Die Geschichte einer Ausstellung

70 Jahre documenta in Kassel: Über künstlerische Triumphe und Abstürze

Stand

Von Autor/in Wilm Hüffer

Kunst soll die Gesellschaft bewegen und formen – aus diesem Gedanken entstand Kasseler documenta. Seit 1955 vermittelt sie leitende Ideen der Gegenwartskunst, stets begleitet von Kontroversen.

Kunst ist nicht da, um musealisiert zu werden. Seit 70 Jahren vermittelt die Kasseler documenta deshalb leitende Ideen der Gegenwartskunst, als Schaufenster der Gesellschaftskritik und neuer Utopien. Eine Geschichte künstlerischer Triumphe und Abstürze.

1955: Werner Haftmann und die abstrakte Kunst

Der umstrittene erste Kurator der documenta, Werner Haftmann, am Rednerpult, während der Eröffnung der zweiten Ausstellung von 1959.
Werner Haftmann bei der Eröffnung der documenta von 1959. Vor ihm der damalige hessische Ministerpräsident Georg August Zinn mit seiner Frau, rechts documenta-Initiator Arnold Bode.

Nach dem Krieg sollte die documenta den Weg zu einer freien Kunst ebnen. Das Ziel: Eine Öffnung zur Moderne, nach der Nazi-Hetze gegen die sogenannte „entartete Kunst“.

Eines der Probleme: Ko-Gründer Werner Haftmann war selbst ehemaliges NSDAP-Mitglied und im Krieg in Italien mutmaßlich an der Folterung von Partisanen beteiligt. Lieblingsmaler des Kunsthistorikers blieb der NS-Sympathisant Emil Nolde.

Haftmanns Plädoyer für abstrakte Kunst ließ rückblickend viele Fragen offen. Vor allem, weil er den Einfluss jüdischer Künstler auf die Moderne mehrfach kleinredete. Bei der documenta-Premiere 1955 war außer Marc Chagall kein jüdischer Künstler vertreten.

1972: Aus musealem Staub zum 100-Tage-Ereignis

documenta 1972: US-Künstler Edward Kienholz lässt sich Harry Kramer und einem Helfer am Kopf eingipsen.
1972 ließ sich US-Künstler Edward Kienholz von Harry Kramer am Kopf eingipsen. Kramer fertigte Gipsabdrücke aller Künstler der documenta 5 an.

In den 1970er-Jahren wurde die documenta erstmals zum Schauplatz für künstlerische Aktion. Mit dem Schweizer Kurator Harald Szeemann zog das Politische in die Kunst ein.

Aus dem „Museum der 100 Tage“ wollte Szeemann ein „100-Tage-Ereignis“ machen. Kunstwerke und Aktionen sollten dem Publikum auf den Leib rücken, ohne Distanz.

Bildhauer Harry Kramer fertigte live von allen vertretenen Künstlerinnen und Künstlern Gipsabdrücke, unter anderem vom Amerikaner Edward Kienholz. Zu sehen war auch die „Luftblase Nr. 7“, eine geniale Installation der Architektengruppe Haus-Rucker-Co.

1982: Joseph Beuys beginnt 7.000 Eichen zu pflanzen

Joseph Beuys 1982 vor einer Halde von Basaltsteinen, die als Fassung für 7.000 Eichen dienen.
Joseph Beuys 1982 vor einer Halde von Basaltsteinen. Sie dienten als Fassung für 7.000 Eichen, die in Kassel während der darauffolgenden Jahre gepflanzt wurden.

„Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Das stabreimartige Motto von Joseph Beuys mündete 1982 in eine der größten Aktionen der documenta-Geschichte.

Nach der Worterfindung von 1979 entstand die Idee, 7.000 Eichen im Kasseler Stadtgebiet zu pflanzen, von Basaltsteinen eingefasst, die sich zunächst auf dem documenta-Gelände türmten. Das Ende der Aktion hat Beuys selbst nicht mehr erlebt. Sein Sohn Wenzel pflanzte 1987 die letzte Eiche.

2007: Turm von Ai Weiwei aus chinesischen Türen und Fenstern

Der chinesische Kuenstler Ai Weiwei 2007 bei der documenta 12 vor seiner zwölf Meter hohen Holzkonstruktion „Template“.
Ai Weiwei 2007 bei der documenta 12 vor seiner Holzkonstruktion „Template“. Der Turm bestand aus Holzfenstern und Türen zerstörter Häuser aus China.

Der 12 Meter hohe Turm von Ai Weiwei gehört zu den berühmtesten Installationen der documenta. Der Künstler hatte ihn aus Türen und Fenster abgerissener chinesischer Häuser errichtet. Ein Fanal gegen die Kulturzerstörung in China.

Besonders tragisch: Ein Unwetter zerstörte die riesige Installation nach wenigen Tagen. Nur ein Trümmerhaufen blieb übrig. Der Künstler selbst blieb davon unbeeindruckt. So sei es sogar noch viel besser, erklärte Ai Weiwei.

2022: Der Antisemitismus-Skandal um „Ruangrupa“

Das Großbanner „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi wird noch während der documenta 2022 abgebaut.
Das Großbanner „People’s Justice“ des Künstlerkollektivs Taring Padi musste noch während der documenta 2022 abgebaut werden.

Dieser Skandal wäre fast zum Ende der documenta geworden. Unter dem Banner eines vereinten „globalen Südens“ zeigte das indonesische Künstler-Kollektiv „Ruangrupa“ offen antisemitische Motive.

In Propagandafilmen wurde der Terror palästinensischer Gruppierungen und der Japanischen Roten Armee gefeiert. Kollektiv und documenta-Beirat hätten die Schau in die Geiselhaft für politische Positionen genommen, lautete später die Kritik.

Das Banner „People’s Justice“ der Gruppe „Taring Padi“ musste noch während der documenta wieder abmontiert werden. Es zeigte unter anderem einen Soldaten mit einer Schweinsfratze, einem Davidstern und dem Wort „Mossad“ auf dem Helm.

2025: Neuanfang mit Naomi Beckwith

Naomi Beckwith, die neue Kuratorin der documenta, 2015 in Chicago vor einer Installation von Nari Ward, „We the people“
Naomi Beckwith, die neue Kuratorin der documenta, 2015 in Chicago vor einer Installation von Nari Ward, „We the people“

Auf ihr ruhen jetzt die Hoffnungen der documenta: Naomi Beckwith, zuvor Chefkuratorin des Guggenheim Museums in New York.

Bei ihrem Antrittsbesuch in Kassel machte die 49-Jährige im März eine unmissverständliche Ansage: Für Debatten und Diskussionen sei sie offen, werde aber „keine physische, verbale oder symbolische Gewalt gegen andere dulden“.

Den utopischen Charakter der documenta will sie erneuern, in einer von Krisen gekennzeichneten Zeit. Wie das gehen soll? In Chicago posierte die Kuratorin schon 2015 vor einer Installation von Nari Ward mit den Anfangsworten der US-Verfassung, „We the people“.

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Die documenta fifteen endet: Was bleibt von der deutschen Erinnerungspolitik?

Die documenta fifteen geht zu Ende – und nicht wenige Menschen würden jetzt hinzufügen: endlich. Was geht, wenn die größte deutsche Kunstausstellung für viele ein Fiasko ist? Die eine Seite beklagt, mit der Documenta habe man Antisemitismus in Deutschland wieder öffentlich ausstellen können, während die andere Seite meint, hinter der Kritik an den Künstler:innen stünde Rassismus.  Ein Scherbenhaufen also, zumindest in der öffentlichen Debatte.

Und was bleibt nun im Nachhinein von dieser documenta fifteen? Lässt sich aus diesem Scherbenhaufen etwas machen – zum Beispiel eine Auseinandersetzung über die deutsche Geschichts- und Gedenkpolitik und die Frage, welchen Platz die kolonialen Verbrechen darin neben der Shoah einnehmen können?

Als gescheitert würde die Journalistin Charlotte Wiedemann die documenta nicht bezeichnen. Wiedemann hat viel aus dem Ausland berichtet und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie hat die documenta besucht und dort viele Anregungen gefunden, die sie in der deutschen Debatte vermisst hat: “Über die documenta würde eine Glocke der Deutschtümelei gestülpt. Das Problem war für mich nicht die documenta selbst, sondern unser Umgang damit.” 

Anders sieht das der Kunstkritiker Hanno Rauterberg, er sagt, die mangelnde Kommunikationsbereitschaft habe den Austausch erschwert: “Der Kollektiv-Gedanke der documenta hat Kritik an einzelnen Künstlern erschwert.” Schnell habe es geheißen, Kritik meine nicht den Einzelnen, sondern alle und damit die gesamte documenta. Kritik sei deshalb von Ruangrupa schnell als rassistisch wahrgenommen worden.

Und auch der Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und engagiert hätte sich gewünscht, dass die verschiedenen Seiten wirklich miteinander ins Gespräch kommen: „Es wurde zwar viel debattiert, aber da war das Gefühl, dass man aneinander vorbeiredet.“

Viel Stoff also für eine Debatte über die deutsche Erinnerungspolitik!

Charlotte Wiedemanns Buch „Den Schmerz der anderen begreifen“ ist im Mai 2022 bei Ullstein erschienen.

Unterschiedliche Positionen und Erklärungsansätze zur documenta-Debatte findet ihr in der Ausgabe 09/2022 von Politik & Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats – alles abrufbar unter https://politikkultur.de/archiv/ausgaben/nr-9-22/

Die Bildungsstätte Anne Frank, deren Direktor Meron Mendel ist, hat eine Podiumsdiskussion zu Kunst und Antisemitismus veranstaltet, die ihr hier anschauen könnt: https://www.bs-anne-frank.de/events/kalender/zum-antisemitismusskandal-auf-der-documenta-fifteen

Bei „Was geht, was bleibt“ haben wir uns schon öfter mit den Themen Kolonialismus und Erinnerungspolitik beschäftigt, zum Beispiel in diesen beiden Folgen:
https://www.swr.de/swr2/programm/blinder-fleck-der-erinnerungskultur-unser-kolonialistischer-blick-nach-osteuropa-100.html
https://www.swr.de/swr2/programm/rueckgabe-von-raubkunst-dekolonisierung-oder-reine-symbolpolitik-100.html

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Pia Masurczak
Redaktion: Pia Masurczak und Kristine Harthauer

Kassel

Bitte kein Skandal Naomi Beckwith übernimmt künstlerische Leitung der documenta 16

Naomi Beckwith vom Guggenheim Museum in New York übernimmt 2027 die Leitung der documenta 16. Gelingt der erfahrenen Kuratorin eine Abkehr von den Kontroversen der documenta 15?

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Gespräch „Die documenta hat von Anfang an politische Fragen in den Kunstraum getragen“

Die Weltkunstausstellung feiert 70-jähriges Jubiläum. Trotz der Skandale bleibe sie ein bedeutendes Schaufenster für internationale Kunst, findet Kunstkritikerin Saskia Trebing.

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