Klassikkommentar

Axel Brüggemann über das Phänomen „Artist in Residence“

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Axel Brüggemann

Man kann sich Gäste einladen, die so sind, wie man selbst – aber dann wird die Party wahrscheinlich ziemlich langweilig. Gäste aus anderen Welten garantieren mehr Exotik, und mehr Überraschung. Das alte Konzept des „Artist in Residence“ ist so eine Einladung von Gästen für eine Konzertsaison. Aber was genau versprechen sich Orchester und Konzerthäuser von diesem Konzept? Konzerterfolge brauchen auch Risiko, meint Axel Brüggemann in seinem Klassikkommentar.

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Publikumsmagnete als Artis in Residence

In erster Linie wahrscheinlich versprechen sich die Orchester und Konzerthäuser wahrscheinlich gegenseitige Inspiration und zuweilen auch die Fans des „Artists in Residence“ als, eventuell sogar neues, Publikum.

Nehmen wir zum Beispiel das Schleswig Holstein Musikfestival: gleich 50 Veranstaltungen plant es dieses Jahr mit Geiger Daniel Hope zu dessen 50. Geburtstag. Das ist kein Overkill, denn Hope scheint ein Verkaufs-Garant zu sein. Und so macht Hope Kinderkonzerte, Podcasts, moderiert und spielt natürlich auch Geige. Das Publikum kann davon offensichtlich nicht genug bekommen. 

Klassische Konzepte bei den Berliner Philharmonikern

Spannend wird es, wenn ein „Artist in Residence“ ein Orchester herausfordert, so wie diese Saison der Percussionist Martin Grubinger das SWR-Orchester: öffentlich hat er den Chefdirigenten Teodor Currentzis kritisiert, ist nicht gemeinsam mit ihm aufgetreten und hat dennoch ein Jahr lang mit dem Orchester konzertiert.

Martin Grubinger & Dima Slobodeniouk: Bjarnason und Strawinsky mit dem SWR Symphonieorchester

Eher klassisch erscheint das Konzept des Konzerthauses in Berlin, das kommende Saison den Geiger Augustin Hadelich eingeladen hat und der Berliner Philharmoniker, die mit der Geigerin Lisa Batiashvili als „Artist in Residence“ antreten. Hier siegt die Qualität über den Marketing-Effekt.

YouTube-Stars in der Elbphilharmonie

Ein Experiment wagt Hamburg, hier lädt die Elbphilharmonie Nahre Sol, eine der erfolgreichsten YouTube-Klassik-Stars, ein. Im Netz sitzt Nahre Sol am Klavier und erklärt Musik: Popmusik, Jazz und auch Klassik. Das ist ebenso „nerdig“ wie erfolgreich. Für so eine Musikerin wird auch der altbackene Begriff „Artist in Residence“ kurzerhand in „Creator in Residence“ „geupdated“. 

Nahre Sol über die Besonderheiten der Elbphilharmonie (Englisch)

Das Konzerthaus an der Elbe schielt natürlich auf die 600.000 YouTube-Follower von Nahre Sol. Aber es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass die einfach so kommen.

Ein YouTube-Star wie der Geiger Ray Chen hat ebenfalls hunderttausende von Follower, aber sein Haupt-Konzertsaal ist eben das Netz. Wenn er auf Tournee geht, spielt er nicht an der Seite der Berliner- oder Wiener Philharmoniker, sondern kommt mit dem Scottish National Orchestra – Karten sind noch allerhand zu haben. Netzstar bedeutet eben nicht gleich Podiums-Star.

Erfolgsmodell statt „cringe“

Und trotzdem ist es gut, dass Orchester und Konzerthäuser sich den Stars der Internet-Bühnen öffnen. Doch das Konzept des „Artists in Residence“ macht erst dann richtig Sinn, wenn der Gast nicht nur seine Follower mitbringt, sondern wenn sich auch die alte Klassik-Welt der neuen, digitalen Welt öffnete, wenn die Elbphilharmonie neue digitale Welten erschlösse und den Gast nicht nur am eigenen Wohnzimmertisch sitzen ließe, sondern ihm durch neue Konzertformate, den eigenen, glaubhaften Weg ins Netz, durch hybride Veranstaltungen engegenkäme. 

Wenn Orchester und Veranstalter Klassik-YouTube-Stars nur wegen deren Follower einladen, gewinnen sie keine Netz-Credibility, sondern sind „cringe“. Wenn sie aber gemeinsam mit ihnen neu denken, könnte das ein Erfolgsmodell werden.

Und gerade für die Elbphilharmonie, die bislang eher hanseatisch traditionell auf ihre Architektur als Verkaufsmodell baut, wäre ein wenig Bewegung sicherlich sinnvoll. 

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