Hörspiel

Trieb. (Punkt) Krieg

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AUTOR/IN
Luise Voigt und August Stramm

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Die Theater- und Hörspielmacherin Luise Voigt entwirft eine von Rhythmus und Klang getriebene Collage der Texte August Stramms - mit Manuel Harder lotet sie Grenzen maskuliner Lebens-, Liebes- und Todessehnsucht aus.

Der Postsekretär Stramm zählt zu den radikalsten Dichtern des Frühexpressionismus. Er fiel 1915 im Ersten Weltkrieg. Sex, Kampf, Verführung, Krieg, Verzweiflung, Tod - seine Sprache arbeitet mit der Auflösung syntaktischer, grammatischer und semantischer Strukturen, verwendet verkürzte Wörter, Neologismen und Ein-Wort-Zeilen. Ist ekstatisch wie feinfühlig, weiß um den Blues.

"Ich sitze in einem Erdloch, genannt Unterstand! famos! Obendrauf klatscht es ununterbrochen! Klack! Klack! Scht.summ! Das ist die Ethik des 20. Jahrhunderts. Und neben mir aus der Wand ringeln sich einige Regenwürmer. Das ist die Ästhetik des 20. Jahrhunderts."

Mit: Manuel Harder
Körperarbeit: Minako Seki
Musik: Friederike Bernhardt
Regie: Luise Voigt
Produktion: SWR 2023 - Premiere

Portrait Luise Voigt (Foto: Luise Voigt)
Autorin und Regisseurin Luise Voigt

Interview von Manfred Hess mit Luise Voigt

„ICH WOLLTE NICHT VON VORNHEREIN BEWERTEN“ 

Gespräch von Manfred Hess mit Luise Voigt zu ihrem Hörspiel „Trieb. (Punkt) Krieg. Mit Texten von August Stramm“. 
Stand: 28.6.2023

MANFRED HESS
Wenn ich mich recht erinnere, ist es mehr als drei Jahre her, also kurz vor Beginn der Corona-Epidemie, dass wir uns über den Dramatiker und Dichter August Stramm unterhalten haben. Jetzt endlich liegt das Hörspiel vor, und zwar, meiner Meinung nach, in einer Aneignung des Textmaterials, die über eine klassische Bearbeitung weit hinausgeht. Es ist ein Werk geworden von Luise Voigt, Jahrgang 1985, das mit Texten von August Stramm, gestorben 1915 an der Front im I. Weltkrieg arbeitet. Dieses Stück geht über die konkrete historische Figur Stramm und ihre Texte weit hinaus und lässt darin ganz aktuell, Assoziationen zu Krieg, Männlichkeit, Schönheit, existenzieller Hybris und Zerbrechlichkeit anklingen. Und dazu bricht es auf in den Kunst- und Erlebnisraum des A-Semantischen, Rhythmisch-Musikalischen, dessen Intimität im Hör-Raum sich besonders intensiv entwickeln kann.
Liebe Luise Voigt, könnten Sie, um auf dem Boden zu bleiben, erst einmal Ihre Reise mit dem Text umschreiben?

LUISE VOIGT
Ich erinnere mich, wie mich Stramms Lyrik und Briefe in ihrem Gestus sofort angesteckt haben. Mit Gestus meine ich seinen Ausdruckskampf, sein Ringen um Sprache für das Grauen des ihn umgebenden Krieges und damit um Sprache an und für sich. Diese Grundenergie habe ich aufgenommen und aus ihr heraus habe ich angefangen zu collagieren, zu kombinieren und natürlich zu destillieren. Alles war geleitet von meinem unmittelbaren Erleben seiner Texte. Diese unmittelbare wie dann künstlerisch kontrollierte Herangehensweise scheint mir, rückblickend, mit dem frühexpressionistischen Ansatz sehr eng verwoben und sollte dann auch alle meine weiteren Schritte prägen. In dem Zeitraum der Erstellung des Manuskripts habe ich außerdem am Theater „Draußen vor der Tür“ inszeniert und war durchdrungen von der Kriegsthematik, die zur damaligen Zeit gesamtgesellschaftlich keine große Rolle spielte. Drei Jahre später holten wir das Manuskript wieder aus der Schublade – der Ausbruch des Ukraine-Kriegs war nicht lange her – und ich las es, etwas überrascht, erneut: es wirkte wie das rechte Stück zur Stunde.

MANFRED HESS
Was hat Sie als Frau einer jüngeren, politisch denkenden Generation von Künstlerinnen und Künstlern, für die ich das Stichwort „Wokeness“ einmal aufgreifen möchte, an diesem Text interessiert?

LUISE VOIGT
Ich würde sagen, vor drei Jahren etwas Anderes als heute. Und mit der Wokeness-Generation lesen Sie mich wohl ein wenig zu jung. Ich bin, glaube ich, genau die Generation dazwischen, die aber vielleicht ganz wunderbar in dem derzeitigen Generationskonflikt vermitteln kann.

Vor drei Jahren war es ein Thema mit Tiefe und eine künstlerisch verheißungsvolle Form. Heute ist es eine intensive Auseinandersetzung mit dem in Europa lange Zeit nicht mehr präsenten gesellschaftlichen Ist-Zustand (Die Konfrontation mit einem imperialistisch motivierten Angriffskrieg). Wobei ich das Wort Auseinandersetzung sehr ernst meine. August Stramm war keineswegs kriegskritisch. Er ist, wie viele frühe Expressionisten, mit einer regelrechten Kriegslust an die Front gezogen, gesteigert bis zur Kriegserotik. Das zerbrach dann ziemlich schnell angesichts des realen Schreckens, womit Stramm auch die Entwicklung der Expressionisten von Kriegsbefürwortern zu Kriegskritikern vorwegnahm. Und ich wollte diesen Weg mitgehen und nicht schon von Vornherein bewerten. Ich glaube, nicht wenige haben in den letzten anderthalb Jahren eine Vergeltungslust in sich entdeckt. Kriegsrhetorik, Eskalationsdynamiken, Freund-Feind-Denken – all das ist wieder da und noch vor einer halben Stunde hieß es „Nie wieder Krieg“. Das ist doch immens, wie sich ein gesamtgesellschaftliches Mindset quasi über Nacht ändern oder sogar in sein Gegenteil verwandeln kann. Und ich wollte dieses Phänomen keinesfalls „entlasten“, indem ich schon von Vornherein die bürgerlich, kritische und damit auch eingehegte, korrekte Position einnehme. Ich wünsche mir, dass man mit dem Stück eine Selbsterfahrung macht, mit sich selbst in Kontakt kommt in Bezug auf diese Fragen.

MANFRED HESS
Könnte aber darin nicht auf ein Gefahr liegen, wenn man die Lust an der (Selbst-)Zerstörung und (Fremd-)Vernichtung, der schmale Grat, der mit Krieg verknüpft ist, gerade heute thematisiert? Gefühle sind nicht zuletzt verführerisch und immunisieren gegen Argumente.

LUISE VOIGT 
Dazu hört man ihn zu sehr darum ringen, und das in existentiellem Maße. Und auch in den Momenten der Kriegserotik hört man keinen eingemauerten Ideologen und niemals auch nur einen Hauch Sendungsbewusstsein. Man hört eher ein gehetztes, in seiner Erregung fast irrsinniges Tier. Und das ist für mich ein untrügliches Zeichen für Weltliteratur: das sich der umgebenden Welt Aussetzen wie eine offene Wunde. Und trotz aller Verluste, die damit einhergehen (Stabilität, Selbstbewusstsein, Identität). Wenn das jemand gewagt und zu Papier gebracht hat, vielleicht auch, weil es nicht anders ging, schenkt uns das die ganz seltene Chance, uns mit unseren eigenen Abgründen auseinanderzusetzen. Und zwar ohne, dass das im Nachhinein zu irgendeiner alltagstauglichen bürgerlichen Positionierung oder Meinungsbildung geeignet wäre. Sprich, diese Literatur lässt sich nicht oder nur sehr schlecht instrumentalisieren, sondern rührt an etwas Intimes, Altes. Ich denke, niemand, der noch ganz bei Trost ist, könnte diesem Stück unterstellen, es würde den Krieg befürworten oder es könnte Befürwortern in die Hände spielen. Dazu müsste man schon sehr absichtlich an dem Vorbeihören und Vorbeiempfinden, was es ist.

MANFRED HESS
Wie kam es zu der Besetzung?

LUISE VOIGT
Bei meiner letzten Hörspielarbeit „Die Polizey“, die auf einem Theatertext von Björn SC Deigner beruhte, hatte ich Manuel Harder ebenfalls besetzt; und da dachte ich, er ist der richtige für den Stramm. Ich kenne ihn natürlich auch von der Bühne. Neben seiner großen Genauigkeit ist er eben auch in der Lage, sich in die Verausgabung und ins Unbekannte zu stürzen. Und ich wusste, dass ich die Bereitschaft dazu für diese Arbeit brauchen würde. 

MANFRED HESS
Was verleitete Sie, die japanische Butoh-Tänzerin und Choreografin Minaki Seki in den Wortaufnahmeprozess miteinzubeziehen?

LUISE VOIGT
Stramms Lyrik entsteht aus der unmittelbaren und unausweichlichen Konfrontation mit dem Kriegsgeschehen. Daher habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, für Manuel Harder einen unvorhersehbaren, potenziell gefährlichen – nennen wir es - ‚Umraum“ zu schaffen, der Impulse für die Arbeit am Text liefert. Und diesen ‚Umraum‘ hat Minako Seki gestaltet, indem sie stumm mit ihm im Aufnahmeraum war und ihm von außen körperliche Impulse gegeben hat. Das funktionierte auch deshalb, da Manuel Harder sich dazu bereit erklärt hatte, die Gedichte auswendig zu lernen, so dass er nicht ablesen musste. Das ist ungewöhnlich für Hörspielarbeiten, da Proben- und Aufnahmeprozess selten mehr als 2-3 Tage dauern. Auch haben wir den Aufnahmeraum so mikrofoniert, dass sich Harder und Seki frei bewegen konnten und er nicht in ein bestimmtes Mikrofon an einem bestimmten Ort im Raum sprechen musste. Bewusst haben wir auch die Chronologie des Skriptes aufgebrochen, suchten gemeinsam 'turning points', bei denen Harder in die verschiedenen Texte, Gedichte je nach emotionalem Bedürfnis „springen“ konnte. Kurz: Alles war erlaubt (Luise Voigt schmunzelt).

MANFRED HESS
Ihr Stück ging nicht nur bei den Wortaufnahmen andere Wege als sie im Hörspiel sonst üblich sind. Sie haben von vornherein produktionstechnisch sich vorbehalten, anders zu produzieren. In der Regel sind in der ersten Woche beim Hörspiel fünf Tage für die Wort-Aufnahme und den ersten Grobschnitt kalkuliert und weitere fünf Tage für Reinschnitt mit Mischung. Sie haben auf eine modulare Arbeit bestanden, mit zahlreichen kleinen Blöcken, sodass am Ende alles sich über fast zwei Monate erstreckte...

LUISE VOIGT
Wir hatten drei Aufnahmetage mit Manuel Harder, die, wie oben beschrieben, vor allem von einem improvisatorischen „Jamsession“-Charakter geprägt waren. Ich trug nun also einen großen Berg unsortiertes Material nach Hause, in dem zu ertrinken ich große Lust hatte. Dann habe ich vier Wochen lang geschnitten, wobei ich mich selbst ebenfalls in einen Zustand des unmittelbaren Erlebens begeben habe. In diesem Prozess diente mir mein Skript eher als grobe Richtschnur denn als akribisch zu folgender Vorlage bzw. Vorgabe. Entstanden ist für mich dann so eine Art Sprachkomposition, zu der, und das kam als weiteres Element noch hinzu, die Komponistin Friederike Bernhardt ebenfalls in einem live-Modus die Musik erstellt hat. Wir hatten hier ganz bewusst entschieden, dass sie kein Manuskript bekommt und unmittelbar auf das, was sie als Audiomaterial hört und erlebt, reagiert. In einem letzten Schritt war ich dann mit Jean Szymczak noch einmal fünf Tage im Studio, wo wir alles zusammengebracht und gemischt haben.

MANFRED HESS
Diese die Improvisation nutzende Produktionsweise ist natürlich nur möglich, indem bei der Vormischung und Vormontage die Künstler über die Produktionsmittel verfügen. Mit der heutigen Entwicklung der Computertechnik sind sie bezahlbar geworden. Aber das große Mischungsstudio mit einem ausgebildeten Toningenieur oder Tonmeister als Partner ist trotzdem nicht zu ersetzen. Haben Sie dort zumindest nach Plan gearbeitet?

LUISE VOIGT
Natürlich ist es mir eine Freude, meine Arbeitsweise auch in diesen Kontexten zu erproben (Sie lacht) Sie können also davon ausgehen, dass wir auch hierbei sehr experimentierfreudig gewesen sind. Jean Szymczak ist ein Meister seines Faches und er weiß, dass Kunst nicht nach den Prinzipien eines „9 to 5“-Jobs entsteht.

MANFRED HESS
Sprechen wir über die Künstlerin Luise Voigt. Seit Ihrem Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen, u.a. bei Heiner Goebbels, haben Sie das Hörspiel immer wieder als Gefäß oder Medium angesehen, ihre künstlerische Fantasie herauszufordern. Das begann mit Ihren eher musikalisch-rhythmisch konzipierten O-Ton-Arbeiten und Autorenstücken „hoergenau“ 2010 für den hr oder „Weltall Erde Mensch“ für den SWR, dem dann Stücke auf dem Konzept der Gruppenperformance folgten wie „The Black Hole Radio“ oder „Ausbrennen“ über die Ausbeutung der kreativen Arbeitskraft – und es führte sogar bis zur klassischen Literaturadaption mit Annie Ernauxs „Die Jahre“ 2018. Auch in diesem Metier bewiesen Sie Ihre handwerkliche wie künstlerische Meisterinnenschaft. Etwas provozierend gefragt, wurden Sie mit den Jahren konventioneller im Erzählen und Produzieren?

LUISE VOIGT
Nein, unkonventioneller. (Manfred Hess lacht) Man kann unkonventionell arbeiten, weil man jung und experimentierfreudig ist und sich zum / oder vor allem gegen das Establishment positionieren will, was super und richtig ist. Aber erst, wenn man das Medium kennt und sein Handwerk beherrscht und alle möglichen Formen ausprobiert hat, ist unkonventionelles Erzählen eine Entscheidung und eine gewachsene Überzeugung. Andernfalls, also wenn es sich nicht abgleicht, droht es postpubertär zu bleiben. Ich verweise in Sachen unkonventionelles Erzählen gerne auf meine drei jüngsten Arbeiten „Fünf Flure, eine Stunde.“, „Die Polizey“ – und nun „Trieb. (Punkt) Krieg“. Aber auch mein Hörspiel „Die Jahre“, das wohl so eine Art Blockbuster des Hörspiels in Deutschland geworden ist und Sie vermutlich zu dieser Frage anstiftet, erzählt keinesfalls konventionell; das hatte mir Annie Ernaux nämlich bereits abgenommen.

MANFRED HESS
Dem Hörspiel fehlt das stumme Spiel der Schauspielenden, Handlungsparallelführungen, Requisite und Kostüm und Licht und Bühnenbild – sie sind mittlerweile an großen Häusern beschäftigt und eine viel gefragte Regisseurin und Bearbeiterin am Theater. Warum reizt Sie das Hörspiel mit seiner Arbeit im Studio immer noch?

LUISE VOIGT
Für mich handelt es sich beim Theater, wie beim Hörspiel, um eigenständige und gleichberechtigte Kunstformen. Auch wenn sie Überschneidungen haben und das Hörspiel wesentlich schlechter bezahlt ist, sind das zwei voneinander unabhängige künstlerische Kosmen; und da ich Künstlerin bin bewege mich in beiden gleichermaßen fasziniert - und gerne bis zur Erschöpfung. Aber ausbeuten lasse ich mich ungerne. (Sie lacht) Das Hörspiel der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die immerhin Gebühren bekommen, sollten also pfleglich mit seinen KünstlerInnen umgehen. Aber sollte es sich bewahrheiten, dass die Rundfunkanstalten trotz Kulturauftrag etc. nicht einstehen für die einzige Kunstform des Rundfunks, bin ich als jemand, die nun seit 15 Jahren bar jeder Vernunft in dieses Medium mehr investiert hat, als ich jemals aufrechnen könnte, sowas von weg. Meine Beziehung zum Hörspiel ist eine Liebesbeziehung zu einer Kunstform. Und ich lasse mich nicht abservieren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Kunst überlebt sowieso, das beweist uns die Geschichte, es ist immer nur die Frage: Wo findet sie statt. Will sagen, ich werde definitiv weiter Hörspiele machen, aber im Ernstfall nicht da, wo man nicht versteht, was das heißt.

MANFRED HESS
Frau Voigt, ich danke für das Gespräch

Hörspiel von Luise Voigt

Hörspiel Luise Voigt: Ausbrennen

Die Selbst-Ausbeutung kreativer Arbeitskraft spiegeln „Arbeiterlieder- und biografien“, die von der Kunst zwischen Dystopie und sinnstiftender Utopie, Lustgewinn und Selbstzerstörung erzählen. 

SWR2 Ohne Limit (bis 2 Uhr) SWR2

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AUTOR/IN
Luise Voigt und August Stramm