Musikgespräch

Eigene Studierende hochgepunktet: Wie fair sind Juryurteile bei Musikwettbewerben?

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Interview
Malte Hemmerich
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Dominic Konrad

Wer große Wettbewerbe wie den ARD-Musikwettbewerb gewinnt, hat gute Chancen auf eine Karriere als Musiker. Die Jury hat entsprechend eine große Verantwortung. Nora Sophie Kienast forscht über die Einflussfaktoren auf Juryurteile bei Musikwettbewerben. Sie berichtet über mögliche Verbesserungen in den Verfahren und die Eigenschaften eines guten Jurymitglieds.

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Jurymitglieder tragen enorme Verantwortung

Die Wertungen der Jurys von großen Musikwettbewerben entscheiden über ganze Karrieren von jungen Musikerinnen und Musikern. „Ein Wettbewerb ist ein Türöffner ins Konzertleben“, erklärt Nora Sophie Kienast. Sie hat an der Universität Osnabrück zu Jury-Entscheidungen geforscht. Oft seien die Urteile für Außenstehende nicht nachvollziehbar.

Nora Sophie Kienast
Nora Sophie Kienast forschte an der Universität Osnabrück zu Beziehungsgeflechten und suggestiven Faktoren in Jurybewertungen.

Der ARD-Musikwettbewerb, der am 28. August startet, erlaubt es nicht, dass Professorinnen und Professoren in der Jury die Leistung ihrer eigenen Studierenden bewerten. Dies sei in größeren Wettbewerben zwar gängige Praxis, so Kienast, es verhindere aber keine Absprachen.

Unliebsame Teilnehmende könnten etwa herunterpunktet werden, um die Karriere eigener Studierender über den Wettbewerb hinaus zu fördern, oder es könnte Absprachen mit anderen Lehrenden geben.

Tatsächlich beruft sich Kienast für diese Aussagen auf zehn Interviews mit Jury-Mitgliedern renommierter Wettbewerbe, die sich sehr offen an ihrer Forschungsarbeit beteiligt hätten: „Ich hatte das Gefühl, dass sie froh waren, einmal Misstände ansprechen zu können“, so Kienast.

Mehr Transparenz durch „Blind Auditions“?

Eine Möglichkeit für mehr Transparenz wären etwa „Blind Auditions“, bei denen die Wettbewerb-Teilnehmenden zumindest in den ersten Runden hinter einem Sichtschutz spielen, um optische Faktoren aus der Wertung auszuschließen. Bei Orchester-Auswahlverfahren ist dies ein üblicher Prozess.

Wieso das bei Wettbewerben nicht gemacht werde, da müsse man die Veranstalter fragen, meint Kienast. Ein anonymisiertes Verfahren könne zu mehr Fairness im Wettbewerb führen. Darüber hinaus empfiehlt die Expertin, die Punktevergabe müsse offengelegt und somit nachvollziehbar gemacht werden.

Auch wenn niemand gezwungen ist, an Wettbewerben teilzunehmen: Um ins Blickfeld der Konzerthäuser zu gelangen, seien Wettbewerbe nach wie vor wichtig. Ihre Hochzeiten sind noch lange nicht vorbei.

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