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Bartholomäus Grill – Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört

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AUTOR/IN
Brigitte Neumann

In den kultur- und debattenprägenden Großstädten noch kaum wahrgenommen, kündigt sich eine dramatische Krise auf dem Land an, und zwar weltweit. Das zahlen- und faktengesättigte Buch des ehemaligen Afrika-Korrespondenten Bartholomäus Grill unter dem Titel „Bauernsterben“ berichtet davon.

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Da sei ein Kampf im Gange, ein Kampf um fruchtbare Böden, um Wasser, um Macht. Es sei ein Kampf auf Leben und Tod. Geradezu ein Krieg. Und dieser Krieg überziehe die ganze Welt, so Bartholomäus Grill in seinem neuen Buch „Bauernsterben“.

Er berichtet von einem mafiösen Filz. Die Akteure - Politiker, Pestizidhersteller, Lobbyisten, Saatgutmonopolisten, Banken, Landmaschinenhersteller, Großgrundbesitzer, sie handelten überall nach dem gleichen Muster und das nennen sie harmlos „Grüne Revolution.“

Pflanzliche Nahrungsmittel für Menschen werden knapp

Wir kennen die Bilder von Turbokühen, der Verseuchung von Grundwasser durch die Ausbringung von zu viel Gülle, den Streit um Glyphosat. Die Öffnung der Weltmärkte, so Grill, ermöglichte Ländern ohne viel Fläche wie z.B. den Niederlanden die Aufzucht großer Massen Vieh und Geflügel, indem sie Tierfutter in großem Stil aus Indonesien und Brasilien zukauften. Unterdessen würden pflanzliche Nahrungsmittel für Menschen knapp.

Folgen dieser Agrarstrategie, so Bartholomäus Grill, sei zum Beispiel, dass die Produktivität der Böden allmählich sinke. Humus gehe verloren.

Eigene Erfahrungen als Bauernsohn

Bartholomäus Grill schöpft für sein Buch „Bauernsterben“ aus seiner Erfahrung als bayerischer Bauernbub, dessen Eltern den Hof aufgeben mussten, und er schöpft aus seinem Fundus von Korrespondentenberichten der letzten 30 Jahre im Auftrag von ZEIT und Spiegel.

Dafür recherchierte er unter anderem in Tadschikistan, Brasilien, Polen, auf den Philippinen, in den USA. Von dort berichtete er 1989 über die US-Bewegung des Family Farming - Biolandwirte, die in kleinen Einheiten produzieren. Dem stellt Grill die Maßstäbe der industriellen Landwirtschaft gegenüber: wachse oder weiche.

Grills beeindruckendster Bericht stammt aus dem immer wieder von Hungersnöten heimgesuchten Äthiopien. Die Regierung verweigerte dem Reporter 2011 Zutritt zum Landesinneren, wo er über die vom damaligen Präsidenten eingefädelten Leasing-Verträge über Ackerland zugunsten von Investoren aus Saudi Arabien, Indien und China berichten wollte.

Es ging um insgesamt 600 000 Hektar. Die Folgen konnte er einige Jahre später vor Ort erleben. Auf der einen Straßenseite fuhren die Transporter der UN, die Speiseöl, Reis und Weizen zu den Hungernden brachten.

Auf der anderen Straßenseite die Schwertransporter, die mit eben diesen Erzeugnissen, geerntet von gepachteten Agrarflächen, den Hafen von Dschibuti ansteuerten, um sie außer Landes zu bringen.

Zornige Abrechnung mit der globalen Agrarindustrie

Bartholomäus Grills Buch „Bauernsterben“ ist das zahlen- und faktengesättigte Werk eines Journalisten, der beschreibt, wie sich die immer gleichen Abläufe auf der ganzen Welt wiederholen.

In der Rückschau auf meine Recherchen in Asien, Lateinamerika und Afrika verschmelzen die armen Dörfer zu einem Schauplatz globaler Ungleichheit

heißt es an einer Stelle. Das ist die wichtige Botschaft des Buches – Profitgier vernichtet unsere Lebensgrundlage jetzt und überall - und zugleich ist es seine Schwäche. Denn hier wird immer wieder das gleiche Brett gebohrt.

Beim Lesen ermüdet man leicht. Vielleicht wäre es besser gewesen, das Buch etwas größer zu dimensionieren. Die gut 200 Seiten sind für eine Schilderung der Abläufe in der Agrarwirtschaft der gesamten Welt zu wenig.

Bartholomäus Grill, der sein Buch als „Cri de Colère“ bezeichnet, als zornige Abrechnung, macht mit seinem Überblickswerk und seiner Konzentration auf die materiellen Bedingungen der landwirtschaftlichen Produktion aber sehr klar, wo der Hebel für Veränderungen angesetzt werden sollte, nämlich bei der Macht der Agrarkonzerne.

Hier wäre die Politik gefragt, die sich daran erinnern sollte, dass immer noch die Mehrheit der Bevölkerung im ländlichen Raum lebt, in Demokratien ist das die Mehrheit der Wähler. Sie haben ebenfalls die Macht, alle vier Jahre solch einen Cri de Colère auszustoßen.

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