Interview mit Péter Eötvös Die Temperatur steigt

Beim Eröffnungskonzert des SWR Symphonieorchesters steht Péter Eötvös als Dirigent und Komponist im Mittelpunkt. Wir sprachen mit dem Ungarn über seine Doppelfunktion, die Hitzegrade des Konzertprogramms und dessen ideale Solistin.

Herr Eötvös, wie komponieren Sie?

Ich schreibe die Noten mit Bleistift. Während ich die kleine Notenköpfe schreibe, höre ich jeden Ton einzeln und auch seinen Platz im Gesamtklang. Das Komponieren ist das innere Gehör. Die Klangwelt in mir hat noch keine Takte, alles ist noch im Fluss. Im Gegensatz zu Malern oder Dichtern entsteht beim Komponisten das Ergebnis erst sehr viel später und beeinflusst durch unzählige Faktoren wie Notation, Instrumente, Raumakustik etc.

Beurteilen Sie sich manchmal selbst als Komponist, während Sie ein eigenes Werk dirigieren?

Die Arbeit des Komponisten endet da, wo die ersten Fotokopien gemacht werden. Ab da bin ich ein völlig anderer Mensch und beurteile nur das, was ich als Dirigent sehe. Dann bemerke ich auch alle Fehler, die ich als Komponist in dem Manuskript noch nicht gesehen habe. Außerdem mache ich die typischen Eintragungen eines Dirigenten in mein eigenes Manuskript. Man würde denken, dass der Komponist weiß, was er will – absolut nicht! Das sind zwei verschiedene Aufgabenbereiche, die bei mir durch eine Betonwand getrennt sind [lacht].

Und dann treten Sie als Komponist und Dirigent vor ein Orchester.

Meine Erfahrung bei Proben zu Uraufführungen mit namhaften Orchestern ist, dass die Musiker mitdenken und die Fragen von selbst stellen. Es reicht nicht zu sagen "das ist zu laut, spielen Sie das bitte etwas leiser", sondern ich frage beispielsweise den Musiker nach der Dynamik, die er gerade gespielt hat und trage das, was er mir antwortet, gegebenefalls in die Partitur ein. Wo ich früher gedacht habe, sie werden mich beschimpfen, weil ich als Komponist nicht weiß, was ich da hinschreiben soll, merke ich, dass sie im Gegenteil ganz daran interessiert sind, bei solchen kleinen Änderungen mitzumachen. Keine Musikbeamten, sondern konstruktive Mitarbeiter.

Lassen Sie uns über das Programm mit dem SWR Symphonieorchester am 22.9. sprechen.

Ein sehr schönes Programm, finde ich. Ich sehe zwei Teile: Den ersten mit Saariaho und Mahler würde ich als west- und nordeuropäisch bezeichnen, kontemplativ und dramatisch. Der zweite Teil hat eindeutig einen osteuropäischen, tänzerischen Charakter.

Eine gedankliche Klammer des Programms ist die Liebe in ihren verschiedensten Facetten. Zu Beginn haben wir es bei Kaija Saarihos "Cinq Reflets" mit einer verhaltenen, höfischen Liebe zu tun.

Ich kenne Kaija Saariaho sehr gut, sie selbst ist so wie ihre Musik ist. Sie hat eine etwas distanzierte Haltung, aber auch eine sehr große Ausstrahlung, die immer zum Klang wird. Der musikalische Duktus ihrer Musik erinnert mich immer an eine heiße, kühle Liebe, so heiß, wie es für die Nordländer eben sein kann [lacht]. Als Theatermann war mir aber schon immer wichtig, dass das Publikum ins Geschehen auf der Bühne hineingezogen wird, sobald der Vorhang aufgeht. Es darf keine Wand zwischen Bühne und Publikum geben. Kaija schafft es schon mit dem ersten Ton, das Publikum in ihre Musik hineinzuziehen.

Der emotionale Gegenpol steht am Ende des Programms mit Bartóks "Mandarin-Suite".

Absolut. Wie Bartók die Liebe beim älteren Kavalier, beim jungen Freier und schließlich beim Mandarin ausdrückt, ist das ganze Gegenteil von der Art und Weise, wie Kaija Saariho die Liebe beschreibt. Hier geht es heiß, brutal und wild zur Sache.

Dazwischen werden wir das Adagio aus Mahlers 10. Sinfonie hören.

Hier haben wir eine kochende Liebe, dramatisch und geradezu lebensgefährlich stark. In den Proportionen ist es das stärkste Stück des Programms, die Intensität schlägt am weitesten nach oben und nach unten aus, zwischen einem Nonplusultra der Zärtlichkeit und dem größten Ausbruch. Ich empfinde das ganze Stück wie ein Satz, den ein Individuum sagt, ganz zart und ganz leise. Und dieses Individuum muss plötzlich mit größtem Erschrecken feststellen, wie schwer die Welt drumherum es belastet.

Wo sehen sehen Sie ihr eigenes Werk innerhalb dieses Konzertprogramms?

Peter Eötvös (Foto: http://eotvospeter.com/gallery/2/free_photos - Peter Kollanyi)
"Dramatisch und geradezu lebensgefährlich starke Liebe" bei Mahler. http://eotvospeter.com/gallery/2/free_photos - Peter Kollanyi

Ich sehe mein Werk eher in der Nähe zu Bartók. So wie meine Muttersprache Ungarisch ist, so ist meine musikalische Muttersprache Bartók. Mit ihm bin ich aufgewachsen. Die Erfahrungen, die ich später mit Komponisten wie Stockhausen oder Boulez gemacht habe, könnte man als 'beliebte Fremdsprachen' bezeichnen [lacht]. Ich selbst fühle mich auch programmatisch wohl in seiner Nähe, ich empfinde mein Stück wie eine Einführung zu seinem "Wunderbaren Mandarin".

Ihr zweites Violinkonzert "DoReMi" beginnt denkbar einfach, nämlich mit dem musikalischen ABC.

Ich fand die Idee lustig, ja kindisch, mit den Tönen Do, Re und Mi zu arbeiten, doch lange Zeit wusste ich nicht, wie ich fortsetzen, was ich mit dieser Idee machen sollte. Bis ich die drei Silben bzw. Töne Do, Re und Mi als drei Figuren oder auch Personen gesehen habe. In dem Moment, wo diese drei Figuren 'lebendig' geworden sind, konnte ich damit arbeiten.

Ein Kniff des bekennenden (Musik-)Theatermanns Péter Eötvös?

Klar, das war für mich schon die Bühne, dann sah ich drei Personen, und ich schaute mir an, was die da miteinander anfangen könnten: Die drei stehen nebeneinander, und die mittlere ist offensichtlich gefangen zwischen der linken und der rechten. Möchte die mittlere dort bleiben, fühlt sie sich wohl oder nicht? Sie beginnt, in beide Richtungen die Abstände zu verändern.

Sie brechen also die anfängliche Ordung auf – haben Sie Freude am Unordungmachen?

Ganz im Gegenteil [lacht]. Die Aufgabe des Komponisten ist, ein bestimmte Ordnung im klingenden Material zu schaffen. Es hängt vom Charakter und der Persönlichkeit des Komponisten ab, wie eine Ordnung beschaffen ist. 'Stil' ist für mich nichts anderes als die unterschiedliche Art, Ordnung zu machen. "DoReMi" ist quasi eine Oper für Solist und Orchester geworden. Die Dramaturgie läuft ab wie ein Bühnenstück, beschäftigt sich damit, was die Personen machen, wohin sie gehen, wie sich untereinander verhalten, was sie erreichen. Es ist also Dramatik und keinesfalls Unordnung, die ich in die einfache Ausgangslage von "DoReMi" bringen wollte.

Patricia Kopatchinskaja, die Solistin des Abends, wirkt auf der Bühne sehr extrovertiert – das müsste Ihrem theatralischen Konzept ja entgegenkommen.

Patricia ist eine Ausnahmekünstlerin, ich empfinde sie nicht als theatralisch, sondern eher als eine Tänzerin. Sie spielt barfuß, wobei ihre Füße auf dem Boden bleiben und ihr Kopf und Geist im Himmel sind. Ihre Gestik ist immer synchron mit dem, was sie musikalisch sagt. Alle Stücke, die Patricia spielt, erlebe ich so, als würde sie diese im selben Moment entdecken, wie bei der Improvisationskunst im Jazz. Man muss sie erleben, es ist das Schönste, wenn man sie live hört.

Das neue SWR Symphonieorchester ist aus dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg hervorgegangen. Nun stellt es sich dem Publikum mit diesem Programm vor. Gehen Sie mit einer besonderen Haltung oder Erwartung in die Proben?

Überhaupt nicht. Ich dirigiere beide Orchester seit 40 Jahren, und ich habe mit beiden hauptsächlich zeitgenössische Musik gemacht. Unabhängig von meiner Person denke ich, dass sich ein Orchester mit jedem Dirigenten in einen neuen Klangkörper verwandelt. Die Frage, wie sich die beiden Orchester z. B. stilistisch vereinbaren lassen, stellt sich für mich gar nicht. Es wird etwas Neues entstehen – für dieses Programm und in Verbindung mit meiner Person. Kommt der nächste Dirigent, wird man ein anderes Orchester erleben, das ist das Schöne an dieser Kunst.

Zur Person

Péter Eötvös (Foto: Marco Borggreve -)
Péter Eötvös Marco Borggreve -

Der aus Ungarn stammende Komponist und Dirigent Péter Eötvös wurde 1944 in Transsylvanien geboren. Er studierte an der Budapester Musikakademie Komposition und an der Musikhochschule Köln Orchesterleitung.

Zwischen 1968 und 1976 war er Mitglied des Ensembles von Karlheinz Stockhausen. Von 1971 bis 1979 arbeitete er im Elektronischen Studio des Westdeutschen Rundfunks in Köln. 1978 dirigierte er das Eröffnungskonzert des IRCAM in Paris und wurde zum Musikdirektor des Ensemble Intercontemporain ernannt. 1991 gründete er das Internationale Eötvös Institut für junge Dirigenten und Komponisten in Budapest, aus dem im Jahr 2004 die "Péter Eötvös Contemporary Music Foundation" hervorging. Er war als Professor an den Musikhochschulen in Karlsruhe und in Köln tätig.

Zahlreiche führende Orchester laden Péter Eötvös als Dirigenten ein, darunter die Berliner Philharmoniker, die Wiener Philharmoniker, das Concertgebouw-Orchester und das Cleveland Orchestra. Dazu kommt die regelmäßige Arbeit mit den wichtigsten Ensembles für Neue Musik. Seine Engagements führten ihn u. a. an die großen Opernhäuser von Mailand, London und Paris sowie zu den bedeutenden Festivals.

Seine Kompositionen werden weltweit von renommierten Klangkörpern und Opernhäusern aufgeführt. Große Opernerfolge waren u. a. "Drei Schwestern", "Le Balcon", "Love and Other Demons", "Lady Sarashina" und "Tragödie des Teufels".

Péter Eötvös wurde mit zahlreichen Preisen dekoriert, darunter sind vor allem der Kossuth-Preis (2002), der "Commandeur de l'Ordre des Arts et des Lettres" (2003), der Frankfurter Musikpreis (2007) und der "Goldene Löwe" der "Biennale di Venezia" (2011) für sein Lebenswerk zu nennen.

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