SWR Symphonieorchester | Programm 22. September

Gustav Mahlers Adagio aus der zehnten Sinfonie

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"Für dich leben!"

Gustav Mahler litt unter körperlicher Schwäche und seelischem Schmerz, als er seine Sinfonie Nr. 10 komponierte. Dann holte ihn der Tod ein und sein Werk blieb unvollendet.

Ein Blick zurück: 90 Jahre, bevor Kaija Saariaho die Konzertfassung "L'Amour de loin" komponierte, war Gustav Mahler mit der zehnten Sinfonie beschäftigt. Mahlers Leben glich einer Dauerkrise. Um 1910 sollten sich die Dramen zuspitzen. Der gesundheitliche Zustand des 50-Jährigen und schon lange chronisch Herzkranken war mehr als bedenklich. Und dann musste Mahler noch die Trennung von Alma Mahler, seiner "Almschi" verkraften. Ihr ist die zehnte Sinfonie gewidmet. "Du allein weisst, was es bedeutet" schrieb er an einer Stelle über die unvollendete Partitur der Zehnten. Am Ende des Adagios steht: "Almschi! Für dich leben! Für dich sterben!"

Das Adagio ist in einem Ton gehalten, der schon charakteristisch war für die langsamen Sätze vorheriger Sinfonien; den "herrlichen Längen" etwa des letzten Satzes der dritten Sinfonie oder dem Adagio aus der Fünften, das populär wurde durch Luchino Viscontis Film Tod in Venedig (1971). Nach Arnold Schönbergs Worten war Mahlers Neunte "nicht mehr im Ich-Ton gehalten (…), gekennzeichnet von einer "Schönheit, die nur dem bemerkbar wird, der auf animalische Wärme verzichten kann und sich in geistiger Kühle wohlfühlt." Nun, im Adagio bricht der subjektive Ton umso stärker hervor. Schmachtend-herb beginnen die Bratscher den Satz mit zart-zerbrechlichen Vibrati. Lang arbeiten sich danach die Violinen, die Blechbläser, dann auch Flöten und Celli an der ersten Kantilene ab. Sparsam geht Mahler mit seinem Material um. Er wartet ab, bis mit dem in die Welt Gesetzten tatsächlich alles gesagt ist.

Ehepaar Mahler (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Das Ehepaar Mahler, 1909

Gustav hatte Alma kurz vor seinem Tod geraten, alle Entwürfe zur Zehnten zu vernichten. Da sie in finanzielle Nöte geriet, tat sie es nicht. Diverse Spezialisten arbeiteten später an Ergänzungen und Rekonstruktionen der ursprünglich anvisierten fünf Sätze. Arnold Schönberg versuchte es mit seinen Schülern, auch Schostakowitsch, der Engländer Benjamin Britten und der Musikwissenschaftler Deryck Cooke. Aufführungen der komplettierten Sinfonie sind selten geworden. Übrig blieb am Ende meist nur das Adagio, das Mahler noch weitestgehend beenden konnte. Danach erlahmten seine Kräfte. Das Wissen um die Liebe seiner Alma zum Architekten Walter Gropius erschütterte ihn vollends. Ihm blieben nur noch einige Monate bis zum Tod in Wien am 18. Mai 1911.

Aus dem Programmheft, Autor: Torsten Möller

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