Platz 4 (30 Punkte)

Colson Whitehead: Harlem Shuffle

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Das Leichte, Verspielte, Wortgewandte, das Colson Whiteheads Romane normalerweise auszeichnet, fehlte in seinem vorangegangenen Buch „Die Nickel Boys“ gänzlich. Das lag am Stoff, der in seiner Schwere so niederschmetternd und desillusionierend war, dass Whitehead selbst sagte, ihm sei das Lachen dabei vergangen. Es ist nur allzu verständlich, dass Whitehead nach dieser gelungenen Schwerstarbeit nun einen geradezu beschwingten, lässigen Roman schreiben wollte.

„Harlem Shuffle“ spielt in einem bunt und fast comichaft überzeichneten Milieu von Harlem, New York, und setzt ein in den frühen 1950er-Jahren. Ray Carney ist ein Gauner, aber ein sympathischer mit Hochschulabschluss und von Beruf Möbelhändler. Ein echter Fachmann auf diesem Gebiet, mit ausgezeichnetem Geschmack. Whiteheads Tonfall ist eine Hommage an die Krimis von Chandler oder Hammett; sein Buch ist voll von Aufstiegsträumen, kleinen Betrügereien, Hehlern und krummen Geschäften. Ein Gesellschaftsroman ist „Harlem Shuffle“ ganz sicher, und ein swingender, detailverliebter und exzellenter noch dazu. In seiner Ethnologie des Alltags, in der präzisen Schilderung von Marken und Statussymbolen, steckt auch die Sehnsucht nach sozialem Aufstieg und nach Anerkanntwerden.

Im letzten der drei Romanteile, die jeweils im Abstand von drei Jahren spielen, kommt in die Aufstiegserzählung des Ray Carney dann auch wieder die für Whitehead typische Schärfe hinein, die mit dem bis heute ungebrochenen Rassismus zu tun hat, dem Schwarze von Seiten der Obrigkeit ausgesetzt sind.

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Autor/in
SWR