Ausstellung

„American Dreams“ – 32 spannende Auswanderergeschichten aus dem Südwesten

Stand
Autor/in
Silke Arning

1,5 bis 2 Millionen Menschen aus Baden und Württemberg sind in den letzten 300 Jahren in die USA ausgewandert. Für manche wurden Träume wahr, für andere gab es kein Happy End. Mit der Ausstellung „American Dreams. Ein neues Leben in den USA“ erzählt das Haus der Geschichte Baden-Württemberg ihre Lebensschicksale anhand von 32 individuellen Biographien.

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American Dreams. Sonderausstellung im Haus der Geschichte
Humpty Dumpty Circus (1903-1910) von Albert Schönhut, der in den USA vom armen Drechslersohn zum weltgrößten Spielzeugfabrikanten aufstieg.

Spielwaren „Made in Germany“: Ein kleiner Zirkus steht in der Ausstellungsvitrine: Tiger, Elefant und Giraffe – alle etwa handgroß – tummeln sich in der Manege, ein Clown und ein Akrobat. 1903 war dieser „Humpty-Dumpty-Zirkus“ ein echter Verkaufsschlager in den USA, erzählt Ausstellungsleiter Rainer Schimpf. Der Erfinder Albert Schönhut kam aus Göppingen. Er war in die USA ausgewandert, weil allein sein ältester Bruder das Geschäft der Familie geerbt hatte.

Bilderbuchkarriere: Vom armen Drechsler zum größten Spielzeugfabrikanten

Mit 17 Jahren machte sich der gelernte Drechsler 1866 auf den Weg über den Atlantik und hielt sich zunächst mit der Reparatur von Spielzeugklavieren über Wasser, bis er seine eigenen, sehr viel stabileren Miniklaviere entwickelte. Der Startschuss für eine sensationelle Karriere. 1912 betreibt Schönhut die größte Spielzeugfabrik der Welt. In diesem Fall hat sich der Traum vom schönen, erfolgreichen Leben in Amerika voll erfüllt.

American Dreams. Sonderausstellung im Haus der Geschichte
Spielzeugklavier der Firma Schönhut, um 1907. Mit diesen Miniklavieren, die über eine stabile Metallmechanik verfügten, machte sich der Spielzeugmacher Albert Schönhut 1872 in Philadelphia selbstständig.

Auf den Spuren der Erfolglosen

Die, die nicht das große Glück fanden, sollten aber dennoch ihren Platz in der Ausstellung finden, obwohl sie in der Regel keine großen Spuren hinterlassen haben. Über ein Protokollbuch der bereits 1764 gegründeten Deutschen Gesellschaft in Amerika, einer Art Hilfsorganisation für Neuankömmlinge, konnte Franziska Dunkel dennoch den ein oder anderen Lebensmoment erhellen, etwa aus dem Leben von Fritz Neumann aus Freiburg, einem Koch, der von der Deutschen Gesellschaft einen Anzug für ein Vorstellungsgespräch bekam.

Das war uns ein großes Anliegen, dass wir auch Geschichten erzählen von den Auswander*innen, die nicht das große Glück in Amerika gemacht haben.

American Dreams. Sonderausstellung im Haus der Geschichte
Lebensgeschichten von Menschen, die vom deutschen Südwesten in die USA gegangen sind. Jeder Biographie ist eine eigene Vitrine gewidmet.

Und weil der Mann einen guten Eindruck machte, bekam er auch noch 3 Mahlzeiten und 1x Schlafen, heißt es in dem Schreiben der Gesellschaft, die es sich ausdrücklich zur Aufgabe gemacht hatte, nur arbeitsame und redliche Landsleute zu unterstützen.

Was bewegt Menschen, ihre Heimat zu verlassen?

Warum Menschen ihre Heimat verlassen? Diese Frage hinter der Ausstellung könnte aktueller nicht sein, meint die Direktorin vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg Paula Lutum-Lenger: „Da gibt es ja viele Ursachen. Es muss nicht immer – das erleben wir zurzeit – Flucht vor Krieg und Krise sein. Es geht auch in einigen Fällen darum, gerade bei den jüdischen Deutschen das Leben zu retten, das Land zu verlassen, um sein Leben zu retten. Aber es geht auch darum, dass Menschen aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen und woanders ihr Glück versuchen wollen.“

Flucht nach der gescheiterten Revolution von 1848/49

Der „American Dream“ – für einen armen Bauernsohn aus Leidringen ging er mit dem Goldfund am Klondike tatsächlich in Erfüllung. Ins Land der Freiheit flüchteten sich nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 viele Liberale aus Baden und Württemberg.  

"Der Konstanzer Bürgermeister Karl Hüetlin beruhigt 1848 die Aufsändischen" (Zeichnung, aquarelliert, 1888, von Carl von Häberlin)
Badische Revolution: „Der Konstanzer Bürgermeister Karl Hüetlin beruhigt 1848 die Aufständischen“ (Zeichnung aquarelliert, 1888, von Carl von Häberlin)

Amerika – für viele das gelobte Land des freien Glaubens 

Der radikalpietistische Bäckergehilfe Conrad Beissel aus Eberbach sah für sich in der katholischen Kurpfalz keine Zukunft und schiffte sich 1720 nach Übersee ein. In dem von ihm später gegründeten Kloster führte er ein hartes Regiment: maximal sechs Stunden Schlaf auf einer schmalen Eckbank waren erlaubt. Zum Unterschieben gab es ein Kopfkissen – aus Holz.

American Dreams. Sonderausstellung im Haus der Geschichte
Nackenstütze für Pietistenträume: Im Kloster Ephrata mussten die Gläubigen auf einem hölzernen Kopfkissen schlafen. Hinter dem Original um 1740 ist ein Modell von Schwesternhaus und Gebetshaus in Ephrata, Pennsylvania, zu sehen.

32 Lebensgeschichten, viele überraschende Momente versammelt diese Ausstellung, die vor allem auf die Magie der Objekte setzt und sehr dosiert mit Inszenierungen arbeitet. Eine auch ästhetisch sehr gelungene, spannende Spurensuche. 

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