Mehrere hundert pro-palästinensische Demonstranten Anfang Juni 2024 bei einer Demonstration durch den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg unter dem Motto "Jabalia, Rafah, Jenin, Ramallah, Take your hands off Palestine".

Vorwurf fehlender Meinungsfreiheit

Über Gaza reden: Gibt es zu wenig Raum für den Schmerz?

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Autor/in
Philine Sauvageot
Philine Sauvageot

Der Gaza-Konflikt findet seinen Niederschlag auch auf deutschen Straßen, in Form von Demos und Protestcamps. Zugleich beklagen einige Stimmen aus der Kulturszene, man könne seine Solidarität mit Palästina nicht frei äußern. Was ist an dem Vorwurf dran? Ein Versuch der Entwirrung mit der Rapperin Ebow und der Politologin Saba-Nur Cheema.

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„Wir trauern im Stillen“, rappt Ebow

„Wir fühlen das gleiche / doch trauern im Stillen“, singt die Rapperin Ebow in ihrem Song „Free“. Und weiter: „Wir leben hier / wo unsere Trauer nichts wert ist“. Gemeint ist die Trauer über das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza.

„Wir sind wütend und traurig, aber diese Wut und Trauer hat in Deutschland keinen Platz“, kritisiert die Berlinerin mit kurdischen Wurzeln im Gespräch mit SWR Kultur.

„Angst etwas Falsches zu sagen“

Auf Spotify hat „Free“ knapp 188.000 Streams. Ebru Düzgün, wie Ebow bürgerlich heißt, glaubt einen wunden Punkt getroffen zu haben: „Die Leute haben Angst, überhaupt in Gespräche zu gehen und etwas Falsches zu sagen. So verlieren wir Leute und sie rutschen in extreme Richtungen.“

Erst wenn es offene Räume für Austausch gebe, könne man zum Beispiel lernen, dass man Regierungen kritisieren, aber einem Land wie Israel nicht das Existenzrecht absprechen darf.

Die Politologin und Publizistin Saba-Nur Cheema im Porträt
Saba-Nur Cheema bemüht sich um interreligiösen Dialog, zum Beispiel in ihrer FAZ-Kolumne "Muslimisch-jüdisches Abendbrot" mit ihrem Mann Meron Mendel, dem Leiter der Bildungsstätte Anne Frank.

„Die Räume sind sehr wohl da“

Die Politikwissenschaftlerin Saba-Nur Cheema widerspricht: Man könne sich natürlich privat treffen und gemeinsam trauern. Aber auch im Kunst- und Kulturbereich seien viele Räume entstanden.

Ein Beispiel: In der Reihe „Gaza Talks“ am Berliner Ensemble diskutiert die deutsch-palästinensische Journalistin Alena Jabrine mit ihren Gästen, was am 7. Oktober 2023 geschah und was bis heute tagtäglich in Gaza geschieht.

Freie, aber auch problematische Äußerungen auf den Straßen

Besonders in Berlin kam es bei pro-palästinensischen Demos wiederholt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten. Auch die Protestcamps an den Universitäten müsse man differenziert betrachten, so Cheema: „Es gab teilweise polizeiliche Räumungen, aber auch antisemitische und hamas-relativierende Aussagen.“

In der FAZ schilderte Cheema ihre Eindrücke vom Camp an der Frankfurter Goethe-Universität. Statt vom Hamas-Terror sei von „bewaffnetem Widerstand“ die Rede gewesen. Es sei erklärt worden, dass der Staat Israel niemals hätte gegründet werden dürfen. Cheema kam zu dem Schluss: „Sie wollen sieben Millionen Israelis aus ihrer Heimat werfen.“

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Woher kommt dann das Gefühl, sich zu Gaza nicht äußern zu dürfen?

Tatsächlich lud die Uni Köln die Philosophin Nancy Fraser aus – nach deren Boykottaufruf gegen kulturelle Einrichtungen in Israel. Die Autorin Masha Gessen bekam den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken in kleinerem Rahmen als ursprünglich geplant. Sie soll die Situation in Gaza mit jüdischen Ghettos verglichen haben.

Die Philosophin Judith Butler behält letztlich den Adorno-Preis trotz öffentlicher Kritik. Sie hatte den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober als „Akt des bewaffneten Widerstands“ bezeichnet, der „keine antisemitische Attacke“ sei.

Haltungen auf beiden Seiten festgefahren

Beispiele gibt es viele. So könnte man auch die Verschiebung der Verleihung des LiBeraturpreises an die Autorin Adania Shiblis anführen. Cheema bestätigt: „Es gibt Vorfälle, die belegen, dass pro-palästinensische Stimmen kein Gehör finden und Veranstaltungen abgesagt werden.“

Aber: „Wir haben auf beiden Seiten diese festgefahrene Situation.“ Gerade in der links geprägten Kulturszene nehme man den Nahostkonflikt einseitig wahr. „Die Tendenz ist eher auf der Seite der Palästinenser zu stehen.“ Aus der post-kolonialen Kritik sei eine israel-kritische, wenn nicht anti-israelische Haltung entstanden.

Die Berliner Rapperin Ebow im Porträt
„Wo alles was wir gerade sagen / Alles was wir gerade machen / Alles immer nur verkehrt ist“, rappt Ebow in ihrem Song „Free“, um später zu schließen: „Uns geht es allen beschissen.“

Musikszene auf einem Auge blind?

Das Gegenteil, nämlich dass man in Deutschland das Leiden der Palästinenser ausblende, sieht die Rapperin Ebow in einem viel diskutierten Song der Hip-Hop-Band Antilopengang bestätigt. In „Oktober in Europa“ prangern die drei Künstler den seit dem 7. Oktober gestiegenen Antisemitismus an.

Davidsterne werden an die Haustüren gesprüht / Ist das jetzt diese sogenannte Israel-Kritik? / Ich wollt ja zur Antifa-Demo gegen Judenhass / Aber gab keine in Berlin, gute Nacht

Der Song sei spalterisch, meint Ebow. Schließlich steige auch der antimuslimische Rassismus. „Es ist gerade so angespannt. Das zu ignorieren und sich auf eine Seite zu stürzen, ist Quatsch.“ Die Musikindustrie blende das ganze Thema komplett aus, „vor allem, wenn wir uns anschauen, wer in den Charts ist.“

Wie finden die widerstreitenden Parteien wieder zueinander?

Etwas, das vielen schwer zu fallen scheint: Mitgefühl für beide Seiten aufbringen und differenzieren. In ihrem Song „Free“ tut Ebow aber genau das. Sie bringt den Schmerz der Palästinenser und der Juden zur Sprache.

Meine palästinensischen Freunde sind alle am Ende / Meine jüdischen Freunde sie trauern mit Ängsten / Meine kurdischen Leute sind ständig am kämpfen / Meine Schwarzen Freunde suchen immer noch Verständnis / Alle anderen Freunde sind irgendwo dazwischen

„Die selektive Empathie muss nicht sein“

Für Cheema lautet die wichtigste Frage, die sich jeder stellen sollte: „Möchte ich aus der Komfortzone raus?“ Gerade auf Social Media bestehe die Gefahr, nur die Perspektive der einen Seite zu sehen. Man müsse schon aktiv andere Kanäle abonnieren, um ein ausgewogenes Bild zu bekommen.

„Die selektive Empathie muss überhaupt nicht sein. Es ist möglich, den 7. Oktober aufs Schärfste zu verurteilen und zu sagen, das Töten der Zivilbevölkerung in Gaza muss aufhören.“

Die Schauspielerin Lena Kalisch spielt am Theater Nestroyhof Hamakom in Österreich das Stück "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten".
Am Theater Nestroyhof Hamakom in Wien spielt die deutsch-israelische Schauspielerin Lena Kalisch das Stück „Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten“.

Was helfen würde, wäre Menschlichkeit

„Vergiss nicht: Auch auf der anderen Seite der Grenze gibt es Mütter.“ So überschrieb die israelische Dramatikerin Maya Arad Yasur ihren Text unmittelbar nach dem 7. Oktober.

In der Regie von Sapir Heller heißt das Stück, das schon an mehreren deutschsprachigen Theatern in immer unterschiedlicher Besetzung zu sehen war, passenderweise: „Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten“.

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