Everything Everywhere All at Once

Siebenfacher Oscar-Gewinner

Familiendrama im Multiversum: Darum ist „Everything Everywhere All at Once“ der verdiente Oscar-Hit

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Dominic Konrad

Zwei Golden Globes, vier Screen Actors Guild Awards und jetzt sieben Oscars: „Everything Everywhere All at Once“ ist der Überraschungshit der diesjährigen Filmpreis-Saison. Wie hat die low-budget-Produktion das geschafft?

Everything Everywhere All at Once
Waschsalonbesitzerin und Kungfu-Heldin: Michelle Yeoh in „Everything Everywhere All at Once“

Komplex, wirr und gerade deshalb großartig

Multiversen stehen im Kino hoch im Kurs: Marvel lässt seine Helden durch verschiedenste Dimensionen reisen, rollt damit längst auserzählte Handlungsbögen neu auf und holt Fan-Lieblinge zurück auf die Leinwand. Dabei geht Multiverse auch ohne Riesenbudget.

Das Independent-Juwel „Everything Everywhere All at Once“ haben die Regisseure Dan Kwan und Daniel Scheinert mit gerade einmal einem Budget von 25 Millionen Euro gedreht und schaffen dabei in knapp 140 Minuten ein dichtes, spannunsgreiches, emotionales und absurd-komisches Stück Filmkunst, das die Riesenblockbuster des MCU alt aussehen lässt. Das wurde mit dem Oscar für die beste Regie belohnt.

Anfangs kommt der Film wie eine Milieustudie daher: Evelyn Wang ist eine in China geborene Waschsalonbesitzerin. Zermürbt stellt sie sich dem alltäglichen Stress mit den Kunden, dem Finanzamt, der distanzierten Tochter und den eigenen Eheproblemen.

Dann wird sie plötzlich als Auserwählte in den multidimensionalen Kampf zwischen Gut und Böse gezogen und muss lernen, zwischen mehreren Parallelwelten zu springen, in denen ihr Leben eine völlig andere Wendung genommen hätte: mal als Kungfu-Filmstar, mal als Köchin, mal als Hot-Dog-fingrige Geliebte ihrer Finanzprüferin.

Everything Everywhere All at Once
Was, wenn sich die Menschen evolutionär anders entwickelt hätten? In einem Paralleluniversum hat Evelyn Wang (Michelle Yeoh) Hot-Dogs als Finger.

Ein Film, der die Lebenswelt asiatischer Immigranten abbildet

Irgendwo zwischen Fantasy, Science-Fiction, Familiendrama und liebevoller Hommage an die populären Kungfu-Filme des Hongkong-Kinos gelingt es „Everything Everywhere All at Once“, ein komplexes, wohldurchdachtes, komisches und hochgradig aktuelles Stück Kunstkino zu schaffen.

Evelyn, gespielt von Michelle Yeoh, ist die ultimative Durchschnittsfrau, für die sich der amerikanische Traum ausgeträumt hat. Sie hat mit sprachlichen Barrieren und Vorurteilen zu kämpfen, der Streit mit ihrer Tochter führt dem Publikum die Konflikte zwischen erster und zweiter Migrantengeneration vor Augen.

Eigentlich hatten die Regisseure die Rolle für Jackie Chan geschrieben, doch der große Held des Hongkong-Kampffilms lehnte ab, wohl nachdem er das absurde Skript gelesen hatte.

Statt einen neuen männlichen Schauspieler zu suchen, entschieden sich Kwan und Scheinert, die Rolle für Michelle Yeoh umzuschreiben. Sie hätte eigentlich Chans Frau gespielt. Und tatsächlich: Die Geschichte funktioniere so besser, lautete die späte Einsicht der Regisseure. Die Academy sieht es genauso und verleiht Michelle Yeoh den Oscar für die beste Hauptdarstellerin.

Everything Everywhere All at Once
Für die 60-jährige Michelle Yeoh bedeutet der Film die späte Anerkennung. Es sei in ihrem Alter schwierig, überhaupt Rollen angeboten zu bekommen, sagt die malayische Schauspielerin in ihrer Rede bei den Golden Globes. Vor allem als Asiatin.

Asiatische Sichtbarkeit in Hollywood ist erst seit wenigen Jahren ein Thema

Erst in den letzten Jahren hat Hollywood asiatische Schauspieler für sich entdeckt. Zwar ist Michelle Yeoh seit mehr als 20 Jahren im US-Kino aktiv – erstmals 1997 als Bondgirl in „Der Morgen stirbt nie“ – es ist aber erschreckend kurz her, dass Hollywoods Produzenten asiatische Schauspielerinnen und Schauspieler nicht besetzen wollten, da ihre Gesichter zu ausdruckslos seien.

Spätestens seit mit „Crazy Rich Asians“ (2018) ein vollkommen asiatisch besetzter Film zur erfolgreichsten Romantikkomödie der letzten zehn Jahre avancierte und „Parasite“ den Oscar für den besten Film nach Korea holte, scheint es mit derartigen Bedenken vorbei zu sein.

Vor allem freut einen das für Ke Huy Quan, der Evelyns Mann Waymond spielt. Quan spielte als Kind Hauptrollen in Filmen wie „Die Goonies“ und „Indiana Jones und der Tempel des Todes“, zog sich dann aber wegen mangelnder Rollenangebote für Asiaten aus der Schauspielerei zurück.

Nun, kurz nach seinem Comeback, verlässt er die Oscars mit der Trophäe als bester Nebendarsteller.

„Everything Everywhere All at Once“, deutscher Trailer

Die Anerkennung kommt dank der aktiven Fanbase

„Everything Everywhere All at Once“ kam bereits vor einem Jahr in die amerikanischen Kinos. Es ist klassischerweise der Zeitpunkt für die Filme, denen man keine Chance bei den Filmpreisen einräumt. Dass die Academy of Motion Pictures dem Film dennoch mit satten sieben Oscars bedacht hat, ist vor allem der engagierten Fanbase zu verdanken.

Die Welten der Regisseure Dan Kwan und Daniel Scheinert begeistern mit ihrem surrealen Humor zwischen Butt-Plugs und Dildos im Kampfeinsatz, Waschbär-gesteuerten Köchen (frei nach Pixars „Ratatouille“) und allesverschlingenden Riesen-Donuts junge und alte Kinofans mit den verschiedensten kulturellen Hintergründen. Erfreulich, dass die Academy diesem Phänomen nun Rechnung getragen hat.

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