70 Jahre SWR Vokalensemble

Mit dem Auge hören

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AUTOR/IN
Dorothea Bossert

Jürgen Palmer: Begleiterscheinungen. 19 Zeichnungen in Kohle und Ölkreide

Wie kann man einen Chor in Bilder fassen? Drei Tage lang hat der Künstler und Grafiker Jürgen Palmer das SWR Vokalensemble bei der Probenarbeit begleitet. Das Ohr meldete Spannendes und Sensationelles, das Auge aber sah nur Notenpulte, Sprudelflaschen und ganz normale Menschen.

SWR Classic: Wir haben Sie gebeten, die Probenarbeit des SWR Vokalensembles drei Tage lang zu begleiten und dabei mit Zeichnungen auf Ihre Eindrücke und Wahrnehmungen zu reagieren. Was haben Sie denn erlebt in den Proben und wie haben Sie diese Eindrücke in Bilder umgesetzt?

Jürgen Palmer: Ich wusste ja so ungefähr, was mich erwartet, wie eine Chor- oder Orchesterprobe abläuft. Aber es hat mich dann doch überrascht, wie nüchtern es dort zugeht. Bei Theaterproben kann in der Probe schon mal Atmosphäre aufblitzen – aber hier? Atmosphärisch ist das trocken und für das Auge unfruchtbar. Dennoch: ich habe versucht alles intensiv aufzunehmen und zu beobachten, was es mit mir macht. Es gibt da eine große Diskrepanz zwischen Auge und Ohr. Was ich sehe, sind Individualkörper in Alltagskleidung mit ihren Taschen, Flaschen und Noten, was ich aber höre, ist ein Klang, der nicht aus Einzelkörpern kommt, sondern aus einem großen Körper. Und dann habe ich beobachtet, wie gearbeitet wird. Stück für Stück wird so ein Werk errungen, aus beinahe unzähligen Partikeln, die zusammengesetzt und collagiert werden. Frauenstimmen, Männerstimmen, Mittelstimmen, Unterstimmen und darüber der Sopran, einzelne Akkorde oder ganze Abschnitte – alles wird einzeln geprobt und dann zusammengesetzt. Das Endergebnis ist eigentlich eine Illusion, die aus vielen Einzelphänomenen erzeugt wird. Das alles habe ich aufgenommen, hätte es in Worten beschreiben können. Aber Bilder? Ich war weit weg von jeder Bildvorstellung. Ich gestehe, ich war ratlos und leicht verzweifelt.

SWR Classic: Die Probensituation als sichtbares Phänomen abzubilden, kam für Sie nicht in Frage?

Jürgen Palmer: Zunächst nicht. Ich hatte mir ein paar Verdikte auferlegt. Ich wollte keinesfalls Figuren zeichnen, die singen. Und keinesfalls Musik "abbilden". Letztendlich musste ich aber alles in Frage stellen. Ich habe dann etwas gemacht, was ich ebenfalls nicht tun wollte: Ich habe mir im Atelier Kopfhörer aufgesetzt, ständig die Stücke gehört. Ich habe meine intellektuelle Distanz aufgegeben und die Bilder zugelassen, die sich in meinem Unterbewusstsein angesammelt hatten. Da kamen Bilder zum Vorschein, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte. Zum Beispiel hat mich Holligers Hölderlin-Zyklus zu einer Figur gebracht, die sich "entleibt", wo der Leib aufspringt. Während Ligetis Hölderlin völlig unkörperlich war. Da hatte ich eher die Vision von Kraftzentren, aus denen eruptive Fetzen herauskommen. Wie Staubkörner oder kleine Explosionsgranaten, die sich um dieses Zentrum herumbewegen. Bei Martin Smolka dagegen gibt es große, elegische Bögen, etwas Meditatives und trotzdem Flirrendes. Allerdings bilde ich mir nicht ein, dass ich etwas zu Papier gebracht hätte, das sich den Klängen eindeutig zuordnen ließe. Es ist eher das Ergebnis eines Verdauungsprozesses im Umgang mit dieser Musik. Und wenn dabei immer wieder auch etwas Florales oder Figuratives aufscheint, dann hat das sicherlich damit zu tun, dass ich mich in den letzten Wochen und Monaten sowieso intensiv mit den Themen Landschaft und Figur beschäftigt habe.

SWR Classic: Aber die Hände des Dirigenten waren für Sie ein ganz unmittelbares Thema?

Jürgen Palmer: Ja, ich wollte versuchen, dieses Element des Ordnenden und Koordinierenden anzudeuten. Während ich den Dirigenten beobachtet habe, bemerkte ich, wie die Hände sich im Laufe der Zeit verselbständigten. Irgendwann geisterten sie durch den Raum, losgelöst von der konkreten Person: stiegen hoch, fielen herunter, wie Vögel oder Puppen. Das war ein sehr starker Moment in der Probe.

SWR Classic: Und dann haben sie doch noch singende Menschen gemalt.

Jürgen Palmer: Ja, beim Hören mit dem Kopfhörer sah ich plötzlich die Münder. Also dann: Wenn ich beim Hören die Münder sehr viel stärker wahrnehme als in der konkreten Probensituation, wo ich sie tatsächlich sah, dann kann ich sie auch zulassen. Dass ich sie im Kreis gezeichnet habe wie ein Karussell, das hat auch mit dem Hören zu tun. In der Probe hätte ich sie sicherlich nebeneinander gezeichnet, aber beim Hören war es eher so, dass alle Hälse und Münder aus einem gemeinsamen Körper herauskamen.

SWR Classic: Demnach war dieses Projekt für Sie eine intensive Auseinandersetzung nicht nur mit dem SWR Vokalensemble, sondern auch mit Ihnen selbst?

Jürgen Palmer: Ja, ganz sicher. Es war ein Kampf mit meinem eigenen Spiegelbild, denn ich musste mich völlig einlassen, musste gesichertes Terrain verlassen. Ich musste in verschiedene Richtungen stechen, um zu erleben: wo blutet es, wo tut es weh, wo tritt Luft aus, wo Lava. Insofern war es vielleicht auch meine eigene Leiböffnung, die ich da erlebt habe. Aber es war ein sehr elementares Erlebnis, bei dem ich dieser Musik und auch dem Gesang des SWR Vokalensembles sehr nahegekommen bin.

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Dorothea Bossert