Der Ton hat etwas Getriebenes, bei aller historischen Faktizität ist Mantels Sprache auf wunderbare Weise suggestiv und literarisch; darüber hinaus ist vor allem ihr Fokus auf die weiblichen Figuren ungemein gegenwärtig, und das (oder gerade weil) die Hauptfigur von „Spiegel und Licht“ ein Mann ist: Thomas Cromwell, Earl of Essex und Berater von König Heinrich VIII., ist ein virtuoser Taktierer und Ränkeschmied und hat sich am Hof geschickt nach oben gearbeitet – und wird schließlich dennoch geköpft.
Architektur und Gepflogenheiten, Politik, höfische Sitten, geistesgeschichtliche Wendungen und ein reiches Personal – all das hat Mantel im Griff, setzt es ohne Verfälschungen in den historischen Kontext und bewahrt sich dabei doch alle erzählerischen Freiheiten. Ein Wimmelbild zwischen Religion und Säkularisierung, vielschichtig horizontal erzählt und ungemein spannend.
Wer nach einem Gegenbeweis für die These sucht, dass Fernsehserien im Begriff seien, die Literatur als Medium von Geschichten abzulösen, findet bei Hilary Mantel genügend Argumente.