Gesellschaft

Debatte um Freibäder: Wem nützt diese Diskussion?

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Sophia Volkhardt
Sophia Volkhardt

Das Freibad ist ein Ort des Vergnügens. Spätestens diesen Sommer ist es jedoch ins Zentrum ganz anderer Debatten gerückt. Es wird berichtet von Massenschlägereien, mehr Sexualdelikten in den Schwimmbädern und Diebstählen – vor den Toren einiger Freibäder wachen jetzt Security Dienste.

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In Stuttgart hetzt die „Identitäre Bewegung“

„Geht das multikulturelle Miteinander baden?“, so eine der Schlagzeilen der vergangenen Tage. Im Fokus der Debatte steht häufig, dass auch Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrations- oder Fluchthintergrund an den Auseinandersetzungen beteiligt sind.

Die nächste Stufe: In Stuttgart stürmen am 23. Juli Unbekannte das Dach eines Freibades und verbreiten rechte Parolen. Die Aktion wird der „Identitären Bewegung“ zugerechnet. Woher kommt diese hitzige Debatte? Und was erzählt sie über unsere Gesellschaft?

Stuttgart

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"Remigration" prangt auf einem Transparent am Dach des Inselbads. Wenige Minuten später sind die Täter verschwunden. Offenbar eine Aktion der "Identitären Bewegung".

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Sind Freibäder noch ein sicherer Ort?

Keine Frage: Das Freibad spiegelt unsere Gesellschaft wider: Hier kommen ganz unterschiedliche Gruppen und Schichten zusammen. Nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, planschen sie im Wasser oder sonnen sich auf der Liegewiese – und müssen Rücksicht nehmen.

Seitdem gewaltsame Auseinandersetzungen in Freibädern in Berlin bundesweit für Schlagzeilen gesorgt haben, drängt sich aber fast der Eindruck auf: Freibäder sind keine sicheren Orte mehr, sondern eine Art Schauplatz dafür, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat.

Ein Irrglaube, meint Ansgar Thiel, Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Tübingen: „Von dem, was wir wissen, ist es mit Blick auf die Straftaten jetzt gerade in Bezug auf Freibäder von den absoluten Zahlen her nicht gestiegen sind. Die Zahlen sagen jetzt nicht, dass man in jedem Freibad erwarten muss, angegriffen zu werden. Die Frage ist viel mehr: Was empfinden die Menschen, wenn sie dahin gehen? Und da spielen die Medien sicher eine große Rolle“.

Wird das Freibad für politische Botschaften instrumentalisiert?

Berichte über gewalttätige Vorfälle in Freibädern reißen nicht ab. Gab es sie schon immer und es wurde nur nie berichtet? Ministerpräsident Winfried Kretschmann betonte erst kürzlich, man gehe den Vorfällen konsequent nach – er warne aber davor, einzelne Übergriffe aufzubauschen. Eine generelle Angst vor Schwimmbädern sei unbegründet.

Und trotzdem: Der Ort Freibad scheint plötzlich nicht mehr für Sommer und Unbeschwertheit zu stehen, sondern wird für politische Botschaften instrumentalisiert. 

Flugblätter und Rauchbomben im Stuttgart Freibad

„Remigration“ prangte auf einem Transparent, das Unbekannte am Sonntag am Dach des Inselbades in Stuttgart Untertürkheim anbrachten Außerdem warfen sie Flugblätter vom Dach und zündeten Rauchbomben. Die Polizei vermutet die Gruppe „Wackere Schwaben“ hinter der Aktion – eine Untergruppe der rechtsextremen „Identitären Bewegung“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, erklärt Ansgar Thiel, der gerade in Tübingen das Institut für Rechtsextremismusforschung mitaufbaut.

Die Überzeugung der „Identitären Bewegung“: Es gibt in Europa eine „geschlossene Kulturordnung", die sich von nicht-europäischen Ländern klar unterscheidet. Diese Kulturen dürften sich nicht vermischen.

„Es wird so getan, als ob Kultur ein stabiles Konstrukt ist und das wird dann noch mit Ethnie und Herkunftsregion und zum Teil Religion in Verbindung gebracht. Und das sind dann starre Konstrukte, die der Realität überhaupt nicht entsprechen. Genauso wie die Gesamtbevölkerung, die bereits hier im Land wohnt“, sagt er.

Ein Ort, der zeigt, wo gesellschaftliche Probleme liegen

Der „Identitären Bewegung“ werden laut Verfassungsschutz in Deutschland rund 500 Menschen zugerechnet – in Baden-Württemberg hundert. Aber auch wenn es sich nur um eine kleine Gruppe handelt, sei es schwierig, wenn solche Gruppierungen den Diskurs mitbestimmten: „Die Frage ist natürlich, wenn man Sorgen von Menschen nur bagatellisiert, dann treffen natürlich solche Narrative von der ,Identitären Bewegung‘ – solche verfassungsfeindlichen Narrative sogar – dann vielleicht auf fruchtbaren Boden“.

Das Freibad ist also vielleicht wirklich zu einem Ort geworden, der zeigt, wo gesellschaftliche Probleme liegen – aber nicht so sehr wegen der Vorfälle, sondern wegen der Art und Weise, wie wir als Gesellschaft damit umgehen.

„Es ist wichtig, mit den Menschen zu reden und zu zeigen, warum Befürchtungen unbegründet sind.“

Einlasskontrolle im Sommerbad Kreuzberg - Prinzenbad.
Eine Folge der Unruhen: Einlasskontrollen. Hier im Sommerbad Kreuzberg - Prinzenbad.

Das ganze Spektrum der Gesellschaft kommt zusammen

Und – mit Blick auf die Zahlen berechtigt oder nicht: Die Sorgen der Menschen sind da. Und die Politik muss ihnen begegnen, sagt Soziologe Thiel: „Wenn solche medialen Narrative existieren und die werden dann von solchen Gruppen auch noch ausgenutzt – wie jetzt in dem Inselbad – dann ist natürlich allein zu sagen: ,Es gibt keine Probleme – ihr seid alle sicher‘, vielleicht nicht die beste Antwort. Sondern es ist wichtig, mit den Menschen zu reden und zu zeigen, warum Befürchtungen unbegründet sind.“

Komplexe Probleme lassen sich auch im Freibad nicht einfach lösen: weil die Antwort nicht sein kann, bestimmte Gruppen prophylaktisch nicht hineinzulassen. Und weil das Freibad auch weiterhin ein Ort sein wird, an dem das ganze Spektrum der deutschen Gesellschaft zusammenkommt.

Stuttgart

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