Egbert-Hans Müller
KEINE GUTE ZEIT FÜR LYRIK

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Der vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk gestiftete Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik wird seit 1983 für ein herausragendes lyrisches Werk des vergangenen Jahres verliehen. Er soll die literarische Arbeit deutschsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker würdigen. Zugleich will er das Interesse der Öffentlichkeit auf die von den Medien oftmals marginalisierte lyrische Gattung lenken.

Egbert-Hans Müller
KEINE GUTE ZEIT FÜR LYRIK

Preise sind weder so zahlreich, noch sind sie so hoch dotiert, daß ein Autor davon leben könnte – und sei er Lyriker. Das ist zunächst nichts als eine Feststellung. Also keine gute Zeit für Lyrik? fragte 1974 in einem Interview Karl Corino; Peter Huchel antwortete: Nein, keine gute Zeit für Lyrik. Aber ich möchte Sie fragen, wann gab es denn je eine gute Zeit für Lyrik? Ich meine, der Lyriker lebte immer am Rande der Gesellschaft.

Aus der Antwort Peter Huchels für die Eingangsfeststellung den Schluß zu ziehen, es müsse so sein, daß Lyriker von Preisen leben könnten, wäre falsch. Hans Mayer hat in seinen Erinnerungen an Peter Huchel vom Phänotyp des Lyrikers gesprochen, von demjenigen, der gezeichnet wurde durch den Ausdruckszwang des Lyrikers und allein des Lyrikers, und davon, daß der sich entscheiden müsse, ob er das Leben eines Parasiten führen will oder ein Doppelleben. Lyriker zu sein, ist demnach nicht irgendwelche Autorschaft, es ist ein Zustand.

Aber zurück zu Peter Huchels Feststellung: Keine gute Zeit für Lyrik – aber wann gab es denn die? Der Lyriker lebte immer am Rande der Gesellschaft. Ohne gerade an diese Sätze gedacht zu haben: das war für Südwestfunk und Land Baden-Württemberg das Motiv, den Preis zu stiften. Das Land ist dabei einer Initiative des Südwestfunks gefolgt.

Aber wovon leben sie denn, die Autoren – von denen die Lyriker, auch die vom Ausdruckszwang des Lyrikers und allein des Lyrikers gezeichneten ja nur eine Teilgruppe sind – wenn nicht von Preisen oder wenn sie nicht, siehe die Feststellung Hans Mayers, ein Doppelleben führen?

Letzten Endes soll der Autor davon leben können, wovon jeder andere auch leben können sollte: von seiner Arbeit, das heißt, bei einem Autor von den Tantiemen aus seinem Werk. Der dänische Literaturwissenschaftler Georg Brandes, Bahnbrecher in seinem Lande und wohl auch darüber hinaus für die naturalistische Dichtung, vergleicht 1872 in seiner berühmten Vorlesung über die Emigrantenliteratur ein literarisches Werk mit dem lebenden Organismus: Wie dieser bedürfe es einer Kombination ebenso vieler Umstände, damit es nicht gleich nach der Geburt zu Grunde gehe. Und nachdem Brandes alle diese Zufälligkeiten für den Erfolg aufgezählt hat, bis dahin, daß das Werk nicht an etwas Bekanntes erinnern darf, aber sich doch bereits Bekanntem anschließen müsse und einem Weg folgen, der schon gebahnt sei, schließt er: Es muß endlich auch die richtige Beleuchtung erfahren. Ein Preis ist Beleuchtung. Auszeichnung mit einem Preis ist aber noch mehr, dem Ausgezeichneten zu danken. Nicht zufällig trägt der Preis den Namen Peter Huchels. Die Verleihung des Preises auf seinen Namen ist ein Dank an ihn.

Egbert-Hans Müller, Ministerialrat und Vertreter des Landes Baden-Württemberg in der Jury, bei der Übergabe des Peter-Huchel-Preises am 3.4.1985

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