselhaft

Vor rund 66 Millionen Jahren endete das Zeitalter der Dinosaurier. Vermutlich ausgelöst durch einen Meteoriteneinschlag. Vielleicht auch im Zusammenhang mit Vulkanausbrüchen. Wissenschaftler rätseln immer noch über die genauen Zusammenhänge des Massensterbens am Ende der Kreidezeit.

Barnum Brown fand den ersten T-Rex

Der T-Rex stirbt also aus und es wird Millionen Jahre dauern, bis Menschen seine Knochen ausgraben und anfangen, seine Geschichte zu erforschen: 1900 nämlich fand der US-amerikanische Paläontologe Barnum Brown Teile eines Skeletts und nannte es Dynamosaurus. 1902 fand er Teile eines ähnlichen Skeletts – dem gab er den Namen Tyrannosaurus Rex. Es stellte sich aber heraus, dass beide Skelette zur selben Art gehörten, so der Fossilienpräparator Nils Knötschke, der für das Sauriermuseum in Aathal in der Schweiz arbeitet. Und letztlich habe man den Artnamen Tyrannosaurus Rex gewählt.

T-Rex: bisher nur etwa 30 Exemplare ausgegraben

Forschende aus den USA haben 2021 eine Schätzung vorgelegt: Sie gehen davon aus, dass insgesamt etwa 2,5 Milliarden T-Rex-Individuen auf der Erde gelebt haben. Verteilt auf viele Generationen. Im Vergleich dazu ist die Anzahl an Skeletten, die bis heute ausgegraben wurden, minimal: etwa 30 Exemplare. Das ist auch einer der Gründe, warum T-Rex-Knochen bei Auktionen zu hohen Preisen gehandelt werden.

Doch noch einmal zurück zu den Landwirbeltieren: Das Wissen über Dinosaurier leiten Wissenschaftler aus den Funden ab, die uns überliefert sind: Zähne, Knochen, Sedimente, versteinerte Fußspuren und Bisspuren an den Knochen von anderen Dinosauriern. So lebten zur selben Zeit wie T-Rex auch die Edmontosaurier: Pflanzenfresser mit einer Länge von bis zu 12 Metern, die in großen Herden umherziehen. Nils Knötschke spricht von den "Kühen der Kreidezeit", weil es von den Edmontosauriern massenhaft Funde gebe in sogenannten Bone Beds und die harmlosen Pflanzenfresser so häufig vorkamen wie heute Kühe auf der Weide.

Die Illustration von Mark P. Witton zeigt einen jungen Edmontosaurus, der von einem Tyrannosaurus Rex gefressen wird. Anhand von Knochen konnten Wissenschaftler herausfinden, dass der T-Rex aktiv gejagt hat.
Die Illustration von Mark P. Witton zeigt einen jungen Edmontosaurus, der von einem Tyrannosaurus Rex gefressen wird. Anhand von Knochen konnten Wissenschaftler herausfinden, dass der T-Rex aktiv gejagt hat.

Aber wie genau helfen nun die Knochen, mehr über die Tiere, ihre Nahrung oder ihr Verhalten herauszufinden? Nils Knötschke nennt ein Beispiel:

Es gibt viele Funde, wo man sieht, dass der T-Rex aktiv gejagt hat – das hat man dadurch erst rausgefunden. Man hat hinten am Beckenbereich [der Edmontosaurier], an den Schwanzwirbeln, an den Dornfortsätzen Bissspuren vom T-Rex gefunden. Die sind wieder verheilt. Das heißt, das Tier ist wieder abgehauen. Man konnte daran feststellen, dass der T-Rex eben nicht nur Kadaver – tote Tiere – frisst, sondern auch lebende Tiere verfolgt und gebissen hat.

Eingeschränkter Zugriff auf Fossilien erschweren die Forschung

Insgesamt sei das Wissen über die Saurier aber noch gering, so Knötschke:

Wir wissen unheimlich wenig. Wir finden vielleicht fünf Prozent der Tiere, die überhaupt damals gelebt haben. Deswegen ist jeder Fund unheimlich wichtig. Wir haben nur sehr wenige Puzzleteile, die wir zum Gesamtbild zusammenfügen müssen.

Armin Schmitt, Paläobiologe und Forschungsdoktorand an der Universität Cambridge ergänzt:

Forschung ist eine Tätigkeit, die immer im Fluss ist. Man erforscht etwas und stellt eine Hypothese auf. Und dann wollen andere Forscher das entweder bestätigen oder widerlegen. Dann müssen wir auch Zugang haben zu diesem Forschungsobjekt.

Studien, Methoden und Untersuchungsergebnisse müssen also nachvollziehbar sein. Das ist aber nur dann gewährleistet, wenn Dinosaurierknochen für Forschende aus aller Welt zugänglich sind – in einer öffentlichen Sammlung oder in einem Museum.

Allerdings verfügen Museen oder andere öffentliche Einrichtungen meist nicht über so große Summen, um bei einer Versteigerung mitzubieten. Sie brauchen oft viel Zeit, um Gelder zu beantragen oder Spenden zu sammeln. Die Privatwirtschaft oder reiche Menschen hingegen, die mal eben ein paar Millionen Dollar überweisen können, sind da klar im Vorteil.

Wenn aber die Skelette sich in Privatbesitz befinden, hat die Wissenschaft ein Problem:

Es kann sein, dass der Dinosaurier dann in einer Schublade verschwindet oder irgendwo im Keller steht und derjenige, der den Dinosaurier besitzt, privat, sich den nur noch allein anschaut. [Und] wenn ein Wissenschaftler aus einem Museum kommt: "Ich möchte jetzt Vergleiche ziehen. Ich habe den ähnlichen Dinosaurier irgendwo anders gefunden" […] und der Privatbesitzer sagt: "Nein, lass ich nicht zu" – dann haben wir ein Problem.

US-Recht: Fossilien gehören dem Landbesitzer

Dass seltene Dinosaurierknochen überhaupt in privaten Händen und in Auktionshäusern landen, hänge mit den Ausgrabungen und der Rechtslage in den USA zusammen, sagt Dino-Forscher Armin Schmitt. In den USA gehören Fossilienfunde weder dem Staat noch der Person, die sie ausgräbt, sondern derjenigen Person, der das Land gehört. Und die darf bestimmen, was mit den Knochen geschieht: behalten, wegwerfen, verschenken – oder sie an den Meistbietenden verkaufen, alles ist möglich. Und bis auf ein T-Rex-Skelett aus Kanada wurden alle anderen T-Rex-Knochen im Nordwesten der USA ausgegraben.

Die Gegenden, wo Tyrannosaurus gefunden wird – Montana, Wyoming, South Dakota – das ist eine extrem dünn besiedelte Region. Und wir kennen die Gesteinsschichten, wo Tyrannosaurus vorkommen, das ist einmal die Hell-Creek-Formation und das ist einmal die Lance-Formation. Wir haben geologische Karten. Wir wissen also genau, wo diese Schichten auftauchen.

Die Gegenden sind wüstenartig – wenig Vegetation. Sie sind also zugänglich und sehr reich an Fossilien. Zum Teil ragen Knochen schon aus dem Boden.

T-Rex "Trinity": 2023 für rund 5,7 Millionen Euro versteigert

Die Knochen, aus denen das Skelett von "Trinity" zusammengesetzt ist, stammen von drei unterschiedlichen Individuen – daher der Name "Trinity". Sie wurden bereits vor mehr als 20 Jahren ausgegraben. Dann hat man sie – zusammen mit nachgebildeten Teilen – zu einem Skelett zusammengesetzt, das Privatbesitz eines Sammlers wurde. Ende 2022 bot dieser Sammler "Trinity" dem Auktionshaus Koller an, wo "Trinity" am 18. April 2023 in der Schweiz versteigert wurde. Das letzte Gebot ging per Telefon ein und "Trinity" wurde für 4,8 Millionen Schweizer Franken verkauft. Mit den Gebühren für das Auktionshaus kostet das Skelett sogar 5,5 Millionen Franken. Umgerechnet 5,7 Millionen Euro. Zwei Tage später war offiziell: Die Phoebus Foundation, eine belgische Stiftung mit Sitz in Antwerpen, hatte "Trinity" erworben.

Die Stiftung hat vor einigen Jahren einen Wolkenkratzer im Zentrum von Antwerpen gekauft. Der soll – renoviert und umgebaut – zu einem Museum werden. In ein paar Jahren wird dort die Sammlung der Stiftung zu sehen sein. "Trinity" soll dann als Publikumsmagnet wirken.

Ein Eröffnungsdatum für das Museum gibt es noch nicht. Die Umbauten werden noch Jahre dauern. Bis es so weit ist, soll das Skelett von "Trinity" nicht in irgendeinem Lager verstauben: Katharina van Cauteren, Chefin von Phoebus Foundation, sagt, sie sei sehr daran interessiert, dass Wissenschaftler sich mit dem T-Rex-Skelett beschäftigen.

Aktuell lagert "Trinity" zerlegt in rund 300 Einzelteile und gut verpackt in Kisten an einem geheimen Ort. Vermutlich wird es Nils Knötschke sein, der das Skelett 2024 auspacken und helfen darf, es aufzubauen. Denn "Trinity" soll im Sauriermuseum Aathal ausgestellt werden. Dann könne endlich die wissenschaftliche Erforschung der Knochen beginnen.

Literatur

Paläontologie Wie bestimmt man aufgrund einzelner Fossilien die Dinosaurierart?

Es gibt verschiedene Methoden, Dinosaurierknochen zu identifizieren. Dafür macht man Dünnschliffe; dann sieht man aufgrund der Knochenstruktur im Dünnschliff, dass es sich um einen Reptilienknochen handelt, also einen Dinosaurierknochen. Der ist ganz charakteristisch gebaut. Von Eberhard Frey | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

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Paläontologie

Paläontologie Wie kann man vom Knochenfragment auf den ganzen Dinosaurier schließen?

Man zieht möglichst mehrere komplette Fossilien zusammen. Wenn man aber nur fragmentierte Stücke hat, erkennt man an den Fragmenten oft mehr als an einem vollständigen Skelett. Von Eberhard Frey | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.

Evolution Wie ist der Denisova-Mensch mit dem Neandertaler oder Homo sapiens verwandt?

Der Denisova-Mensch wurde durch genetische Untersuchungen definiert. Es handelte sich weder um ein Neandertaler-Gen, noch um ein Homo-sapiens-Gen. Von Friedemann Schrenk

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