Buchkritik

Peter Frankopan – Zwischen Erde und Himmel. Klima – eine Menschheitsgeschichte

Stand
Autor/in
Beate Krol

Der Oxford Historiker Peter Frankopan zeigt in seinem grandiosen Mammutwerk „Zwischen Erde und Himmel“, wie das Klima die Menschheitsgeschichte geprägt hat. Fazit: wer sich nicht anpasst, geht unter.

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Manche Bücher reifen mehrere Jahrzehnte in den Autoren heran, bevor sie sich schließlich ans Schreiben machen. Das gilt auch für das neue Werk des gefeierten britischen Globalhistorikers Peter Frankopan: „Zwischen Erde und Himmel – Klima, eine Menschheitsgeschichte“.

Die 1970er und 80er Jahre, in denen ich aufgewachsen bin, waren geprägt von saurem Regen und der Angst vor einer nuklearen Katastrophe bzw. dem Atomkrieg. Seitdem denke ich über die Natur nach, also seit bald 50 Jahre.“

Peter Frankopan, der an der Universität Oxford das Zentrum für Byzantinische Studien leitet, hat in seiner Jugend die Existenzangst kennengelernt. Bis heute ist für ihn daher keineswegs sicher, dass die Menschheit überlebt. Den Grund dafür sieht er auch in einem gestörten Verhältnis zur Natur.

Wir sind völlig abgekoppelt von der natürlichen Umwelt. Wir denken nur an die Kosten. Wir haben keine Verbindung zur Geopolitik. Wir haben keinen Bezug zur Energie. Wir haben keinen Bezug zu den Entscheidungen unserer Abgeordneten, weil wir nicht empfinden, dass wir mit der Natur verbunden sind.“

Um uns für die „grundlegende Bedeutung des Klimas für die Menschheitsgeschichte“ zu sensibilisieren, schildert Peter Frankopan in „Zwischen Erde und Himmel“ wie das Klima die menschlichen Gesellschaften von Anbeginn bis heute prägt. Im ersten Kapitel, des 4,7 Milliarden Jahre umspannenden Buchs, schaut man der Welt fasziniert beim Werden zu. Vulkane brechen aus, Meteoriten schlagen ein, Landmassen kollidieren, Sauerstoff entsteht und mit ihm CO2. Es kommt zu ersten Treibhausgas-Katastrophen und Massenaussterben.

Ab dem zweiten Kapitel geht es um die vielfachen Wechselwirkungen zwischen Klima und Menschen – und was wir für die Zukunft daraus lernen können. Dabei hat Peter Frankopan die Entwicklung von Siedlungsformen und den Proteingehalt der Nahrung genauso im Blick wie das Entstehen von Religionen, Seuchen und Kriegen. Sie alle gehen in letzter Konsequenz auch auf die Explosion von Supernovas und Meteoritenhageln zurück, die den Rohstoffreichtum der Erde herbeigeführt haben. Rohstoffe, die der Mensch der Erde nun wieder im Übermaß entzieht.

Bergwerke wurden in die Erde gegraben und Wälder und Steppen in Felder und Plantagen verwandelt. Die Folgen für die Umwelt waren gewaltig, aber auch die Wirtschaft war betroffen, denn ein Boom bei der Förderung von wertvollen Mineralien oder dem Anbau von Ackerfrüchten führte oft zu Angebotsschwemmen, die nicht leicht aufzufangen waren und die Preise in den Keller fallen ließen.

Keine Frage, Peter Frankopan verlangt seinen Leserinnen und Lesern mit seinem mehr als 1000 Seiten starken Werk viel ab. Und doch ist es ein großer Glücksfall, dass ausgerechnet er sich der Weltklimageschichte angenommen hat. Schon in seinen ersten beiden Büchern, dem „Licht aus dem Osten“ und „Die neuen Seidenstraßen“ hat der Byzanz-Experte aus Oxford gezeigt, dass er grandios und fesselnd erzählen kann.

Das gelingt ihm auch diesmal wieder. Wie ein guter Tourenguide weiß er, was ein angemessenes Tempo ist – zügig mit Pausen -, wie man von einer Station zur anderen kommt – mithilfe von Cliffhangern - und welche Beispiele aus der an Beispielen unendlich reichen Geschichte spannend und erhellend sind – solche, die wir nicht schon aus dem Geschichtsunterricht kennen.

Bei all dem balanciert Peter Frankopan sicher auf dem schmalen Grat, der Faktenreichtum von Faktenhuberei trennt. Wobei man sich als Leserin immer wieder fragt, wie es einem einzelnen Menschen überhaupt gelingen kann, so viele Fakten aus so vielen verschiedenen Disziplinen, Zeitaltern und Weltgegenden zusammenzutragen. Die Antwort lautet: It’s Oxford, stupid.

Ich arbeite an der Universität mit 1500 anderen Oxford-Professoren. Das bedeutet, ich höre mir ihre Vorträge an. Höre, was sie für Fragen haben und lese die Arbeiten, die sie schreiben. Und oft geben mir meine Kollegen auch Lektüretipps, weil sie besser im Stoff sind als ich.“

Dazu kommt, dass Peter Frankopan ein Faible für Menschen hat. Auch das hilft, die zeitliche und räumliche Distanz zu überbrücken und genau jenen Kontakt herzustellen, den er so schmerzlich vermisst. Jedem Kapitel stellt er Zitate voran und auch danach wimmelt es von interessanten, oft anrührenden Schilderungen und Erkenntnissen. Mal prangert ein hoher Beamter am Hof der chinesischen Zhou-Kaiser die Rodung von Bergwäldern an, dann schildert ein ägyptischer Arzt die Folgen einer durch eine Dürre eingetretenen Hungersnot, die so furchtbar war, dass die Schädel...

…in Lagen übereinandergestapelt wurden. Für den Betrachter ähnelten sie einem Stapel frisch geernteter Wassermelonen.

Selbst in den Passagen über die prähominide Natur kommen Menschen vor – beispielsweise als Forscherinnen und Forscher, die Eisbohrkerne, Stalagmiten und verkohlte Pflanzenreste untersuchen. Dabei unterscheidet Peter Frankopan trotz seines Anspruchs auch von Laien verstanden zu werden, peinlich genau zwischen erwiesenem Wissen, hohen Wahrscheinlichkeiten und naheliegenden Vermutungen. Auch die sonst so beliebten Wenn-Dann-Kausalketten findet man in seinem Buch selten. Dass eine Stadt allein wegen einer Dürre zugrunde geht – so einfach ist es bei ihm nicht. Auch die Bevölkerungsgröße, die Gesundheit der Menschen, der Zustand der Wasserleitungen und die politischen Entscheidungen spielen eine Rolle. Diese komplexen Systeme klar und anschaulich zu beschreiben, ist ein weiteres beeindruckendes Frankopansches Talent.

Neun Jahre hat Peter Frankopan an „Zwischen Erde und Himmel“ gearbeitet. Entstanden ist ein im besten Sinne nachhaltiges Buch. Nicht nur der Blick zum Mond, der früher mal viel näher an der Erde dran war, ändert sich. Es stellt sich auch ein Bewusstsein dafür ein, wie besonders und kostbar die Edelmetalle im Smartphone sind. Und die Corona-Pandemie wird vom singulären Ereignis zu einer von vielen schrecklichen Seuchen; ganz generell wird man beim Lesen ein bisschen demütiger und kleiner.

Genau dieser Effekt macht es dann vielleicht tatsächlich leichter, unser klima- und erdenschädliches Verhalten zu ändern. Dass es nötig ist, wenn wir überleben wollen, steht für Peter Frankopan außer Frage.

Die wohl wichtigste Lektion aus meiner Geschichte ist: alle Gesellschaften, die es nicht geschafft haben, sich an diese Veränderungen anzupassen, enden wie die großen Reiche in Mesopotamien: mit null Bevölkerung. Das sollte man bedenken.“

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