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Die erste rein orchestrale CD-Veröffentlichung des SWR Symphonieorchesters erscheint am 12. März 2021 im Handel. Hier können Sie schonmal reinhören.

CD Cover Dmitri Shostakovich Sinfonie Nr. 11 (Foto: SWR, Jirka Jansch )
Jirka Jansch

Eliahu Inbal im Gespräch mit Kerstin Gebel

Herr Inbal, die 11. Sinfonie, die Sie dirigieren, trägt im Untertitel "Das Jahr 1905", und wir wissen, es geht um den Aufstand von 1905, der von der zaristischen Regierung blutig niedergeschlagen wurde – inwiefern hat dieses Jahr 1905 mit der Musik zu tun?

Schostakowitsch war ein Kommunist, er hat an den Kommunismus geglaubt, er hat gelitten unter der Art, wie sich der Kommunismus zur Diktatur entwickelt hat. In der Sowjetunion litt er unter Existenzängsten, er hat erwartet, dass man ihn abholen würde wie viele seiner Freunde, dass man ihn einfach töten würde wie viele andere. Aber er hat an den Kommunismus geglaubt. Und diese erste Revolution von 1905 hat er sehr tief gefühlt. Ich finde, was er da geschrieben hat, ist großartig. Diese Stimmungen! Im ersten Satz, wo das Volk zum Palast geht, dann die Gewalt, die Tötung, dann die enorme Tragödie, die enorme Traurigkeit, die im dritten Satz kommt. Und am Ende eine Art Hoffnung für die Zukunft.

Was ist musikalisch an dieser 11. Sinfonie besonders reizvoll?

Der Glaube an den Idealismus, diese Idee vom Kommunismus, und vor allem die Beschreibung von Zuständen – wie er das realisiert, das ist großartig. Aber auch was seine eigene private Situation innerhalb der Politik anbelangt, hat er eingebaut in seine Symphonien. Ich kann zeigen, wo er die Partei karikiert, oder wo er Stalin beschreibt oder diese Gehorsamkeit, die man zeigen muss gegenüber den Behörden, der Partei. Das ist alles eingebaut in die Musik, mit einer großartigen Ironie. Ab der fünften Sinfonie hat er einen Weg gefunden, Musik zu schreiben, die etwas mehr 'accessible' ist, also mehr Kontakt zum Volk hat, ohne künstlerische Kompromisse zu machen. Das ist die Größe von Schostakowitsch. Wer behauptet, dass er Kompromisse gemacht hat, versteht Schostakowitsch nicht.

(Gekürzte Fassung eines Radiointerviews vom November 2018.)

Titel-Liste

I. Der Platz vor dem Palast. Adagio

II. Der neunte Januar. Allegro

III. Ewiges Gedenken. Adagio

IV. Sturmläuten. Allegro non troppo

Hörbeispiele

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