Buchkritik

Sophie Passmann – Pick Me Girls

Stand
Autor/in
Nina Wolf

In ihrem neusten Buch „Pick Me Girls“ outet sich Sophie Passmann als „Pick Me Girl“. Sie schreibt über ihren Körper, ihr Selbstbild, ihre Essstörung und bekennt sich zu Botox, zur Sehnsucht als attraktiv wahrgenommen werden zu wollen und beschreibt sich als unsichere Frau. Ein provokantes Buch, das irritiert.

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Sophie Passmann beginnt ihr Buch mit einem ehrgeizigen Versprechen:

„Ich schreibe dieses Buch jetzt, weil ich glaube, dass ich jungen Frauen mit ein paar Dingen in diesem Buch das Leben leichter machen kann. Das hier ist kein Teenager-Selbsthilfebuch. Es ist auch kein feministisches Kampfwerk und erst recht, um Gottes willen, keine Autobiografie. Das ist das Buch, das ich mit 14 Jahren gebraucht hätte.“

Sophie Passmann widmet sich dem Phänomen „Pick Me Girls“, also Frauen, die stereotyp-weibliches Verhalten ablehnen, um Männern zu gefallen. Dieses „Pick Me Girl“ stecke in jeder Frau, erklärt sie.

„Ich glaube, dass alle Frauen, die im Patriarchat groß werden, Pick Me Girls sind. Manchmal. Oder früher. Zwischendurch. Als Ausnahme. Oder nur bei einem Mann in ihrem Leben.“

Passmann will für alle Frauen sprechen

Diese These formuliert Passmann mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit, der den Ton für die folgenden Seiten vorgibt. Und führt damit eine unschlagbare Logik ein: Indem sie sich selbst zum Pick Me Girl erklärt, macht sie alle Kritikerinnen, die dieser Allgemeingültigkeit widersprechen, selbst zu Pick Me Girls.

Chapeau für so viel Dialektik. Sophie Passmann erklärt sich schon in der Einleitung zur Stellvertreterin von nicht weniger als allen Frauen. Genauer gesagt: In der ersten Einleitung, denn eine zweite, alternative für Männer, liefert sie gleich mit.

Und schon sind wir mittendrin im Passmann’schen Geschlechterkampf. Für diesen ist sie auch bekannt: Sophie Passmann ist so etwas wie eine berufliche Pop-Feministin, moderiert Fernseh-Talkshows und performt auf einem Privatsender, der Formate wie „Germanys Next Topmodel“ oder „Beauty and the Nerd“ im Programm hat.

Mit „Komplett Gänsehaut“ schrieb sie eine Persiflage auf ihre Generation, die Millennials. Im Buch „Alte, weiße Männer“ spricht sie mit ebendiesen alten, weißen Männern. Das Geschäftsmodell „gut verdauliche Feministin“ hat sie perfektioniert.

In „Pick Me Girls“ geht es auch um Feminismus, um den männlichen Blick und um das, was frau tut, um Männern zu gefallen.

Untersuchungsgegenstand ist die Autorin selbst, denn „Pick Me Girls“ will ein persönliches Buch sein. Ein Buch, in dem die 29-jährige Passmann ihr Frausein, ihr Frauwerden, ihre Kindheit und Jugend untersucht, warum und wie sie zu der Frau wurde, die sie heute ist.

Seit ihrer Jugend: Leiden am und Nachdenken über den eigenen Körper

„Mein Frauwerden war dadurch geprägt, dass ich ein weißes Cis-Mädchen war. Aber die Tatsache, dass ich ein Pick Me Girl war, hatte auch damit zu tun, dass ich ein unglückliches Mädchen war. Ein psychisch krankes Mädchen. Ein hochintelligentes Mädchen. Ein dickes Mädchen.“

Sophie Passmann erzählt von ihrer Essstörung. Sie erzählt von Diäten und von Werten, die ihr 2000er-Jahre-Teenie Filme vermittelten. Sie schreibt über Beziehungen und von Männern, die sie wegen ihrer Figur abwerteten. Es ist die Geschichte einer Frau, die ihren Wert an ihrem Körper und ihrer Attraktivität bemisst.

„Ich unterstelle anderen, viel über meinen Körper nachzudenken, weil ich es tue, selbst wenn es nur die Gedanken daran sind, dass heute alles nicht mehr so schlimm ist wie früher. Ich habe Angst, dass Leute das über meinen Körper denken, was ich früher auch über ihn gedacht habe. Ich habe Angst vor dem Schweigen und ich habe Angst vor dem Gerede, ich habe Angst, darüber nachzudenken, was ich mit meiner Energie alles hätte anstellen können, wenn ich mehr Langeweile in meinem Leben gehabt hätte.“

Sophie Passmann erzählt auch die Geschichte einer zutiefst unsicheren Frau. Und aus dieser gewinnt die Autorin streitbare Erkenntnisse. Als Verfechterin von Botox und Lip Fillern versucht sie Schönheitseingriffen eine feministische Deutung zu geben.

„Ich hatte noch nie größere Angst davor, dass Leute etwas Falsches über mich denken, weil ich mir Dinge unter die Haut spritzen lasse. Es war eher für mein Umfeld eine Reise. Bei Männern führte sie von Amüsement über die offen formulierte Sorge, es nicht zu übertreiben, bis hin zu aggressiver Gleichgültigkeit. Bei Frauen begann selbige ausnahmslos mit Skepsis und endete mit der Frage nach dem Kontakt zu meiner Schönheitsärztin. Solche Praxen sind einer dieser Orte, wo man dafür bezahlt, bewiesen zu bekommen, dass man genau ist wie andere Frauen.“

Es sind provokante Statements, die Passmann in „Pick Me Girls“ präsentiert. Statements, bei denen man der Autorin unterstellen mag, dass ihr durchaus bewusst ist, dass solche Aussagen polarisieren. Etwa, wenn sie schildert, dass sie sich um der männlichen Aufmerksamkeit willen sogar über sexuelle Belästigungen gefreut hätte:

„Mit Anfang 20 nämlich begann ich, mit Sorge zu betrachten, dass ich deutlich seltener sexuell belästigt wurde als die anderen Frauen, mit denen ich studierte. Ich sah meinen Kommilitoninnen dabei zu, wie sie unerwünschte Gespräche und schmierige Komplimente über sich ergehen ließen, ich sah ihnen an, dass sie es nicht genossen. Wir sprachen nach jedem dieser Zwischenfälle ausführlich darüber, wie ekelerregend und erniedrigend das war, wenn ein Mann die Tatsache ignorierte, dass die Frau, die er da bedrängte, nichts von ihm wissen wollte. Und obwohl ich damals wie heute wusste, wie widerlich das alles war, waren die Selbstzweifel in Bezug auf Männer so tief in mein Unterbewusstsein eingesickert, dass ich insgeheim anfing, es persönlich zu nehmen, wie oft meine Freundinnen im Vergleich zu mir belästigt wurden.“

Wie man solche Aussagen wertet, bleibt den Lesern und Leserinnen selbst überlassen. Ob sich Passmanns Schilderungen so wie im Verlags-Pressetext als „stellvertretendes Frauenleben“ lesen lassen, ist zu bezweifeln. In erster Linie ist „Pick Me Girls“ nämlich ein stark Ich-zentriertes Buch. Jedes einzelne Kapitel beginnt mit einer Variation aus „Als ich…“, „wenn ich“, „Ich habe“ oder „Ich war“. Ein Buch von Sophie Passmann über Sophie Passmann.

Die Moderatorin und Autorin Sophie Passmann
Sophie Passmann

Viel persönliche anekdotische Evidenz, wenig Theorie

Die verklausulierten Sätze und die wirre Erzählstruktur nehmen „Pick Me Girls“ die Schlagkraft. Von der Jugend in die Kindheit, von Passmanns Erfahrungen mit Shitstorms wieder in die Kindheit, Medien, Karriere, Schönheitsklinik. Sophie Passmann springt in Zeit und Diskursen hin und her.

Allgemeingültiger hätte „Pick Me Girls“ sicher werden können, hätte der Text weniger formale Schwächen. Auch mehr theoretischer Überbau hätte dem Text gutgetan. Parat hätte Sophie Passmann diesen sicher gehabt, denn Namen wie Simone de Beauvoir oder Virginie Despentes tauchen zwar im Text auf, verschwinden allerdings gleich wieder. Stattdessen arbeitet die Autorin mit anekdotischer Evidenz, und es fallen Sätze wie:

„Das ist eine These, die ich nicht beweisen kann, die ich aber bis aufs Blut verteidigen würde. Die lauten, anstrengenden Mädchen werden in etwa so asexuell-aussätzig behandelt wie die stillen, nachdenklichen Jungs. Im Erwachsenenalter ist diese Kombination aus lautem Mädchen und stillem Jungen übrigens die am häufigsten auftretende Freundschaftskombination. Ist ja klar: Wir haben die gleichen Komplexe.“

„Pick Me Girls“ liest sich wie die Rechtfertigung einer Frau, die in der Öffentlichkeit steht. Es hätte ein ehrliches Buch werden können, über ihre Rolle in der Medienwelt, über ihre Vorbildfunktion.

Stattdessen ist „Pick Me Girls“ das Buch eines Medienprofis. Und eine traurige Geschichte über eine Frau, der man wünscht, über ihr schwieriges Verhältnis zu ihrem Körper hinwegzukommen, und die man dafür bedauern kann. Kein „Pick Me“, eher ein „Pity Me“ Girl.  

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Nina Wolf