Kunst ist nicht da, um musealisiert zu werden. Seit 70 Jahren vermittelt die Kasseler documenta deshalb leitende Ideen der Gegenwartskunst, als Schaufenster der Gesellschaftskritik und neuer Utopien. Eine Geschichte künstlerischer Triumphe und Abstürze.
- 1955: Werner Haftmann und die abstrakte Kunst
- 1972: Aus musealem Staub zum 100-Tage-Ereignis
- 1982: Joseph Beuys beginnt 7.000 Eichen zu pflanzen
- 2007: Turm von Ai Weiwei aus chinesischen Türen und Fenstern
- 2022: Der Antisemitismus-Skandal um „Ruangrupa“
- 2025: Neuanfang mit Naomi Beckwith
1955: Werner Haftmann und die abstrakte Kunst
Nach dem Krieg sollte die documenta den Weg zu einer freien Kunst ebnen. Das Ziel: Eine Öffnung zur Moderne, nach der Nazi-Hetze gegen die sogenannte „entartete Kunst“.
Eines der Probleme: Ko-Gründer Werner Haftmann war selbst ehemaliges NSDAP-Mitglied und im Krieg in Italien mutmaßlich an der Folterung von Partisanen beteiligt. Lieblingsmaler des Kunsthistorikers blieb der NS-Sympathisant Emil Nolde.
Haftmanns Plädoyer für abstrakte Kunst ließ rückblickend viele Fragen offen. Vor allem, weil er den Einfluss jüdischer Künstler auf die Moderne mehrfach kleinredete. Bei der documenta-Premiere 1955 war außer Marc Chagall kein jüdischer Künstler vertreten.
1972: Aus musealem Staub zum 100-Tage-Ereignis
In den 1970er-Jahren wurde die documenta erstmals zum Schauplatz für künstlerische Aktion. Mit dem Schweizer Kurator Harald Szeemann zog das Politische in die Kunst ein.
Aus dem „Museum der 100 Tage“ wollte Szeemann ein „100-Tage-Ereignis“ machen. Kunstwerke und Aktionen sollten dem Publikum auf den Leib rücken, ohne Distanz.
Bildhauer Harry Kramer fertigte live von allen vertretenen Künstlerinnen und Künstlern Gipsabdrücke, unter anderem vom Amerikaner Edward Kienholz. Zu sehen war auch die „Luftblase Nr. 7“, eine geniale Installation der Architektengruppe Haus-Rucker-Co.
1982: Joseph Beuys beginnt 7.000 Eichen zu pflanzen
„Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Das stabreimartige Motto von Joseph Beuys mündete 1982 in eine der größten Aktionen der documenta-Geschichte.
Nach der Worterfindung von 1979 entstand die Idee, 7.000 Eichen im Kasseler Stadtgebiet zu pflanzen, von Basaltsteinen eingefasst, die sich zunächst auf dem documenta-Gelände türmten. Das Ende der Aktion hat Beuys selbst nicht mehr erlebt. Sein Sohn Wenzel pflanzte 1987 die letzte Eiche.
2007: Turm von Ai Weiwei aus chinesischen Türen und Fenstern
Der 12 Meter hohe Turm von Ai Weiwei gehört zu den berühmtesten Installationen der documenta. Der Künstler hatte ihn aus Türen und Fenster abgerissener chinesischer Häuser errichtet. Ein Fanal gegen die Kulturzerstörung in China.
Besonders tragisch: Ein Unwetter zerstörte die riesige Installation nach wenigen Tagen. Nur ein Trümmerhaufen blieb übrig. Der Künstler selbst blieb davon unbeeindruckt. So sei es sogar noch viel besser, erklärte Ai Weiwei.
2022: Der Antisemitismus-Skandal um „Ruangrupa“
Dieser Skandal wäre fast zum Ende der documenta geworden. Unter dem Banner eines vereinten „globalen Südens“ zeigte das indonesische Künstler-Kollektiv „Ruangrupa“ offen antisemitische Motive.
In Propagandafilmen wurde der Terror palästinensischer Gruppierungen und der Japanischen Roten Armee gefeiert. Kollektiv und documenta-Beirat hätten die Schau in die Geiselhaft für politische Positionen genommen, lautete später die Kritik.
Das Banner „People’s Justice“ der Gruppe „Taring Padi“ musste noch während der documenta wieder abmontiert werden. Es zeigte unter anderem einen Soldaten mit einer Schweinsfratze, einem Davidstern und dem Wort „Mossad“ auf dem Helm.
2025: Neuanfang mit Naomi Beckwith
Auf ihr ruhen jetzt die Hoffnungen der documenta: Naomi Beckwith, zuvor Chefkuratorin des Guggenheim Museums in New York.
Bei ihrem Antrittsbesuch in Kassel machte die 49-Jährige im März eine unmissverständliche Ansage: Für Debatten und Diskussionen sei sie offen, werde aber „keine physische, verbale oder symbolische Gewalt gegen andere dulden“.
Den utopischen Charakter der documenta will sie erneuern, in einer von Krisen gekennzeichneten Zeit. Wie das gehen soll? In Chicago posierte die Kuratorin schon 2015 vor einer Installation von Nari Ward mit den Anfangsworten der US-Verfassung, „We the people“.