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Top 100 des Kunstmagazins Monopol: Das sind die spannendsten Platzierungen

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Franziska Kiedaisch

Das Kunstmagazin Monopol kührt wieder die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst. Unter den berühmten Künstler*innen, Ausstellungsmacher*innen, Galerist*innen und Mäzeninnen und Mäzenen gibt es einige Überraschungen. Das sind die spannendsten Platzierungen 2022.

Nan Goldin präsentiert ihre Ausstellung "The Ballad of Sexual Dependency" 2017
Platz 1: Nan Goldin. Die Fotografin, die selbst abhängig von Schmerzmitteln war, kämpft gegen die Verantwortlichen der amerikanischen Opioid-Krise. „Nan Goldin hat mit ihrer intimen Fotografie Kunstgeschichte geschrieben – und das Museum als politischen Ort neu definiert“, heißt es in der Begründung des Monopol-Magazins.
Mitglieder des Kollektivs Ruangrupa
Platz 2: Ruangrupa. Das indonesische Kunstkollektiv sorgte wegen antisemitischer Darstellungen auf Kunstwerken bei der Documenta für Diskussionen, die Deutschland noch lange beschäftigen würden, so Monopol.
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank im Sommer 2022
Auf Platz 8 folgt Meron Mendel. Auf der Documenta sei der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank „verlässlich die Stimme der Vernunft“ gewesen, heißt es bei Monopol.
Donna Haraway
Überraschung auf Platz 37: Donna Haraway belegte im vergangenen Jahr noch Platz 1. Die Arbeiten der US-amerikanischen Philosophin und Naturwissenschaftshistorikerin haben zu einem veränderten Blick auf die Umwelt geführt, sie dienen laut Monopol der zeitgenössischen Kunst als Inspirationsquelle.
Klimaaktivisten der Klimaschutz-Protestgruppe «Letzte Generation», nachdem sie das Gemälde «Getreideschober» (1890) von Claude Monet im Potsdamer Museum Barberini mit Kartoffelbrei beworfen haben.
Platz 19 für Klimakleber und Breiwerferinnen: Mit beschmierten Gemälden wollen Klima-Aktivist*innen gegen die Untätigkeit der Politik protestieren. Doch mit den Attacken betonten sie auch „den Wert der Kunst für die Gesellschaft“, begründet Monopol die Wahl.
Bénédicte Savoy
Platz 11: Bénédicte Savoy. Die französische Kunsthistorikerin hat „nicht nur dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ins museale Gewissen geredet, sondern auch in Deutschland die Debatte um koloniale Raubkunst geprägt", heißt es bei Monopol.
Demna
Ein Modedesigner auf Platz 14: Der Georgier Demna Gvasalia – kurz Demna– verwandele Armut in Eleganz, so Monopol. Das Infragestellen bestehender Konventionen in der Modewelt veranlasste das Magazin zur Wahl.
Laura Poitras
Platz 49: Laura Poitras. Die Dokumentarfilmerin prangert politische Missstände an. Ihr Film „All the Beauty and the Bloodshed“ über die Opioidkrise in den USA und die Fotografin Nan Goldin gewann in Venedig den Goldenen Löwen.
Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani
Auch in der Kunst zeigt sich in diesem Jahr Katars Einfluss. Auf Platz 78: Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani. Die Schwester des katarischen Staatsoberhaupts kauft jährlich für eine Millarde Dollar Kunst für die nationale Sammlung ein. Damit gehöre sie zu den wichtigsten Kunstsammlerinnen der Welt, so Monopol.
Hasso Plattner
Platz 84: Hasso Plattner. Der SAP-Mitgründer und Kunstmäzen hat in diesem Jahr neben dem Barberini einen zweiten Ort für Kunst und Kultur in Potsdam eröffnet. Das einstige DDR-Restaurant Das Minsk stehe ganz im Zeichen der Ost-Kunst, schreibt Monopol.

Elke Buhr: Ruan Grupa haben den Diskurs bestimmt

Auf Platz eins der Liste steht die Fotografin Nan Golding, die mit ihren Fotos gegen die Mäzen-Familie Sackler demonstriert, deren Schmerzmittel den Tod vieler Menschen verursachten.

An zweiter Stelle folgen die Documenta-Kuratoren Ruangrupa, weil sie wichtige Diskussionen mitausgelöst hätten, begründet Chefredakteurin Elke Buhr die Auswahl in SWR2. „Unsere Liste möchte abbilden, was genau in diesem Jahr diskutiert wurde. Und die Dokumenta war eine der erbittertsten Debatten, die überhaupt im deutschen Kunstbetrieb geführt wurden.“

Wie auch immer man Ruangrupa bewerte: Sie hätten den Diskurs bestimmt. „Deswegen sind sie bei uns auf Platz 2 gelandet.“

Ruan Grupa, Meron Mendel und die Documenta

Zeitgenossen Meron Mendel: „Mein Ziel ist, dass wir alle vorurteilsbewusst werden.“

„Dass die Künstler aus dem globalen Süden uns provozieren, ist an sich nicht zu kritisieren“, sagt Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank Frankfurt. Rund um die Antisemitismusvorwürfe gegen die diesjährige Documenta hat sich der Publizist, Historiker und Pädagoge unermüdlich für den Dialog eingesetzt. Ohne Erfolg.

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Die documenta fifteen endet: Was bleibt von der deutschen Erinnerungspolitik?

Die documenta fifteen geht zu Ende – und nicht wenige Menschen würden jetzt hinzufügen: endlich. Was geht, wenn die größte deutsche Kunstausstellung für viele ein Fiasko ist? Die eine Seite beklagt, mit der Documenta habe man Antisemitismus in Deutschland wieder öffentlich ausstellen können, während die andere Seite meint, hinter der Kritik an den Künstler:innen stünde Rassismus.  Ein Scherbenhaufen also, zumindest in der öffentlichen Debatte.

Und was bleibt nun im Nachhinein von dieser documenta fifteen? Lässt sich aus diesem Scherbenhaufen etwas machen – zum Beispiel eine Auseinandersetzung über die deutsche Geschichts- und Gedenkpolitik und die Frage, welchen Platz die kolonialen Verbrechen darin neben der Shoah einnehmen können?

Als gescheitert würde die Journalistin Charlotte Wiedemann die documenta nicht bezeichnen. Wiedemann hat viel aus dem Ausland berichtet und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie hat die documenta besucht und dort viele Anregungen gefunden, die sie in der deutschen Debatte vermisst hat: “Über die documenta würde eine Glocke der Deutschtümelei gestülpt. Das Problem war für mich nicht die documenta selbst, sondern unser Umgang damit.” 

Anders sieht das der Kunstkritiker Hanno Rauterberg, er sagt, die mangelnde Kommunikationsbereitschaft habe den Austausch erschwert: “Der Kollektiv-Gedanke der documenta hat Kritik an einzelnen Künstlern erschwert.” Schnell habe es geheißen, Kritik meine nicht den Einzelnen, sondern alle und damit die gesamte documenta. Kritik sei deshalb von Ruangrupa schnell als rassistisch wahrgenommen worden.

Und auch der Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und engagiert hätte sich gewünscht, dass die verschiedenen Seiten wirklich miteinander ins Gespräch kommen: „Es wurde zwar viel debattiert, aber da war das Gefühl, dass man aneinander vorbeiredet.“

Viel Stoff also für eine Debatte über die deutsche Erinnerungspolitik!

Charlotte Wiedemanns Buch „Den Schmerz der anderen begreifen“ ist im Mai 2022 bei Ullstein erschienen.

Unterschiedliche Positionen und Erklärungsansätze zur documenta-Debatte findet ihr in der Ausgabe 09/2022 von Politik & Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats – alles abrufbar unter https://politikkultur.de/archiv/ausgaben/nr-9-22/

Die Bildungsstätte Anne Frank, deren Direktor Meron Mendel ist, hat eine Podiumsdiskussion zu Kunst und Antisemitismus veranstaltet, die ihr hier anschauen könnt: https://www.bs-anne-frank.de/events/kalender/zum-antisemitismusskandal-auf-der-documenta-fifteen

Bei „Was geht, was bleibt“ haben wir uns schon öfter mit den Themen Kolonialismus und Erinnerungspolitik beschäftigt, zum Beispiel in diesen beiden Folgen:
https://www.swr.de/swr2/programm/blinder-fleck-der-erinnerungskultur-unser-kolonialistischer-blick-nach-osteuropa-100.html
https://www.swr.de/swr2/programm/rueckgabe-von-raubkunst-dekolonisierung-oder-reine-symbolpolitik-100.html

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Pia Masurczak
Redaktion: Pia Masurczak und Kristine Harthauer

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Rezension von Jochen Rack.
C.H. Beck Verlag, 256 Seiten, mit 16 Abbildungen, 24 Euro
ISBN: 978-3-406-76696-1

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