„Emanom“ von Wayne Shorter

Jazzlegende kreiert musikalische Paralleluniversen

Stand
Autor/in
Günther Huesmann
Künstler/in
Wayne Shorter
Danilo Perez
John Patitucci
Brian Blade
Orpheus Chamber Orchestra

CD-Tipp vom 24.09.2018

Der legendäre Saxofonist und Jazzkomponist Wayne Shorter ist vor kurzem 85 Jahre alt geworden. Das schönste Geburtstagsgeschenk hat er sich wohl selbst gemacht: Gerade erschienen ist seine opulente 3er-CD "Emanom“, auf der sich Shorter nicht nur mit seinem gefeierten Quartet präsentiert, sondern auch für ein großes Kammerorchester komponiert.

Voneinander unabhängige Universen

Wayne Shorter ist ein Science-Fiction-Fan. Kein Wunder, dass ihn im Jazz stets das bisher Unbekannte und Unerschlossene gelockt hat. Seit seiner frühen Jugend faszinierten ihn Raumschiffe, Sternennebel und ferne Galaxien. In seiner Graphic Novel „Emanon“ erzählt er nun eine Science-Fiction-Story von Universen, die unabhängig voneinander existieren. Auch die Musik von „Emanon“ stellt sozusagen „zwei Paralleluniversen“ nebeneinander. Da ist einmal die sinfonische Shorter-Galaxie, vier Werke, die Shorter für das 38köpfige Orpheus Chamber Orchestra und sein Quartett komponiert hat. Vier Stücke, die die volle Aufmerksamkeit des Hörers fordern.

Der Traum, die Eindimensionalität der Einzellinie zu verlassen, jeder Saxofonist kennt ihn. Shorter verwirklicht ihn, indem er das Orpheus Chamber Orchestra weniger als eigenständigen Klangkörper einsetzt, sondern wie eine vielstimmige und vielfarbige Auffächerung seines unnachahmlichen Saxofon-Sounds. Wie ein Power Ranger schlüpft er in das Cockpit des Kammerorchesters um mehr Kraft zu haben. Den klassischen Klangkörper setzt er, um im Comic-Jargon zu bleiben, gleichsam wie einen Zord ein, wie einen riesigen Kampf-Roboter, der in einen Feldzug gegen das Monster der Langeweile und Eindimensionalität zieht. Nur: Manchmal hat man das Gefühl: die dunklen Mächte drohen die Oberhand zu gewinnen. Denn Shorter bekommt den Orchester-Apparat nicht ganz in den Griff.

Der Orbit des Wayne Shorter

Es gibt spannende Stellen, es gibt durchaus so etwas wie eine Ahnung von Groove und Fantasie, wenn das Orpheus Chamber Orchestra Shorter begleitet. Insgesamt aber bleibt es bei sinfonischer Staffage, es fliegt doch einiger Weltraumschrott aus der Filmmusik herum im Orbit des großen Wayne Shorter, wenn er für große klassische Klangkörper schreibt. Bevor sein sinfonisches Raumschiff Überschallgeschwindigkeit erreicht, geht diesem im stilistischen Sternzeichen von Aaron Copland und John Williams der Treibstoff aus. Am Ende von CD 1 denkt man: Der Komponist Shorter für Kammerorchester kommt gerade noch mal mit einem blauen Auge davon.

Interaktionen vom Feinsten

Dann aber legt man CD 2 und CD 3 ein, und man ist bestürzt und begeistert von der Offenheit der Musik. Universum zwei. Das Wayne Shorter Quartet live in London 2016. Zwei CDs mit Interaktionen vom Feinsten. Meist fangen die Shorter Stücke als freie Improvisationen an. Langsam umkreisen sich die Musiker mit ihren Ideen – achtsam wie vier Samurai in kaiserlicher Rüstung. Schon hier: Suspense ist das oberste Mittel der Wahl. Man belauert sich. Knisternde Spannung auch in den mehrgliedrigen Themen, die wie aus dem Nichts auftauchen und im Nachhinein zwingend logisch wirken. Und dann gibt es da die immer explosiver werdenden Groove-Kadenzen, in denen sich das Quartet in einen wahren Spielrausch steigert.

Das ist Action wie in einem hochklassigen Martial-Arts-Film. Jede kleinste Bewegung kann die nächste Überraschung auslösen; jeder Move kann ein Täuschungsmanöver sein, jede scheinbare Finte ein Angebot für einen neuen Kompromiss. Neben Shorter improvisieren der Pianist Danilo Perez, der Kontrabassist John Pattitucci und der Schlagzeuger Brian Blade in blitzschneller Kommunikation. Und zwar so, dass der andere nicht etwa zuhören kann, sondern zuhören muss, wenn er nicht die Klippe hinabstürzen will.

Die Kunst des Aufeinander-Hörens

„Wir proben nie. Weil man das Unerwartete ohnehin nicht üben kann.“ kokettiert Wayne Shorter. In Wahrheit aber steckt ein immenses Maß an Vorarbeit, Praxis und Expertise in diesem Spiel mit dem Unbekannten. Vorwissen ist die unabdingbare Notwendigkeit, damit das Wunder des Spontanen gelingen kann. Im Kern aber hat Shorter recht: In dem Moment, wenn der Dialog beginnt, zählen Vorbereitungen nichts. Da gilt nur die Kraft der Improvisation, jene magische Bewegung, die sich aus der Kunst des Aufeinander-Hörens entfaltet.

Guter Jazz heißt In-Beziehung-Sein

Ich hänge mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und sage: Man darf den großen Bands im Jazzolymp - dem Bill Evans Trio, dem Miles Davis Quintett, dem John Coltrane Quartett - getrost diese Band zur Seite stellen – nennen wir es das „Classic Wayne Shorter Quartet“. Und was das Schönste ist: diese Band ist nicht Geschichte, man kann sie hören, man kann ihr hinterher reisen – wie das die Musiker des preisgekrönten Pablo Held Trios tun. Um wie auf „Emanon“ zu erleben: Improvisieren kann ein Abenteuer sein, von dem man mit immateriellen Schätzen reich beladen zurückkehrt. Guter Jazz heißt In-Beziehung-Sein. Wenn Menschen ähnliche Beziehungen leben würden wie sie das Wayne Shorter Quartet musiziert, dann wäre unser Planet vielleicht eine bessere Welt. Aber das ist Science Fiction.

CD-Tipp vom 24.9.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik

Stand
Autor/in
Günther Huesmann
Künstler/in
Wayne Shorter
Danilo Perez
John Patitucci
Brian Blade
Orpheus Chamber Orchestra