Ausstellung

„Innenwelten – Sigmund Freud und die Kunst“: Kunsthalle Tübingen auf der Couch

Stand
Autor/in
Sophia Volkhardt

Versprecher, Verdrängung, Hysterie – dass sich Sigmund Freuds Theorien nachhaltig in unser Bewusstsein eingebrannt haben, liegt sicher auch an Freuds prägendem Einfluss auf die Kultur. Mit der Ausstellung „Innenwelten. Sigmund Freud und die Kunst“ spürt die Kunsthalle Tübingen der Bedeutung des großen Denkers in der Kunst nach – nicht nur die Surrealisten verehrten Freud.

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Salvador Dalí war besessen von Sigmund Freud und seinen Theorien

Eine Studie zu Salvador Dalís berühmten Werk „Die Metamorphose des Narziss“ von 1937 steht am Anfang des Ausstellungsparcours: Auf der Tuschezeichnung ragt aus dem Boden eine Hand, die ein Ei hält. Ein Sinnbild für neues Leben. Darauf ein wehender Haarschopf. Im Hintergrund windet sich vor einer Höhle eine Figur – isoliert vom restlichen Geschehen – in narzisstischer Selbstbezogenheit gefangen.

Die Tusche und Bleistift Zeichnung „La Métamorphose de Narcisse“ von 1937
Die Tusche und Bleistift Zeichnung „La Métamorphose de Narcisse“ von 1937 ist die Studie zu Salvador Dalís bekanntem Ölgemälde „Die Metamorphose des Narziss“, das der Künstler dem Psychoanalytiker Sigmund Freud in London selbst vorlegte. Freud hat Dalí maßgeblich inspiriert.

Wie Freud greift der Künstler Dalí den antiken Mythos auf, bei dem sich ein Jüngling in das eigene Spiegelbild verliebt, vor Sehnsucht vergeht und sich in die gleichnamige Blume verwandelt.

Der Surrealist Dalí sei geradezu besessen von Sigmund Freud und seinen Theorien gewesen, erklärt die Direktorin der Tübinger Kunsthalle, Nicole Fritz. Es ist eines von vielen Kunstwerken hier, die einen direkten Bezug zu Freud haben: Dalí verehrte Freud und porträtierte ihn immer wieder auch aus dem Gedächtnis, so Fritz.

Blick auf Freuds Spuren in der Kunst mit rund 100 Werken

Das Unbewusste, der Traum – für die Surrealisten war Freud ein Vordenker. Freud hingegen beäugte die Kunstbewegung kritisch. Der Psychoanalytiker war überzeugt, dass sich das Unbewusste nie ganz freilegen lasse. Die Kunstschaffenden versuchten aber genau das – ihre unbewussten Empfindungen gänzlich zu fassen und zu befreien.

Victor Brauner „Somnambule“ von 1940
Victor Brauner „Somnambule“ von 1940

Die Ausstellung bietet über die Surrealisten hinaus einen Überblick anhand unterschiedlicher Themen wie Traum, Eros und Thanatos – also dem Lebens- und dem Todestrieb – und dem Unheimlichen, auch in der Konzeptkunst. Mit rund 100 Werken blickt die Kunsthalle Tübingen damit auf mehr als 100 Jahre zurück, in denen Freud seine Spuren hinterlassen hat. 

Verdrängtes mittels neuer Techniken visualisieren

Freuds Einfluss beschränkt sich aber nicht nur auf das, was dargestellt wird. Der Drang nach Selbsterforschung bringt auch neue Darstellungsformen mit sich, wie Nicole Fritz erklärt: Collage, Rayogramme – man habe versucht, Verdrängtes mittels neuer Techniken zu visualisieren: „Da war Freud natürlich Stichwortgeber.“ 

Julie Hayward „Sublimator“, 2003
Julie Hayward „Sublimator“, 2003

Wie aber das Freud’sche Erbe in die Kunst einfließt, veränderte sich im Laufe der Zeit. Heute gehe es den Künstlern mehr um das Kollektive, meint Nicole Fritz: „Es geht ihnen mehr darum, zu spiegeln, wie Verdrängtes in die Gesellschaft zurückkommt. Das Individuelle spielt nicht mehr so eine große Rolle wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es wird politischer.“  

Auch Kritik an Freud und sein Erbe werden thematisiert

Die Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Konflikte. Dabei wird der Freud’sche Einfluss auch immer differenzierter reflektiert. „Freud ist wirklich sehr auf dem Sexuellen stehen geblieben“, meint Nicole Fritz. „Wir müssen über Freud hinausgehen. Und das zeigen wir auch in diesen Räumen, dass ein kritischer Umgang beginnt mit dem Erbe. Kritisch auch zurecht, weil Freud natürlich doch auch ein Mann seiner Zeit war“

Das vermittelt sich auch in Freuds konservativem Frauenbild. Der Psychoanalytiker gilt zwar als Befreier der unterdrückten Sexualität, gerade der weiblichen, dennoch bleibt das Weibliche etwas Unheimliches für ihn. Die Frau habe nur ein schwaches Über-Ich, sei eifersüchtig und passiv. „Viele Künstlerinnen werfen ihm das vor, machen es zum Thema – auch ironisch“, so Nicole Fritz.

Heidi Bucher „Chair, Herrenzimmer“ 1979
Heidi Bucher „Chair, Herrenzimmer“ 1979

Freuds Begriffe wirken heute aktueller denn je

Dennoch - Freuds Begriffe wie das Unheimliche wirken heute aktueller denn je, findet die Kuratorin: „Wenn Dinge, die man verdrängt hat, zurückkommen – das ist jetzt gesellschaftlich wirklich auch Thema. In Bezug auf Natur – auf Konflikte. Und man bekommt Gänsehaut und merkt, wie zeitgemäß Freud mit seiner Begrifflichkeit war. Sodass jeder, der durch die Ausstellung geht, an einer Stelle berührt wird“

„Die Kunst ist fast immer harmlos und wohltätig, sie will nichts anderes sein als Illusion“ – ein Zitat Freuds, das diese Ausstellung in jedem Fall nicht unterstreicht.

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