Sonderausstellung im Augustinermuseum Freiburg

Wie ein sächsischer Maler den Schwarzwald erfand

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AUTOR/IN
Astrid Tauch

Bollenhut und idyllische Landschaften: Der sächsische Maler Wilhelm Hasemann inszenierte in seiner Wahlheimat Gutach den Schwarzwald, wie es ihn nie gab. Seine paradiesischen Bilder der armen Region verfestigten das Klischee vom Schwarzwald der glücklichen Menschen und unberührten Natur. Das Augustinermuseum in Freiburg erinnert zurecht an den weitgehend vergessenen Maler.

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Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
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Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
Wilhelm Hasemann, An der Gutach, 1905, Leihgabe aus Privatbesitz Bild in Detailansicht öffnen
Augustinermuseum, Freiburg: „Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds"
Augustinermuseum – Städtische Museen Freiburg, Wilhelm Hasemann, Sonntag im Gutachtal, 1903, Privatbesitz, Foto: Axel Killian Bild in Detailansicht öffnen
Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
Wilheim Hasemann beim Malen des Kirchgangs in Gutach mit Modell, 1895 Bild in Detailansicht öffnen
Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
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Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
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Am 16. April 1880 stieg der junge sächsische Maler aus der Schwarzwaldbahn

Es war der 16. April 1880: Da stieg ein junger sächsischer Maler aus der Schwarzwaldbahn, die wenige Jahre zuvor erst ihren Betrieb aufgenommen hatte. Sein Ziel war Gutach, und er hatte einen Auftrag im Gepäck: Hasemann sollte eine Novelle von Berthold Auerbach illustrieren, der ihm Gutach als Ort empfohlen hatte, das sei so schön.

„Hasemann ist nach Gutach gereist mit der Schwarzwaldbahn, ist ausgestiegen und hat sich sofort schockverliebt in das Dorf. Und wollte dann gar nicht mehr weg.“ 

Augustinermuseum, Freiburg: „Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds"
Wilhelm Hasemann war „schockverliebt“ in den Schwarzwald, oder in das, was er davon sah. Bild: Wilhelm Hasemann, Sonntag im Gutachtal, 1903, Privatbesitz

Hasemann malte, was er zu sehen glaubte

Das hatte Folgen für Maler und Dorf, sagt Kuratorin Mirja Straub. Hasemann richtete sich ein Atelier ein und malte das, was er sah – oder glaubte, zu sehen: ein landschaftliches Idyll, typische Schwarzwaldhäuser mit an den Seiten herabgezogenen Walmdächern, eine unberührte Natur und immer wieder die Tracht: Mädchen mit roten Bollenhüten oder schwarzen Seidenhauben, die Männer in rotgefütterten schwarzen Samtkitteln.

Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
Wilhelm Hasemann war „schockverliebt“ in den Schwarzwald, oder in das, was er davon sah. Wilhelm Hasemann: An der Gutach, 1905, Leihgabe aus Privatbesitz

Hasemann inszenierte den Schwarzwald wie einen Werbefilm

Eines seiner bekanntesten Bilder, „Der Kirchgang in Gutach“ von 1895, zeigt eine festlich gekleidete Prozession: vorne die fröhlichen Farben und Gesichter der Jungen, hinten die protestantisch streng gekleideten und dreinblickenden Alten.

Die Szene wirkt gestellt und das war sie wohl auch: Hasemann inszenierte den Schwarzwald wie einen Werbefilm. Seine Statisten trugen Tracht, die sie im Alltag längst nicht mehr anhatten. Auch die Bollenhüte waren damals eigentlich schon aus der Mode. Hasemann nutzte das neue Medium Fotografie, lichtete genau choreographierte Dorfszenen ab, übertrug sie auf die Leinwand. Und die Natur zeigte er ausschließlich von ihrer schönsten Seite:

„Das ist ein Bild, auf dem wir vorrangig grün blühende Landschaften sehen, es ist immer schönes Wetter, wir sehen nie Menschen bei harter Arbeit, sondern meist junge hübsche Mädchen, die kontemplativ in der Natur sitzen oder in der Schwarzwaldstube einfachen Arbeiten nachgehen, wie nähen, sticken oder spinnen.“ 

 

Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
Hasemann beim Malen des Kirchgangs in Gutach mit Modell, 1895

Schwarzwaldbild für die städtische Sehnsucht nach Idylle

Es ist ein selektives Bild vom idyllischen Schwarzwald, das die Stadtbevölkerung kaufen und sich ins Wohnzimmer in der Stadt hängen wollte. Denn in den Städten hatte die zunehmende Industrialisierung für eine Sehnsucht nach unberührter Natur gesorgt. Hasemanns Kunden wollten Idylle pur und die bekamen sie.

Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
Ausstellungsansicht, Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwaldes

Hasemann malte, was sich gut verkaufte

Nur manchmal fand der Maler kleine Nischen, in denen er so malen konnte, wie er eigentlich wollte: Das Bild „Blühender Ginster“ von 1910 zeigt mit seinen gelbgrün getupften Farben den Einfluss des Impressionismus. Aber der Vater zweier Söhne musste pragmatisch denken und das bedeutete zum Beispiel: Postkarten illustrieren mit Motiven aus dem Schwarzwald.

In der Ausstellung hängen sie wie ein Blätterwald von der Decke: Originalkarten, die die ersten Touristen – die sogenannten Sommerfrischler– mit in die weite Welt nahmen und so das Klischeebild vom idyllischen Schwarzwald verbreiteten.

Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds im Augustinermuseum Freiburg
Ausstellungsansicht, Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwaldes

Mitmachaktionen und „Herrgottswinkel“ im Augustinermuseum

Die Ausstellung in Freiburg begnügt sich nicht mit einer Aneinanderreihung von Hasemanns wichtigsten Bildern, sondern lädt auch zum Mitmachen ein. Auf I-Pads können sich die Besucher virtuelle Bollenhüte aufsetzen. Und der so sogenannte „Herrgottswinkel“, die Ecke eines Bauernhauses mit Kruzifix und Kachelofen, wurde originalgetreu aufgebaut.

Am 28. November 1913 starb Wilhelm Hasemann mit nur 63 Jahren in seiner Wahlheimat Gutach. Er war der erste und wohl erfolgreichste Werbeträger für einen Schwarzwald, den es so nie gegeben hat. 

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Astrid Tauch